Moskau
Das künftige Staatsfrühstück des Milliardärs Michail Chodorkowskij sieht Hirsebrei, Tee mit Zucker, Brot und Margarine vor. Sofern das Straflager die Menüvorschriften des Justizministeriums einhält. Zu neun Jahren "Lagerhaft allgemeinen Regimes" wurde der einst reichste Mann und erfolgreichste Ölmanager Russlands am Dienstag verurteilt. Das Moskauer Gericht blieb nur ein Jahr unter der Forderung der Staatsanwaltschaft und ließ nebenbei für die russische Steuerkasse noch mehr als elf Millionen Euro aus dem Privatguthaben Chodorkowskijs einziehen, nachdem sich der Staat bereits den größten Teil seines Firmenimperiums angeeignet hat. Die Hatz auf den Dreistesten aller Oligarchen in Russland und einen potenziellen politischen Konkurrenten, der die Herrschaftspyramide von Präsident Wladimir Putin zu untergraben drohte, hat vorerst ihr Ziel erreicht.

Schon zum Ende der zweiwöchigen Marathonlesung seiner Urteilsschrift, einem besseren staatsanwaltschaftlichen Plädoyer, ließ der sonst beflissene Angeklagte Michail Chodorkowskij den Kopf sinken. Das absurde Warten auf das Strafmaß krönte wie angemessen Russlands "Prozess des Jahrhunderts", zu dem die Moskauer Stadtverwaltung 600 Polizisten und eine Baubrigade mit Kipplastern vor das Gerichtsgebäude bestellte - angeblich zufälligerweise zum Asphaltieren der Straße. "Für oder gegen Chodorkowskij?", fragten die Polizisten an den Absperrungen, um die letzte Spreu der Protestierer abzusondern. Im Gerichtssaal war diese Frage längst entschieden: Staatsanwalt und Richter dienten nach russisch-sowjetischer Tradition als Erfüllungsgehilfen der politischen Repression mit dem Zielort Besserungsarbeitskolonie.

Das russische Lagersystem ist ein riesiger Komplex von Schuld, Sühne und Kommerz. Alle gesunden Häftlinge sind zur Arbeit auf der Baustelle, in Nähfabriken oder beim Holzeinschlag, in Gießereien oder bei der Spielzeugproduktion verpflichtet. Vom minimalen Lohn zieht der Staat die Hälfte ein. Der Rest muss für die Abzahlung von Entschädigungen an die Opfer der Verbrechen und für den Einkauf von Lebensmitteln und Zigaretten reichen. Die haben die Wärter nicht selten aus den Verpflegungspäckchen an die Häftlinge entnommen, um sie für das eigene Portemonnaie zum Kauf anzubieten.

Manche Lager werden von der Verwaltung quasi privatisiert, auch wenn die bunten Plakate in den Korridoren von umfangreichen Rechten der Gefangenen künden. Die Lager erweisen sich als Basar, wo die individuelle Schlafpritsche, saubere Bettwäsche, der zusätzliche Laib Brot, die Freistellung von der Arbeit oder Medikamente käuflich sind. Mehr als 80 Prozent der russischen Strafgefangenen haben Gesundheitsprobleme. Fast jeder fünfzehnte ist HIV-infiziert, jeder zehnte hat Tuberkulose. Krankheiten verbreiten sich schnell, da die Blechschüsseln oft schlecht abgewaschen werden. Den tiefschwarz aufgekochten Tee trinken viele Häftlinge traditionell aus der Gemeinschaftstasse. Das Krankwerden am Wochenende ist in manchen Kolonien allerdings verboten, da die Sanitätsstation dann nicht offen steht. Ein Anrecht auf eine Kranken- oder Lebensversicherung gibt es nicht.

Häftlinge, die die Arbeit verweigern, die interne Kleidungsregeln missachten oder sich mit der Lagerleitung überwerfen, können mit verschärfter Isolationshaft bestraft werden. In einer kleinen Zelle aus Beton und Zementputz muss der Häftling in dünner Baumwollkleidung tagelang allein oder mit anderen Strafgefangenen ausharren. In manchen Lagern steht nur ein Eimer für die Notdurft bereit, der einmal pro Tag geleert wird. Pritschen und Bettzeug gibt es nicht. Als Strafmaßnahme werfen Wärter einen Häftling mitunter einfach zum Verprügeln in eine Zelle, in der bereits Gefangene einer verfeindeten Lagergruppe sitzen. Chodorkowskij, der die strenge Hierarchie seiner Unternehmen zum Erfolgsrezept ausgebaut hat, wird sich der Rangordnung der Lagerwelt unterwerfen müssen. Nur die brutale Herrschaft der Schwerverbrecher, die meist zur "Lagerhaft strengen Regimes" verurteilt werden, bleibt ihm erspart.

"Ich habe das Urteil verstanden", erklärte Chodorkowskij im Gitterkäfig des Gerichtssaales nach der Verkündung des Strafmaßes und fügte hinzu: "Es setzt der Basmannyj-Rechtsprechung ein Denkmal." Das Moskauer Basmannyj-Gericht, das bei all seinen Entscheidungen während der staatlichen Kampagne gegen Chodorkowskij und den Yukos-Konzern prinzipiell zugunsten der Steuerbehörden und Staatsanwaltschaft entschied, hat sich den Ruhm des willigen Handlangers der politischen Macht erarbeitet.

Russlands Richter stellen keine eigenständige und selbstbewusste Kraft dar, die sich an freiheitlichen und rechtsstaatlichen Grundsätzen orientiert. Sie dienen nicht der Rechtspflege, sondern vor allem im unermüdlichen Kampf an der Verbrechensfront - mit dem Schuldspruch als Etappensieg. 99 Prozent aller Prozesse enden mit der Verurteilung des Angeklagten. Die Gerichtsbarkeit schließt damit an die stalinistische Tradition an, als ein Freispruch automatisch die Überprüfung des Richters nach sich zog.