Alle reden vom knappen Öl. Doch kaum jemanden kümmern die Risiken, die der absehbare Mangel eines anderen eminent wichtigen Rohstoffs birgt. Ein Stoff, von dem sämtliche Formen des Lebens abhängen, ob Mikrobe oder Pflanze, ob Tier oder Mensch. "Öl ist ersetzbar", sagt Jürgen Hahn, Abteilungsleiter im Umweltbundesamt (Uba), "Phosphat hingegen nicht. Es ist essenziell für alles Leben."

Dennoch gehen wir mit dieser Ressource um wie die sprichwörtliche Sau mit dem Bettelsack. Jagen es als Waschmittel durch den Geschirrspüler, verwursten es als Zusatzstoff in Wurst, Käse und Speiseeis, schlürfen es als Phosphorsäure in der Cola, verbrauchen es als Flamm- und Korrosionsschutzmittel, überdüngen damit unsere Böden und Gewässer. Wir verbrennen, deponieren und vernichten es. Systematisch werden Kreisläufe der Natur durchbrochen.

Weil Phosphat so lebenswichtig ist, führen es nicht nur Pflanzen, sondern auch unsere Körper in einem fein austarierten Kreislauf. Bei jeder Aktivität helfen uns Milliarden Phosphatmoleküle. Sie liefern neben vielem anderen den Treibstoff des Lebens: Adenosintriphosphat, kurz ATP. Dessen Energie stammt aus der Verbrennung von Zucker; es überträgt sie auf Myriaden winziger Motoren, die in allen Körperzellen für den Stoffwechsel und Stofftransport sorgen und ebenso für den Signalaustausch. Für die Minimotoren in uns ist ATP das Benzin. Es "verbrennt" dort zu ADP (Adenosindiphosphat), wird recycelt und neu aufgeladen zu ATP. "ATP – ADP – ATP – ADP – ATP – ADP", so tuckert die Maschinerie des Lebens.

Damit nicht genug. Phosphat ist ein biochemischer Tausendsassa, knüpft Brücken und Ketten mit drei weiteren zentralen Grundstoffen des Lebens: mit Zuckern, Eiweißen und Fetten. Es bildet eine unübersehbare Zahl biochemischer Substanzen, deren Bedeutung noch längst nicht voll durchschaut ist. Fest steht: Ohne das Pfund Phosphat in uns hätten wir weder Knochen noch Zähne. Kein Muskel, kein Nerv, kein Hormon würde funktionieren. Sex könnte man vergessen, denn es gäbe überhaupt kein Erbgut. Zucker-Phosphat-Ketten sind das Rückgrat der berühmten DNA-Doppelhelix. Kurzum: Ohne Phosphat wären wir allenfalls ein antriebs-, knochen-, biss- und geschlechtsloser Pudding, statt Krone der Schöpfung ein Gespött ohne Evolution.

So lebenswichtig der Stoff in unserer Industriegesellschaft ist, so miserabel wird er genutzt. Die weitaus größte Menge allen weltweit geschürften Phosphats landet als Dünger auf den Äckern. Je nach Herkunftsort enthält es sogar giftige Schwermetalle wie Uran, das früher als Kernbrennstoff extrahiert wurde (siehe nächste Seite).

Jeder Bauer weiß, das wichtigste Nährelement für Pflanzen neben Stickstoff ist Phosphor (oder seine oxidierte Form Phosphat, beides wird oft synonym benutzt). Jährlich importiert Deutschland etwa 300.000 Tonnen mineralische Phosphatdünger. Doch die Erzlager in Russland, China oder Marokko sind begrenzt, qualitativ hervorragende Quellen wie die Guano-Inseln Nauru oder Banaba ausgebeutet. Mit verheerenden Folgen. Der Abbau hat ganzen Völkern die Wirtschaftsgrundlage entzogen.

Hauptursache für die Vergeudung ist, neben der Unkenntnis von der Bedeutung dieses Rohstoffs, der Ausstieg aus der alten bäuerlichen Kreislaufwirtschaft, die alle Abfälle verfütterte oder als Dünger nutzte. Sie zerfällt in getrennte Wirtschaftszweige: hier die Fleisch-, dort die Pflanzenproduktion, daneben die Abfallindustrie.

Wohin die Reise geht, zeigt die Schweiz. Dort ist bereits Realität, was nach Ansicht der meisten Fachleute in Deutschland noch kommen wird: ein Verbot der Klärschlammnutzung in der Landwirtschaft, weil dieser Dünger zu viele giftige Schwermetalle enthält. Doch so gehen auch große Mengen des wertvollen Phosphors verloren, schildert der Agrarforscher Franz Stadelmann von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Agrarökologie und Landbau in Zürich: "Klärschlamm enthält etwa 90 Prozent jener Phosphormengen, die unsere Landwirtschaft durch ihre Produktion tierischer und pflanzlicher Lebensmittel verliert."