tanz Was an Russen russisch ist

Olga Pona wird in ihrer Heimat als Star des zeitgenössischen Tanzes gefeiert. Von Sibirien aus revolutioniert sie den sowjetischen Kulturpalast-Stil. Diese Woche gastiert sie in Berlin

Wenn sich ein Russe verdient gemacht hat um das Wohl seines Landes, wird er fotografiert, gerahmt und ausgestellt in der »Straße der Besten«. Die »Straße der Besten« war ursprünglich eine Ehrengalerie für die Helden der sozialistischen Arbeit, es gab sie tausendfach, in allen Ecken der Sowjetunion, und es gibt sie noch immer. Im Pionierpalast von Tscheljabinsk, vorm Metallurgischen Kombinat Metschel und im Foyer der Traktorenfakultät an der Staatlichen Universität Südural blicken reihenweise vorbildliche Gesichter von den Wänden herab. Schlosser, Elektriker, Sportler, Physikprofessoren. Der kleine Mensch als Ikone des großen Menschheitsfortschritts. Heute wie damals soll sie Ausdruck eines radikalen Demokratismus sein: dass jeder Bürger ein potenzieller Held ist und dass die Anstrengung des Einzelnen für die Gesellschaft von dieser gewürdigt werden muss. Deshalb hängt an der Wand mit den 60 herausragenden Absolventen der Tscheljabinsker Traktorenfakultät auch das Porträt der Choreografin Olga Pona.

Olga Pona, die im Halbprofil zarte Gesichtszüge und ein skeptisches Lächeln zeigt, hat hier von 1976 bis 1981 einen Ingenieurstudiengang belegt. Gleich nachdem sie ihr Examen mit Auszeichnung bestanden hatte, desertierte sie jedoch zur Kunstakademie, um Tanzpädagogin zu werden. Heute leitet sie die einzige russische Compagnie, die ihren Erfolg in Westeuropa nicht auf den klassischen Stil der Ballets Russes gründet. Während das Bolschoj und das Marijnskij-Theater noch immer ihre spätaristokratische Zwiebeltürmchen-Ästhetik exportieren, hat Olga Pona in der sibirischen Provinz – fernab von den Zentren der choreografischen Avantgarde – ihre persönliche Variante des zeitgenössischen Tanzes entwickelt. Ihr dynamischer Stil konterkariert sowohl die Theorielastigkeit des Westens als auch das Schönheitsideal des sozialistischen Realismus. Die neueste Choreografie, die Anfang Juni im Berliner Haus der Kulturen der Welt aufgeführt wird, trägt den einschmeichelnden Titel Nostalgia, aber das Bühnenbild sieht aus wie eine konstruktivistische Persiflage auf das Nationalheiligtum des russischen Birkenwalds. Die Tänzer durchstreifen ihn wie verirrte Touristen die staubigen Wälder vor den Toren von Tscheljabinsk.

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Eine Turnhalle mit zerbrochenen Spiegeln ist ihr Übungsraum

In einer Plattenbauwabe, 2000 Kilometer östlich von Moskau, wohnt Olga Pona mit ihrem 18-jährigen Sohn und ihrem zweiten Ehemann Aat Houghee, einem Niederländer, der in den Neunzigern das European Dance Development Center leitete. Drei schlichte Zimmer, eine Schrankwand mit Büchern, in der Küche das vorsintflutliche Verlautbarungsradio, auf dem nur ein Sender läuft. Ja, sagt Olga Pona, während sie Piroggen aufwärmt, die Heizung werde immer noch von der unsichtbaren Stadtverwaltung reguliert. Wenn der Frost früher als zum festgesetzten Termin komme, habe man Pech. Das sei aber nicht schlimm, schließlich gehe es im Leben um mehr als Bequemlichkeit. »Nämlich um die großen Fragen.«

Welche das noch wären, kann die Tochter einer linientreuen Russischlehrerin, geboren 1959 in einer Steppensiedlung zwölf Zugstunden von hier, auch nicht mit einem Satz beantworten. Gibt es Leben auf dem Mars oder nicht? hieß eine ihrer ersten Choreografien. Eine neuere Arbeit heißt, nach einem Satz Wiktor Jerofejews, dessen Bücher sie liebt: Does the English Queen know what real life is about? Das Stück wird auf einem Klettergerüst gespielt und handelt von der Enge des russischen Alltags. Aber auch von Nähe, Gemeinschaft. Da greifen die Bewegungen der Tänzer wie Zahnräder einer geheimnisvollen Maschine ineinander. Und man fühlt sich erinnert an Charlie Chaplin in Modern Times, wie er ins Getriebe der Neuzeit gerät, erst zerquetscht zu werden droht, aber dann auf wundersame Weise emporgetragen wird zum Triumph.

Olga Ponas abstrakte Choreografien gehen immer von einer konkreten Situation aus, oft von einem sozialen Befund. Der Trick besteht darin, das profane Leben, das die englische Königin nicht kennt, zu transzendieren. »Als normaler Russe«, sagt sie, »kann man sich Individualismus nicht leisten.« Ihre drei spartanischen Zimmer bedeuten ja Luxus, wenn man bedenkt, dass das Gehalt einer Ärztin monatlich 3000 Rubel (100 Euro) beträgt und nicht mal für die normale Einraumwohnung (4000 Rubel) reicht. Ihre Tänzer verdienen lumpige 2000 Rubel. Das ist die kommunale Förderung, Geld für die Produktionen muss das Ensemble durch Gastspiele verdienen. Neulich sind sie in Jekaterinburg aber wieder gratis aufgetreten. »Wenn wir nur noch für Geld tanzen, können wir es auch lassen.«

Obwohl Olga Pona gerade eine zweimonatige Tournee durch Westeuropa hinter sich hat, ist sie noch nicht ganz in der Marktwirtschaft angekommen. Dazu fehlt ihr der kaltschnäuzige Pragmatismus der Neuen Russen. Nur schamhaft erzählen die Profitänzer von den diversen Nebenjobs, mit denen sie sich über Wasser halten, am lukrativsten sind Show-Choreografien für Nachtklubs. Es ist, als müssten sie sich entschuldigen, dass sie die Verhältnisse in ihrem Land nicht besser im Griff haben. Auch Olga Pona schämt sich für vieles, zum Beispiel die zertrümmerten Briefkästen in ihrem Hausflur. Die beschmierten Fahrstühle. Den Uringestank im Treppenhaus. Welche Wut hat sich da eingenistet in den banalen Neubauten, im faulen Frieden der Diktatur, im Landwüst der Gorbatschowschen Freiheit? »Fatal an der Armut ist, dass sie primitiv macht. Und dass die Leute aufhören, Träume zu haben.«

Olga Pona hat das selbst an sich erfahren, als ihr Ensemble 1992, am Tiefpunkt der Jelzin-Krise, aus dem Kulturpalast geworfen wurde und sie sechs Monate ohne Geld auskommen musste. Sechs Monate Gartenarbeit auf der Datscha. Buch für Buch hat sie die Bibliothek ihrer Mutter verkauft. »Irgendwann hat man keine Kraft mehr für eigene Meinungen. Keinen Mut, etwas anzupacken. Man wird zum Sklaven.« Auch davon handeln ihre Choreografien: von der ewigen russischen Verzweiflung und dem Versuch ihrer Überwindung. Die westlichen Tanztheoretiker, mit denen Ponas Lebensgefährte Aat Houghee zu tun hatte, fänden das vielleicht zu simpel. Doch der ausgewanderte Postmodernist, Jahrgang 1941, glaubt mittlerweile, dass ein bisschen Russifizierung uns allen gut tun könnte. Pfeifeschmauchend sitzt er in der Plattenbauküche, vier Zeitzonen von Amsterdam entfernt. Er erinnert sich noch genau, wohin der Reflexions-Overkill an seiner Schule geführt hat. »Niemand hatte mehr ein Trainingsritual. Die Tänzer lagen auf dem Boden herum und suchten ihre Knochen zusammen.«

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