Lang ist die Kunst, kurz die Politik? Neben Furtwängler, Klemperer, Bruno Walter und Erich Kleiber gehört auch Carl Schuricht, 1880 in Danzig geboren, jener Generation deutschsprachiger Dirigenten des frühen 20.

Jahrhunderts an, die tief in der Tradition des klassisch-romantischen Repertoires wurzeln. Und wie diese Großen, Berühmteren sieht sich auch Schuricht den politischen Zeitläuften unterworfen. Es sind seine Wiesbadener Mahler-Aufführungen der zwanziger Jahre, ausgerechnet, die ihm 1933 die Leitung des Philharmonischen Chors Berlin eintragen und ihm den Zugang zum Pult der Berliner Philharmoniker eröffnen. 1942 übernimmt er zusätzlich als ständiger Gastdirigent die Dresdner Philharmoniker, im Herbst 1944 übersiedelt er in die Schweiz, um bereits 1946, bei den ersten Nachkriegsfestspielen, wieder in Salzburg zu dirigieren. Man fragt sich, warum Schuricht, wie Furtwängler, unter den Nationalsozialisten in Deutschland blieb - und man fragt sich, warum er, wie Furtwängler, in buchstäblich letzter Sekunde das Schweizer Exil wählte. Aus Scham? Aus Angst?

Anders als Furtwängler allerdings schien Schuricht an der moralischen Schuld, am unschuldig Schuldigwerden, nicht zu zerbrechen. Weil er zu keinem Zeitpunkt die Genialität und die Prominenz Furtwänglers besessen hatte, weil seine musikantische Bodenhaftung ihn letztlich vor ideologischen Zudringlichkeiten schützte? Schurichts künstlerisches Credo (Einer Sache dienen ist besser als sich ihrer zu bedienen) legt dies ebenso nahe wie sein Repertoire: von Bach bis Bartók, von Mozart über Liszt und Tschaikowsky bis Debussy und Schönberg. Die Carl Schuricht-Collection, die gerade bei hänssler heranwächst, umfasst die Jahre 1950 bis 1966, in denen Schuricht der heimliche Chefdirigent des RSO Stuttgart gewesen ist. Die Aufnahmen zeigen ihn als aufgeklärten, sehr diesseitigen Musiker: Ein Wagner-Dirigent, dem es beileibe nicht nur um die große Klangmassierung zu tun ist, um den Rausch, den Wahn, mit Kunst die Welt ersetzen zu wollen - ein Beethoven-Interpret, der sich jeden revolutionären Kanonendonner verbittet. Carl Schuricht war Universalist, aus Leidenschaft, aus Redlichkeit. Cantate domino steht auf seinem Wiesbadener Grabstein geschrieben.

Carl-Schuricht-Collection

(hänssler classic 93.141-93.156, 18 CDs)