Nun ist Paul Wolfowitz tatsächlich neuer Präsident der Weltbank , und lange wird es nicht dauern, bis sich seine zahlreichen Kritiker bestätigt sehen. Ja, der frühere zweite Mann im Pentagon wird auch im neuen Amt dafür kämpfen, westliche Vorstellungen von Demokratie um die Welt zu tragen. Ja, gelegentlich werden solche Pläne auf der gleichen Linie liegen wie amerikanische Eigeninteressen: Handelsöffnungen, mehr Spielraum für Konzerne, womöglich mehr Zugang zu den Ölreserven der Welt und ein Vormarsch gentechnisch veränderter Nahrungsmittel. Und ja: Der selbst ernannte "pragmatische Idealist" Wolfowitz hat nichts gegen eine Welt einzuwenden, in der die USA die politische und wirtschaftspolitische Hegemonialmacht bleiben.

Bloß klingt es immer so, als hätten Wolfowitz’ Kritiker aus den Hilfswerken der reichen Länder, aus den Aktivistenverbänden im Süden des Planeten und aus den Kreisen seiner Weltbank-Mitarbeiter ein alternatives Paket überlegener entwicklungspolitischer Rezepte in der Tasche. Doch so etwas gibt es nicht mehr.

Zu Beginn der neunziger Jahre teilten die Weltbank und der Internationale Währungsfonds noch ihren viel kritisierten "Washingtoner Konsens": Die Staatsapparate gehörten verkleinert, Unternehmer von ihren Fesseln befreit. Der Glaube daran ist verloren. Wenn es heute einen Konsens in der Entwicklungspolitik gibt, dann nur in zwei Punkten. Der erste ist ein Imperativ: Den Vorrang soll die Armutsbekämpfung haben, also die Linderung der größten Hungersnöte und Heilung für die schlimmsten Krankheiten der Welt. Den zweiten hat die Erfahrung gelehrt: Nicht "mehr Markt" oder "mehr Staat" haben sich als das Allheilmittel zur Armutsbekämpfung erwiesen, sondern ein Zusammenspiel von vielen Dingen. Es muss Freiheiten und Anreize für die Wirtschaft geben, Zugang zu globalen Märkten, einen ausreichenden Fluss von Kapital. Zugleich muss aber Infrastruktur her, es muss öffentliche Investitionen in Gesundheit und Bildung geben. Auf der einen Seite sollte man eine funktionsfähige staatliche Aufsicht über die Heilsbringer des Marktes schaffen, auf der anderen politische Transparenz und eine Aufsicht der staatlichen Aufseher selbst. Gelegentlich hilft ein Schuss demokratischer Mitbestimmung. Oder wie man heute so modisch sagt: Good Governance.

All das ist von den Positionen Paul Wolfowitz’ nicht weit entfernt. Der neue Weltbankchef will eine "neue Ära" der Armutsbekämpfung einleiten und reist in diesen Tagen als quasi erste Amtshandlung nach Afrika. Er ist auch kein Marktradikaler, der Staaten um jeden Preis schrumpfen sehen will. Wolfowitz will "eine Atmosphäre" schaffen, "in der private Investitionen ermutigt werden" – und anders geht es nicht. Doch sein Interesse an Demokratie und Governance deutet eher auf Staatsverbesserung als auf Staatsverkleinerung hin. Wenn man sich in diesen Tagen mit marktradikalen Erben des Washingtoner Konsenses unterhält, dann klingt das ganz anders als bei Wolfowitz: Solche Leute laufen Sturm gegen "globales Erlösertum" durch internationale Organisationen, fordern ein weiteres Schrumpfen der Entwicklungshilfe und eine Beschränkung auf wenige Projekte mit "messbaren Ergebnissen" wie etwa die Bekämpfung von Aids. Oder sie fordern mehr "technische Hilfe" für arme Länder, damit sie die Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) umsetzen können.

So könnte sich, allen Welt(bank)untergangspropheten zum Trotz, 2005 als ein gutes Jahr für die Bekämpfung der Armut in der Welt erweisen. Im Juli steht das G8-Treffen im schottischen Gleneagles bevor, wo Tony Blair eine ehrgeizige entwicklungspolitische Agenda umsetzen und vor allem Afrika helfen will. Die Debatten um die Zukunft der Vereinten Nationen gehen weiter und drehen sich nicht zuletzt um eine Verwirklichung ihrer so genannten Millenniums-Entwicklungsziele. Und jetzt hat sich ein einflussreicher Politiker der Hegemonialmacht USA dem Ziel der Armutsbekämpfung verschrieben – American style, aber immerhin.