In ihrem Kopf ist sie schon Kanzlerin. Nicht dass sie übermütig wäre oder glaubte, es könne nichts mehr schief gehen. Im Gegenteil, Angela Merkel predigt Vorsicht und harte Arbeit, wie Politiker das so machen im Wahlkampf. Aber manchmal in den wenigen ruhigen Stunden, die sie dieser Tage noch hat, fühlt sie sich hinein und bangt doch etwas vor der Aufgabe. Dabei macht ihr die Außenpolitik – anders als ihren Vorgängern zu Beginn von deren Kanzlerschaften – am wenigsten Sorge. Das, meint die Exumweltministerin, kann sie. Weil es auch nicht so übermenschlich schwer sei, wie Kanzler und Außenminister es gerne darstellten. Sie habe schon viel Erfahrung gesammelt und verfüge über zahlreiche internationale Kontakte. Und im Übrigen: Man kennt die Interessen aller Beteiligten, weiß um die Abläufe – und um die Grenzen deutscher Politik. Beispielsweise geht Angela Merkel davon aus, dass sie politisch schlicht außerstande wäre, Bundeswehrsoldaten nach Iran zu schicken, falls die Amerikaner dort erneut in den Krieg zögen. Außenpolitik kann also aus ihrer Sicht zwar hart sein, aber sie ist berechenbarer, politische Physik eben.

Nein, wenn ihr etwas Furcht vor dem Amt einflößt, dann ist es die Innenpolitik, genauer die Frage: Wie schafft sie als Kanzlerin die Wende zur Zuversicht, wie kann sie den Deutschen die Angst vor der Zukunft nehmen? Es geht also um politische Psychologie, das schwierigste Fach von allen. Unter anderem deswegen, weil das Volk voller Überraschungen steckt. Neuerdings zum Beispiel schaut es ganz anders auf diese – immer noch – fremde Frau aus dem Osten. Die Leute sehen sie die ganze Zeit lächeln und strahlen. Dabei lächelt und strahlt sie keineswegs ununterbrochen. Aber die anderen Bilder werden kaum noch gezeigt, die mit den herunterhängenden Mundwinkeln, dem "Tante-Emmi-Gesicht", wie es Merkel nach dem Vorbild ihrer Tante nennt. Wie viel ausgestellte Fröhlichkeit braucht man, um Menschen optimistisch zu stimmen?

Angela Merkel möchte eine ästhetische Politik machen

Gerhard Schröder ist ein guter Schauspieler. Er kann entschlossen gucken, wenn er müde ist, und siegessicher, wenn er keine Chance mehr hat. Er kann lächeln, wenn er heulen möchte, und umgekehrt. Merkel hingegen sieht immer ungefähr so aus, wie es ihr geht. (Zurzeit geht es ihr sehr gut.) Schon von daher ist sie zur Ehrlichkeit verdammt. Ob das ein Nachteil sein wird? Ob sie alsbald wieder zurückfallen wird in den Teufelskreis von öffentlicher Verhässlichung ihrer Person und daraus folgender Verbissenheit, die dann wieder neue negative Bilder produziert? Wahrscheinlich ist das nicht. Denn Angela Merkel konnte schon immer anders sein, also so, wie sie in diesen Tagen wirkt, witzig, geistreich, fröhlich. Allerdings vermag sie so nur zu sein, wenn sie Vertrauen hat. Und das zu haben gelang ihr lange nur gegenüber engen Vertrauten, nur im innersten Kreis, im Zweifel allein gegenüber Büroleiterin Beate Baumann und Pressesprecherin Eva Christiansen. Seit einigen Jahren jedoch werden die Kreise größer, seit wenigen Monaten in immer schnellerer Folge. Zuletzt war es ihre neue Boy-Group, Norbert Röttgen, Eckard von Klaeden, Ronald Pofalla, die sie neues Vertrauen schöpfen ließen. Am Montag sprach sie, Zeichen und Wunder, sogar im Zusammenhang mit Edmund Stoiber von "Freundschaft". In Merkels Leben ist nun mehr Platz für Vertrauen und mehr Zeit zum Lächeln.

Auch gegenüber dem normalen Volk hat sich etwas verändert. Einerseits zum Negativen, weil das Bundeskriminalamt seit vorletztem Sonntag Angela Merkel mit der Sicherheitsstufe eins schützt, was ihr vorher nur beim Irak-Krieg passiert war und ihre Bewegungsfreiheit einschränkt. Andererseits zum Positiven: Die Leute wollen sie berühren. Frauen greifen ihr an den Arm, ältere Männer tätscheln ihr die Wange mit einem Blick, der sagt: Nur Mut, Kleine!

Ist das alles wichtig für eine deutsche Gefühlswende? Eher ja. Denn Angela Merkel glaubt nicht mehr daran, dass allein eine Summe von Maßnahmen – und seien sie noch so richtig – die Republik retten könne. Sie hat etwas Zusätzliches vor, etwas, das ihr bisher nicht zugetraut wurde. Man hört jetzt oft von ihr das Wort "schön". Damit sind nicht allein die schönen Momente gemeint, die ihr widerfahren. Nein, sie möchte ästhetische Politik machen, eine, deren Zusammenhang man versteht. Nicht mehr dieses Klein-Klein und Gewürge wie öfters bei Rot-Grün oder in der Phase, als die Union die Gesundheitsprämie zerredete. Ausgerechnet sie, die millimeterzähe Machtpolitikerin, fürchtet, als Kanzlerin den Einstieg zu vermasseln, keinen "schönen Weg durch das Dickicht der Besitzstände" zu schlagen.

Dass sie jetzt so spricht, hat mit der öffentlichen Verschönerung ihrer Person zu tun, von der sie indes nicht glaubt, dass sie lange dauern wird. Wichtiger noch für diesen sehr besonderen Moment in ihrer Karriere sind die Stimmungen, die sie seit zehn Tagen in Deutschland wahrnimmt. Sie wusste nicht, ob es einen Stimmungsumschwung gäbe, wenn Rot-Grün anfinge abzudanken. Es gibt ihn. Zumindest sind die ersten Versuche der Regierung, eine schwarze Republik als Schreckgespenst vorzuführen, gescheitert. Es wäre also psychologisch etwas da, womit Angela Merkel die Republik verändern könnte, wenn sie wollte.

Darüber wird viel spekuliert zurzeit. Was will sie wirklich? Will sie wirklich was? Genau lässt sich das nicht voraussagen, weil niemand weiß, was mit einem Menschen geschieht, wenn er die Schwelle zum Kanzleramt überschreitet. Das kann in ihm enorme Gestaltungskräfte freisetzen oder alle Kraft darauf reduzieren, drinzubleiben, egal ob man etwas verändert. Gerhard Schröder hat lange gebraucht, um wieder etwas zu wollen, nachdem er hatte, was er wollte. Auch bei Angela Merkel lässt sich ein solches In-die-Macht-Sinken nicht ausschließen. Wenn sie jedoch in etwa so bleibt, wie sie ist, dann kann man sich auf eine Menge Veränderung gefasst machen. Einmal, weil sie muss. Deutschland ist eben in sehr schlechter Verfassung. Zum anderen, weil sie kann. Die Union wird viele Jahre die Mehrheit in Bundestag und Bundesrat behalten und damit richtig durchregieren können. Drittens, weil sie will. Merkel hat als Ostdeutsche wenig Verständnis für die aus ihrer Sicht nach wie vor luxurierenden Westdeutschen. Auf Mitleid für vorgeschütztes oder kultiviertes Leiden braucht man bei ihr nicht zu hoffen. Nach fünfzehn Jahren deutscher Einheit kennt sie alle unsere Sentimentalitäten. Sie teilt sie nur nicht.