Wenn der Augenarzt einen grauen Star diagnostiziert, muss eine Intraokularlinse aus Kunststoff her, exakt angepasst an das Patientenauge. "Wir haben den Standard für die Katarakt-Diagnose neu definiert", sagt Martin Wiechmann. Der Physiker leitet die Abteilung für Forschung und Entwicklung der Carl Zeiss Meditec AG in Jena. Sein "IOL-Master" vermisst das Auge des Patienten mittels Laserstrahl präzise, berührungslos und "so schnell wie kein anderer", wie Wiechmann versichert. Fünf Minuten verbringt der Patient vor der Maschine – andere Diagnosesysteme brauchen eine halbe Stunde.

Obwohl die Entwicklung des IOL-Masters bereits fünf Jahre zurückliegt, hat sich bis heute kein Konkurrent mit einem noch schnelleren Diagnosesystem hervorgetan. "Die patentrechtliche Absicherung hat gut funktioniert", freut sich Vorstandssprecher Ulrich Krauss. Alle denkbaren Modifikationen der Technik wurden gleich mitpatentiert. Mit 235 Millionen Euro Umsatz im vergangenen Geschäftsjahr hat sich das Thüringer Unternehmen nach eigenen Angaben 18 Prozent des globalen Markts für Augenheiltechnik gesichert und darf den Titel "Weltmarktführer" tragen. Von den 300 Mitarbeitern, die das Unternehmen in Jena beschäftigt, arbeiten 75 in der Abteilung Forschung und Entwicklung, kaum weniger als in der Montage.

Medizintechnik, Werkzeugmaschinenbau, Kommunikationstechnologie – dem gebündelten Licht geht es gut am Standort Deutschland. Dabei sah es zunächst gar nicht danach aus. Zwar wurden die theoretischen Grundlagen von Light Amplification by Stimulated Emission of Radiation (kurz: Laser) schon 1917 von Albert Einstein veröffentlicht. Doch für die praktische Umsetzung der Theorie sorgten Ende der fünfziger Jahre Amerikaner und Russen. Und so gab es zehn Jahre später in den USA schon über 350 Firmen, die sich mit Lasern befassten, in Deutschland aber nur sieben – sechs im Westen und in der DDR den VEB Carl Zeiss Jena.

Von dort kam 1965 der erste kommerzielle Erfolg deutscher Lasertechnik. Der Laser-Mikro-Analysator LMA1 richtete den feinen Strahl eines Rubinlasers über ein Mikroskop auf das zu untersuchende Material. Ein Mikrogramm davon verdampfte, wurde in einem elektrischen Feld zum Leuchten gebracht und dann mit dem eingebauten Spektrografen auf seine chemische Zusammensetzung hin analysiert. 25 Prozent aller weltweit eingesetzten Lasersysteme stammen heute aus Deutschland, bei der Materialbearbeitung sind es sogar 40 Prozent.

Das Know-how und die hochwertigen Rubinkristalle kamen Mitte der sechziger Jahre als Reimport aus den USA ins Land. Deutsche Wissenschaftler hatten dort am Bau der ersten Laser mitgearbeitet, nun wurden sie in ihr Heimatland zurückgelockt. "Die Arbeitsmöglichkeiten waren damals in Deutschland hervorragend", erinnert sich Wolfgang Kaiser. Der Physiker war 1952 nach seiner Promotion in die USA gegangen und gehörte 1960 an den Bell Labs in Murray, New Jersey, zu der Forschergruppe, die den ersten funktionierenden Rubinlaser präsentieren konnte. 1965 nahm er einen Ruf der Technischen Hochschule München an.

150 neue Stellen hatte die bayerische Landesregierung der Physik damals spendiert und dem USA-Rückkehrer zwei Millionen Mark für die Grundausstattung seines Laserlabors genehmigt. "Nach zwei Jahren waren wir mit den Kollegen in den USA konkurrenzfähig", sagt Kaiser. Sein Münchner Institut spezialisierte sich auf ultrakurze Impulse von Festkörperlasern, mit denen Energiemessungen in Molekülen möglich wurden. Das interessierte vor allem Biologen und Mediziner. In der Medizintechnik sind zum Beispiel Linsensysteme gefragt, die am Fraunhofer-Institut für Angewandte Optik und Feinmechanik (IOF) in Jena entwickelt werden. Anders als die herkömmlichen halbrunden Modelle besitzen diese eine flache Oberfläche. Nicht die Form der Linse bricht das Licht, sondern das Material, weil Natriumionen im Linsenglas gegen Silberionen ausgetauscht werden. Dank der flachen Oberflächen lassen sich die neuen Linsen zu winzigen, kompakten Systemen zusammenkleben. Auf diese Weise ist der Bau von besonders kleinen Diagnosekameras für endoskopische Untersuchungen möglich.

Die Innovationen sind da, jetzt hapert es an anderer Stelle. "Die klassische Optik-Ausbildung ist aus der Mode gekommen", klagt Thomas Thöniß, Forschungsmanager beim Göttinger Photonik-Unternehmen Linos. Der Grund für diese Entwicklung liegt in der deutschen Geschichte. An der Ostberliner Charité war 1987 die weltweit erste erfolgreiche Laseroperation zur Verbesserung der Sehschärfe am Auge durchgeführt worden. Laserinstitute kamen in Mode. Doch vom Ende der achtziger Jahre an brachten Wiedervereinigung und Rezession das Lasergeschäft in Schwierigkeiten. Von 25000 Zeiss-Mitarbeitern in Jena blieben nach der Wende nur gut 3000 übrig.

"Noch immer ist das Verständnis für die komplexen optischen Systeme nirgendwo so groß wie in Deutschland", sagt der Ingenieur. Bei der Qualität der geschliffenen und beschichteten Gläser könne die asiatische Konkurrenz einfach nicht mithalten. Aber die Hochschulen liefern nicht mehr genügend qualifizierte Absolventen. Also investieren die Firmen selbst in den Laser-Nachwuchs – und schulen nach.