Werden wir sie vermissen, die Wilden von einst, Jusos, Seminarmarxisten, Straßenkämpfer? Der it’s all over now- Diskurs zieht unter Rot-Grün schon Monate vor der Wahl den Schlussstrich. Ehe wir merken, dass die mit uns älter und alt gewordenen 68er tatsächlich abgetreten sind, gewöhnen wir uns schon daran. Wir erleben sie noch in Aktion, aber das sind lediglich Abschiede, eine Einübung in das künftige Leben ohne sie.

Man braucht freilich nur einen Anlass wie die denkwürdige deutsch-spanische Konferenz über die "Kultur des Erinnerns", um ein wenig beklommen zu werden bei der Aussicht auf die enthusiastisch herbeigewünschte Generationsablösung. Auf dieser gemeinsamen Veranstaltung von Goethe-Institut und Instituto Cervantes in Berlin ging es – mancher mag seufzen: wieder einmal – um Vergangenheit und Schuld, um Erinnern und Verarbeiten, um Holocaust und Franco-Diktatur. Es gibt Analogien, vor allem aber wichtige Unterschiede. Und wenn die Teilnehmer der Konferenz, Politiker, Historiker, Sozialwissenschaftler, Journalisten, auch einige Streitpunkte hatten, einig waren sie sich darin: An Beschäftigung mit ihrer Geschichte haben die Deutschen es nicht fehlen lassen. Unstrittig war dabei die Rolle der letzten Kriegsgeneration aus der ersten Hälfte der vierziger Jahre, der ominösen 68er: Ohne den Aufstand der Kriegskinder, die in einer Atmosphäre der Schuldverdrängung und des Erinnerns an eigenes Leid, an Bomben und Vertreibung, aufgewachsen waren, ehe sie von den Vätern Auskunft verlangten und zu Anklägern wurden, ohne sie wäre Deutschland nicht da, wo es jetzt ist. Ein Verdienst an der Nation, "trotz des Blödsinns, den sie auch auf die Agenda brachten", wie Joachim Gauck milde anmerkte. Die Spanier wollten davon lernen, versicherte deren Außenminister Moratinos.

Und da nun mit dieser Truppe angeblich ohnehin alles vorbei ist, kann man ohne Hemmung mitteilen, dass deren robustester Vertreter in der Regierung, der Außenminister, mit diesem Thema seinen großen Auftritt hatte. In einer Rede – unter Zeitdruck und ohne Manuskript – beschrieb Joschka Fischer sein Verhältnis zur deutschen Vergangenheit, zur politischen Bedeutung der Erinnerung und zur Verantwortung seiner Generation. Daraus wurde eine Art Abschiedsbilanz. Warum ich Politik machen wollte: "Nie wieder…!"

Fischer sprach auch von der Trivialisierung der Erinnerung, am Beispiel von Bernd Eichingers Film Der Untergang. In den Bunkern der Reichskanzlei werde man nichts finden, "was die zerbrochene Seele unseres Volkes betrifft". Warum Einstein vertrieben wurde und einer wie Eichmann Karriere machte, das herauszufinden sei die Aufgabe künftiger Generationen – das Vermächtnis seiner Generation an die Nachgeborenen, wenn schon nicht an die Nachfolger.

Apropos: Man hört ihm zu, stellt sich Westerwelle vor, meinetwegen Gerhard. Und spürt sogleich: Diesen Fischer, egal wie viel er wiegt, werden wir vermissen.