Washington

Am Sonntagnachmittag, man sitzt im Freien beim Grillen, geben plötzlich die Mobiltelefone Alarm. Wer das Pech hat, den Tag mit Führungskräften aus dem Weißen Haus zu verbringen, wird nicht mehr viel von ihnen haben. Dass die Franzosen den EU-Verfassungsvertrag abgelehnt haben, erreicht die Spitzenbeamten per Telefonkette. Jetzt ziehen sie sich diskret vom Grill zurück. Stattdessen heizen sie die Wortschmiede an. Heraus kommt dies: Die amerikanische Regierung sei für ein einiges und starkes Europa. Wie die Europäer das erreichen wollten, sei ihre Sache. Zu Deutsch: Man will sich raushalten.

Ganz so einfach ist es natürlich nicht. Die Regierung Bush hatte sich weit vorgewagt. Außenministerin Condoleezza Rice signalisierte noch kürzlich Unterstützung für die Verfassung – ganz im Sinne des neuen Pragmatismus, mit dem man der EU neuerdings begegnet. Vorbei die Zeit, da das Team Bush die Europäer in Gute und Böse, Neue und Alte sortierte. Vorbei die Zeit, da die Sorge vor dem selbsterklärten "Gegengewicht" Distanz schuf. Die Regierung Bush bewegt sich auf Europa zu – und entfernt sich zugleich von den eigenen Unterstützern.

Von Leuten wie David Frum beispielsweise, der für Bush Reden im Weißen Haus schrieb, als Erfinder des Worts von der "Achse des Bösen" gilt und nun, ohne Amt, seiner Schadenfreude freien Lauf lässt. Er schreibt: "George Bush: wiedergewählt. Tony Blair: wiedergewählt. John Howard: wiedergewählt. Währenddessen erleiden die beiden wichtigsten Opponenten der angloamerikanischen Antiterror-Allianz, Jacques Chirac und Gerhard Schröder, die schlimmste Demütigung der jüngeren europäischen Geschichte. Wer kann da noch behaupten, dass es keine Gerechtigkeit gibt auf dieser Welt?" Nach Frums Ansicht haben Schröder und Chirac die Regierung Bush zum Sündenbock gemacht, um die Beschäftigung mit den Problemen der eigenen Länder zu vermeiden. Jetzt zahlten beide "den Preis für Zynismus und Feigheit".

In Neocon-Kreisen wird aus dem französischen non gegen den Verfassungsvertrag ein Moment der Hoffnung auf ein "starkes, proamerikanisches, freiheitsliebendes, marktwirtschaftliches, freihändlerisches, sozial und moralisch erneuertes Europa". So stellt es sich jedenfalls Bill Kristol vor, einer der Regierungsvordenker. Viel mehr als ein persönlicher Traum dürfte es nicht sein.

In Wahrheit müssten sich Amerikaner beim Blick auf die Gründe für das französische Votum "mit Applaus zurückhalten", meint Philip Gordon von der liberalen Brookings Institution. Das Wahlergebnis stürze nicht nur Europa in die Krise, es sei auch ein Rückschlag für die Vereinigten Staaten. Während sich die Bush-Regierung ein starkes, einiges, global Verantwortung übernehmendes Europa wünsche, bewirke das Votum das Gegenteil. Es sei ein Sieg der "antiamerikanischen, antikapitalistischen und antiglobalisierenden Kräfte". Die Folge sei wahrscheinlich Lähmung. Wenn Europa sich jahrelang nach innen wende, müsse Amerika in der Welt sogar noch mehr Verantwortung übernehmen. Wer also bloß die "Franzosen scheitern sehen" wolle, meint Gordon, solle "lieber vorsichtig sein, was er sich wünscht".

Einen Premierminister Dominique de Villepin haben sich selbst frankophile Amerikaner nicht gewünscht. Wie niemand sonst gilt dieser Mann in Washington als Gesicht europäischer Selbstgefälligkeit. Seine Gedichte über französische Größe haben ihren Weg in amerikanische Zeitungen gefunden und sind unvergessen. Genauso wie de Villepins Auftritt im UN-Sicherheitsrat, als er vor dem Irak-Krieg Außenminister Colin Powell schulmeisterte. Gut möglich, dass nun selbst den größten Frankreichverächtern die Verfassung lieber gewesen wäre als dieser Premier.

So vielstimmig der Washingtoner Chor sein mag, eins verbindet alle Sänger: der Respekt vor dem Souverän und die Verwunderung über die ersten Kommentare aus Europa. Dass europäische Eliten nach einer Methode suchen, das Wahlergebnis stilvoll zu umgehen, verwundert alle. Die Chicago Sun-Times kommentiert, was sie als europäische Krankheit sieht: "Du hast das Recht zu wählen, aber nur wenn du wählst, was deine Herrscher dir empfehlen. Wenn du es nicht tust, keine Sorge!, werden wir dich behandeln wie einen Erstklässler und die Frage so lange stellen, bis du die richtige Antwort gibst."