Seit die digitale Nachbearbeitung Teil unserer Arbeit geworden ist, haben wir ohnehin kaum noch Zeit, unseren Träumen nachzuhängen. Seit drei Jahren arbeiten wir buchstäblich Tag und Nacht. Mehr als hundert großformatige Bilder sind in dieser Phase entstanden. Die Möglichkeit, ein Kunstwerk bis zur letzten Sekunde in alle Richtungen ändern zu können, haben wir als unfassbar spannend erlebt. Früher war das nicht möglich, da mussten wir Leitern aufstellen und mit riesigen Pinseln hantieren. Jetzt fühlt es sich häufig an, als würde unser Hirn mit dem Computer verschmelzen und unser Unterbewusstes wie eine Spritzkanüle wirken. Noch nie waren wir unseren Gefühlen und Instinkten beim Arbeiten so nah. Und noch nie waren wir so neurotisch.

Dabei entsteht ein traumähnlicher Prozess künstlerischer Manipulation. Wir beginnen unsere Werke nie konzeptionell oder basierend auf im Voraus gefassten Ideen. Bevor wir uns auf ein neues Werk einlassen, versuchen wir uns völlig zu entleeren und alle Ablenkung abzustreifen, um uns selbst gehen zu lassen und uns ein Stück von jener Normalität zu entrücken, die an jeder Straßenecke gepredigt wird. Das ist äußerst schwierig, aber es ermöglicht uns, die Bilder davon sprechen zu lassen, wie man sich als Mensch an diesem Punkt des eigenen Lebens gerade fühlt.

Unser Studio muss zunächst einmal penibelst aufgeräumt sein und klinische Sauberkeit ausstrahlen, sonst können wir nicht abtauchen in diesen Raum zwischen Wachheit und Traum. Winzigste Schmutzflecken stören unsere Konzentration und werden vor Arbeitsbeginn von den Wänden radiert. Dann beginnen wir durch eine Parallelwelt voller Urin, Dreck, Kot und Vergänglichkeit zu waten. Wir beschreiten diese beiden entgegengesetzten Wege gleichzeitig. Sie bedingen einander. So wie wir auch selbst ständig zwischen Verrücktheit und Normalität hin- und herspringen.

Der Kontrollfanatiker in uns ist notwendig, um delikate Empfindungen und Gedanken, intime Sehnsüchte und Ängste in unsere Arbeiten fließen lassen zu können. Je organisierter wir sind, umso besser gelingt es uns auch, das Gefühl von Begrenztheit und Dummheit zu überwinden.

Eines Tages griffen wir zu A to Z, einem dieser Stadtpläne, den jeder dämliche London-Tourist mit sich herumschleppt, und liefen kreuz und quer durch die Straßen. Wir fragten uns ständig: Was tun wir hier eigentlich? Alles erschien uns entsetzlich banal. Aber schließlich führten uns diese unzähligen Wanderungen zu der jüngsten Serie Twenty London East One Pictures, die ausschließlich um das Londoner East End kreist. Straßen umspannen das ganze Drama des Lebens. In jeder Straße wird gestorben, in vielen von ihnen geboren. Straßen sind Zeugen von Demonstrationen, Verbrechen, Unfällen, von glücklichen und gescheiterten Lieben.