Der Skandal um unerlaubte Produktplatzierungen in der ARD-Serie Marienhof wächst sich zum größten Schleichwerbekomplott in der deutschen Mediengeschichte aus. Neben der erwähnten Serie sind offenbar auch die ARD-Ärzteserie In aller Freundschaft und die ZDF-Krimiserie Rosenheim-Cops betroffen. Der Intendant des Westdeutschen Rundfunks, Fritz Pleitgen, sagte der Frankfurter Allgemeinen Zeitung : "Dies ist der schwerwiegendste Fall, den ich in meiner ganzen Amtszeit je hatte."

Aufgedeckt hatte den Skandal in dieser Woche der Evangelische Pressedienst . Zehn Jahre lang seien Werbeaussagen und Botschaften für Unternehmen und Interessensverbände in verschiedenen ARD-Sendungen versteckt worden, berichtet epd medien in seiner jüngsten Ausgabe. Die ARD-Produktionsfirma Bavaria Film habe zwei Münchener Privatunternehmen über Jahre erlaubt, Schleichwerbung für den Marienhof zu akquirieren. Die PR-Botschaften der zahlenden Kunden oder deren Markenzeichen wurden anschließend von der Bavaria in die Fernsehserie, teilweise sogar in Drehbuchdialoge eingebaut, schreibt der leitende Redakteur von epd-medien , Volker Lilienthal.

ARD strengt offenbar Verfassungsklage an

Bavaria Film ist mit einem Jahresumsatz von zuletzt 265 Millionen Euro das drittgrößte Fernsehproduktionsunternehmen in Deutschland. Der WDR ist der größte Anteilseigner der Firma und hält 33,35 Prozent. 16,67 Prozent liegen beim SWR, 16,64 Prozent beim Mitteldeutschen Rundfunk. Auch die Förderbank des Freistaats Bayern und die landeseigene LfA Gesellschaft für Vermögensverwaltung sind an Bavaria beteiligt.

Der Skandal fällt zusammen mit der Meldung, dass die ARD-Sender vor dem Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe gegen die jüngst beschlossene Gebührenerhöhung klagen wollen. Bei der Festlegung der Rundfunkgebühren für die Jahre 2005 bis 2008 waren die Länder im vergangenen Herbst in einem viel diskutierten Verfahren dem Vorschlag der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs (KEF) nicht gefolgt. Die KEF hatte eine Gebührenerhöhung von 1,09 Euro vorgeschlagen, wie sie auch ARD und ZDF favorisierten. Beschlossen wurde aber nur eine Erhöhung von 88 Cent von diesem April an.

Ohne Werbung geht es nicht?!

Noch im Mai hatten ZDF-Intendant Markus Schächter und MDR-Intendant Udo Reiter übereinstimmend gesagt, ein öffentlich-rechtliches Fernsehen ohne Werbung sei in absehbarer Zeit nicht durchsetzbar . Schächter sagte sogar: "Ich bin für Werbung, weil es uns näher an den Markt gebracht hat." Der Skandal trifft die Fernsehanstalten nun besonders, weil beispielsweise die ARD mit dem Marienhof Plätze für Werbespots in den Unterbrechungszeiten verkauft. Werbung in Form von so genanntem product placement ist den öffentlich-rechtlichen Sendern jedoch im Rundfunkstaatsvertrag ausdrücklich verboten.