Harmonischer kann es kaum beginnen, euphorischer auch nicht, wenn man bedenkt, welch schwierige Zeiten Angela Merkel in den letzten Jahren mit ihrer Partei erlebt hat. Nun tobt die CDU-Zentrale. Und es ist Edmund Stoiber, der gescheiterte Kanzleraspirant von 2002, der die Kanzlerkandidatin für 2005 am Montag präsentiert hat. Was er selbst werden will, wenn die Union im Herbst die Macht im Bund zurückerobert, hat der Bayer noch nicht erklärt. Nicht einmal seinen Wechsel nach Berlin hat er angekündigt. Aber man braucht in dieses Zögern nichts hineinzugeheimnissen. Stoiber kommt.

Immer hat er in den vergangenen Jahren durchblicken lassen, wie sehr ihn die Berliner Perspektive reizt. Und den CSU-Chef einzubinden ist aus Merkels Perspektive sinnvoll. An einer Neuauflage der Straußschen Rolle, eines grantelnden Ministerpräsidenten in München, ist ihr nicht gelegen. Und selbst wenn sie wollte, könnte Angela Merkel den Bayern ja nicht fern halten.

Gehandelt wird Edmund Stoiber seit langem für ein so genanntes Superministerium. Nicht nur in der Union traut man ihm die Clement-Nachfolge ohne weiteres zu. Doch sind bei CDU wie FDP Stoibers Zögerlichkeiten in Reformfragen unvergessen. Sein eigener Wahlkampf 2002 war ein Slalom, bei dem er die Rot-Grünen des Öfteren von links angegriffen hatte. Und im Schwestern-Streit um die Gesundheitsreform war es Horst Seehofer nicht allzu schwer gefallen, Stoiber auf die soziale Seite zu ziehen. Doch volksparteilicher als Wolfgang Clement sollte dessen Nachfolger aus Sicht der CDU-Reformer kaum sein.

Als Lösung für dieses Dilemma wird derzeit das Außenministerium gehandelt. Aus Stoibers Perspektive hätte das sicher seinen Reiz. Sosehr man sich als Superminister unbeliebt machen kann, so wenig kann man als deutscher Außenminister im Hinblick auf die eigene Popularität falsch machen. Und obwohl der bayerische Ministerpräsident diesen Gesichtspunkt mit Empörung von sich weisen würde, wüsste er ihn zu schätzen. Stoiber möchte geliebt werden. Und er möchte nicht riskieren, durch rigides Reformieren in Berlin den Nimbus der CSU zu Hause infrage zu stellen. Nur der bayerischen Routine entkommen, das möchte er auf jeden Fall. Wer ihn im Ausland beobachtet hat, weiß, dass er ausgedehnte Reisen mag. Statt nur den Freistaat künftig die ganze Bundesrepublik nach außen zu vertreten – das könnte ihm zusagen. Sein Über-Ich Strauß hätte das Amt gern genommen. Es war, neben dem Kanzleramt, das einzige, das Kohl ihm – mit Hilfe der FDP – immer verweigerte.

Das Verhältnis der Kandidatin zu Friedrich Merz – heillos zerrüttet

Wer aber würde dann Superminister? Ginge es dabei ausschließlich um Kompetenz, kämen Friedrich Merz und Wolfgang Schäuble gleichermaßen infrage. Doch das Verhältnis der Kandidatin zum ehemaligen Fraktionsvorsitzenden Merz ist spätestens nach dessen Abgang vergangenen Herbst heillos zerrüttet. Und auch Schäuble hat sich mit seiner damaligen Weigerung, das Themenfeld von Merz zu übernehmen, um seine Chancen für ein Superministerium gebracht. Schäuble könnte stattdessen Parlamentspräsident werden.

Und der Superminister – nicht in Sicht? Doch, ein Schwergewicht hat die Union für diesen Job, sogar eines, dessen Sympathiewerte seit Jahren nahe null sind: Roland Koch, er könnte einen Reformer geben, der nicht auf den Applaus des Publikums angewiesen ist. Koch wird alle Ambitionen auf eine Karriere in Berlin dementieren, wahrscheinlich bis zum Wahltag, und doch passt er bestens in das Stellenprofil der Union: Wie kaum ein anderer führender Christdemokrat hat Koch in den vergangenen Jahren für eine konsequente Wachstumspolitik geworben. Inspiriert durch politische Modelle, die er bei Besuchen in den USA studierte, versuchte sich der Hesse als Sozialreformer. Mit der Besetzung Kochs, den viele Beobachter in Berlin für den stärksten Unions-Politiker seiner Generation halten, wäre jedenfalls dem Thema Arbeitsplätze das entsprechende Gewicht verliehen. Zugleich wäre seine Berufung eine Zäsur im lange Zeit gespannten Verhältnis zwischen der Vorsitzenden und ihren Altersgenossen aus dem Westen. Es wäre intern ein Aufbruchsignal. Wer weiß, wenn Koch seine polarisierende Energie in den Dienst der zentralen Problemlösung stellt, vielleicht kann man an ihm bald neue Seiten entdecken.

Den Schlüsselposten für die FDP bekäme dann Hermann Otto Solms. Regierungserfahrung hat er schon als Fraktionschef in den neunziger Jahren gesammelt. Als Finanzfachmann ist er unbestritten, und das Fehlen jeglicher lebemännischen Ausstrahlung macht ihn zur Topbesetzung für die Eichel-Nachfolge. Solms ist, neben Wolfgang Gerhard, der seriöseste Kopf, den die Liberalen zu bieten haben – und darauf kommt es bei der Resozialisierung der FDP an der Macht ja durchaus an.