Tempelgleich erhebt sich das Gebäude des Engelhardt-Instituts für Molekulare Biologie (EIMB) über der Wawilow-Straße. Die vierundzwanzig Säulen des klassizistischen Baus streben vier Stockwerke hoch in den Moskauer Himmel. Doch die edle Einfalt ist gestört. Wie Pockennarben ragen Dutzende graue Kästen aus der Fassade – Klimaanlagen. Einst residierten hier die Bürokraten des Instituts für Bergbau, dann hielt zaghaft die Moderne Einzug. Heute wird saniert. Im zweiten Stock lärmen und stauben die Bauarbeiter.

Am Tresen der Eingangshalle wacht das alte Russland. Zwei Weiberlein mit grauem Haar, Schürze, Strickjacke und Kopftuch registrieren mit aufgeregtem Geschnatter jeden unbekannten Besucher. Plötzlich kehrt Ruhe ein. Auftritt Sergei Nedospasov. Dunkler Anzug, die Hemdbrust weiß gestärkt. Nedospasov ist Immunologe mit globalen Beziehungen und internationalen Preisen, ein Jetsetter der Forschung. Der Vorzeigeforscher weiß um seinen Erfolg.

Nedospasov führt durch sein Reich, Labore mit westlicher Ausstattung. Das ist in Russland nicht selbstverständlich. Das Engelhardt-Institut zählt zu den Einrichtungen der russischen Akademie der Wissenschaften, und selbst diese traditionelle Forscherelite des Riesenreichs ist politisch unter Druck geraten – wegen mangelhafter Leistungen.

Die kann man Sergei Nedospasov nicht vorwerfen. Gäbe es einen Grand Prix Eurovision de la Recherche, die Russen würden ihn in den Contest schicken. Hier in Moskau arbeiten zwei seiner drei Teams. Denn dass er auch an der Lomonossow-Universität forscht, ist fast schon Ehrensache. Seine dritte Gruppe arbeitet am National Cancer Institute im amerikanischen Frederick, 60 Kilometer von Baltimore entfernt. Ein-, zweimal im Monat pendelt der Biologe zwischen den Welten hin und her.

Plötzlich ist sein Mentor weg. Und der KGB stellt das Institut auf den Kopf

Was bei Nedospasov so spielerisch leicht klingt, ist wissenschaftshistorisch ein kleines Wunder. In Zeiten das kalten Kriegs waren die Chancen der russischen Biologen gering, Anschluss an den Westen zu bekommen. Sie hörten zwar vom Aufbruch der Molekularbiologie; mitforschen konnten sie nicht.

Nedospasov hatte Glück. Als er Anfang der siebziger Jahre ans EIMB kam, stieß er dort auf einen ebenso genialen wie fanatischen Wissenschaftler, Alexander Varshavsky. Der nahm das junge Talent unter seine Fittiche. Der Beginn einer wunderbaren Karriere zeichnete sich ab. Dann verschwand Varshavsky. Der Russe war auf einen Kongress nach Finnland eingeladen worden. Finnland galt, was Auslandsreisen angeht, in der Sowjetunion als halbwegs sicher, denn die Finnen schickten Asylbewerber prompt zurück ins Reich der KPdSU. Varshavsky floh mit einer Fähre nach Schweden, dann tauchte er in Paris unter. Dort erhielt er wenig später Post. Ein Forscherkollege vom Massachusetts Institute of Technology bot ihm eine Stelle an und legte das Flugticket gleich bei. Ein erfolgreicher US-Import: 2004 schrammte Varshawsky knapp am Nobelpreis vorbei. Prämiert wurde das Gebiet, auf dem der gebürtige Russe entscheidende Pionierarbeit geleistet hatte: der gezielte Proteinabbau in der Zelle.

Für Nedospasov muss die Flucht seines Mentors ein Schock gewesen sein. Monatelang wurde das Institut vom sowjetischen Geheimdienst nahezu stillgelegt. Dann – endlich – wieder so etwas wie Normalität, Forscheralltag.