Berlin

Links im Kasino des Willy-Brandt-Hauses kann man die Vergangenheit besichtigen, da hängen an der Wand all die alten Plakate der SPD aus den Wahlkämpfen vergangener Jahrzehnte, mit Brandt, Schmidt, Rau, Scharping und schließlich Lafontaine, der für einen "Neuen Weg" wirbt – den wollte er damals noch mit der SPD gehen.

Rechts hängen nur zwei Plakate, modernes Design, sie sehen mehr nach Werbung aus als nach Politik. Das eine zeigt Gerhard Schröder. Auf dem zweiten sieht man eine Autokupplung. Da, wo der Rückwärtsgang ist, steht "Kohl", beim fünften Gang ein rotes "Schröder". Zwischen Brandt und Schröder sitzt SPD-Chef Franz Müntefering, sozusagen mit Vorvorgänger Lafontaine im Nacken. "Ich guck mich nicht um", sagt Müntefering und lacht kurz.

2005 sollte eigentlich das Jahr werden, in dem die SPD zu ihrer eigenen Politik aufschließt. Mit einem neuen Programm, so hatte Müntefering es geplant, sollte die Partei in der Gegenwart ankommen. Jetzt rennt ihm die Geschichte schon wieder davon. Er muss das alles zusammenkriegen, links und rechts, Vergangenheit und Zukunft, Schröder und die SPD, Regierung und sozialdemokratische Identität. Vor einem Jahr noch war Müntefering der Hoffnungsträger der SPD. Nun ist er zu einem Moderator des Abgangs geworden. SPD-Linke, Parteirechte, der Kanzler, alle hoffen, dass Müntefering die Notlandung halbwegs hinbekommt. Denn nur darum geht es noch, um Schadensbegrenzung, darum, dass die SPD möglichst heil aus der Sache rauskommt.

Von draußen klopft der Wahnsinn an

Einen Abend lang sah es so aus, als bestimme die SPD den Gang der Ereignisse. Das war, als der Parteivorsitzende Neuwahlen ankündigte. Schon am nächsten Morgen war Rot-Grün das erste Opfer der eigenen Beschleunigung geworden. Seither erleben SPD und Regierung einen Machtverlust im Zeitraffer. Müntefering lebt und leidet in zwei Geschwindigkeiten. Er redet jetzt noch mehr staccato als vorher. "Besser fürs Land und auch für Partei gut" sei die Entscheidung, sagt er. Er will sich jetzt auf das Wesentliche konzentrieren. Er lässt Artikel weg und ganze Verben, dafür hängt er am Ende oft ein "Das ist gut" an, als müsse er sich selbst überzeugen.

Gleichzeitig wirkt der SPD-Vorsitzende seltsam ruhig in diesen Tagen, er strahlt trotzige Würde aus, manchmal auch Überlegenheit. Er hat eine Entscheidung getroffen, zusammen mit dem Kanzler, an die klammert er sich nun. Er hofft, dass die Partei mit der Entscheidung ihren Stolz wiederfinden kann. Kreuz durchdrücken, kämpfen, nicht in die Knie gehen, aufrecht bleiben, all das. Bloß, die Pose des Helden in Bedrängnis funktioniert nicht mehr, das Publikum wendet sich schon den neuen Darstellern zu. Was nun?

Einen Wahlkampf "mit offenem Visier" werde es nun geben, ohne Taktik, ohne Spielchen, "einen richtig schönen Streit um die Zukunft des Landes", sagt Müntefering. Und dass die Regierung "keine Illusionen pflanzen" werde. Es soll jetzt nicht mehr darum gehen, wie man Umfragen gewinnt, sondern nur noch darum, was das Richtige für das Land ist. Das klingt gut, das klingt ehrlich. Das klingt nach Autosuggestion.