Hegel, der tote Hund, ist in Wirklichkeit ein Gespenst. Besonders merkwürdig war seine gespenstische Wiederkehr nach dem Fall der Berliner Mauer und der deutschen Vereinigung. Einige Philosophen verkündeten damals, nun sei die 200 Jahre währende Epoche von Kritik und Revolution definitiv abgelaufen, und der Weltgeist habe Hegel wieder auf den alten, den bürgerlichen Thron gesetzt, vor allem in Deutschland. Daraus folgte: Im Gegensatz zur alten Bundesrepublik, die von Hegels revolutionärem Schüler Karl Marx infiziert war, möge sich die vereinte Nation erneut unter dem Baldachin des Meisters versammeln und der geistigen Selbstentfremdung ein Ende setzen. So kehre das Bürgertum nach langer Reise in sein metaphysisches Quellgebiet zurück. Und wie bei Hegel kommen Staat und Familie, Wissenschaft und Religion zur alten Einheit zusammen. Es ist geschafft. Im nachkritischen Deutschland sei das Vernünftige wirklich und das Wirkliche vernünftig.

So preußisch-farbenfroh hatte mancher sich die langsame Heimkehr in kerndeutsche Traditionen ausgemalt - und den Abschied vom angelsächsischen Denken gleich mit. Auch dem Hegelkongress 1999 waren solche Stimmungslagen nicht fremd, und doch ist von der Nationalphilosophie außer Ernüchterung wenig geblieben. Auf dem diesjährigen Kongress - er findet alle sechs Jahre in Stuttgart statt - dominierten wieder strenge Lektüre und spekulative Askese. Mit recht drastischen Zitaten zeigte Rüdiger Bubner, Präsident der Internationalen Hegel-Vereinigung, wie Hegels Logik schon früh von der Sprachphilosophie eines Schleiermacher und eines Humboldt in Bedrängnis gebracht wird. Gleichwohl hat die Sprachphilosophie nicht das letzte Wort behalten - sie ist kein Allheilmittel zur Lösung der Welträtsel. Heute, so durfte man Bubner verstehen, führen viele Wege aus der Sprachphilosophie zum Meisterdenker zurück, weshalb man den Tagungstitel Von der Logik zur Sprache getrost auch hätte umdrehen können - mit einem Richtungspfeil in die Vergangenheit.

Bei solchen Kontinental-Verschiebungen schlägt natürlich die Stunde Robert Brandoms (Pittsburgh). Vor Jahren hatte der amerikanische Philosoph die Szene mit seinem Buch Expressive Vernunft (Suhrkamp Verlag) in Aufruhr versetzt - nun versuchte er, Hegels Subjekt- und Anerkennungstheorie rekonstruktiv einzuholen. Wie heftig Brandoms Werk inzwischen abstrahlt oder gar als transatlantischer Universalbaukasten genutzt wird, zeigte sich bei Charles Larmore (Chicago). Er kritisierte Kollegen, die immer noch, wie Vincent Descombes (Paris), den Tod des Subjekts verkünden. Auch Larmore nutzte Brandoms Rettungsleiter. Wer das Selbst des Subjekts nicht finde, der suche es am falschen Ort, im dunklen Grund jenseits der Wahrnehmungen. Dort steckt es aber nicht. Man müsse es, so Larmore, in seiner normativen Struktur aufsuchen, denn das Subjekt orientiere sich an Gründen, dessen Autorität es nicht selbst gestiftet habe. Kurzum, die Fähigkeit, nach Gründen zu handeln und Verpflichtungen einzugehen, bezeichnet den Ursprung der Subjektivität.

Für Romantiker ist das natürlich ein Skandal, aber es war niemand zugegen, der mit Gründen hätte widersprechen wollen.

Dass Hegel nun in vielen Denkströmungen, sogar im Pragmatismus, wiederkehrt, bietet auch Anlass zur Sorge. Christoph Menke (Potsdam) verteidigte Hegel gegen die neuen Freunde, die Leben und Geist vorschnell verrührten.

Diskret, aber vernehmlich sprach daraus die Sorge, die Geistes-Wissenschaften könnten vergessen, was sie von den Lebens-Wissenschaften unterscheidet.

Auch Martin Seel (Frankfurt) suchte im geschlossenen System eine offene Flanke. Konziliant im Ton, unnachgiebig in der Sache widersprach er all jenen getreuen Hegelianern, die glauben, die Welt vollends bestimmen zu können. Mit jeder Bestimmung öffne sich eine Zone des Unbestimmten. Wer über die Bestimmbarkeit der Welt spricht, darf über ihre Unbestimmbarkeit nicht schweigen.