Die britische Regierung hat die geplante Volksabstimmung über die EU-Verfassung auf Eis gelegt und damit die schwere Krise der Union weiter verschärft. Nach der klaren Ablehnung in Frankreich und den Niederlanden verschob London das ursprünglich im nächsten Frühjahr vorgesehene Referendum am Montag auf unbestimmte Zeit. "Wir leben in einer Zeit der Ungewissheit, und ehe wir weitermachen, wollen wir Gewissheit haben", sagte ein Sprecher von Premierminister Tony Blair. Der Regierungschef will allerdings auf keinen Fall als derjenige erscheinen, der der Verfassung den "Todesstoß" versetzt hat. Großbritannien hat in der zweiten Hälfte dieses Jahres die EU-Präsidentschaft und muss dann als Vermittler auftreten.

Die polnische Regierung hält dagegen daran fest, das Volk am 9. Oktober über die EU-Verfassung abstimmen zu lassen. Die Abstimmung soll zusammen mit den Präsidentenwahlen stattfinden. Das sagte der polnische Außenminister Daniel Adam Rotfeld am Montag nach einem Treffen von Vertretern der Regierung, des Parlaments und der Parteien bei Staatspräsident Aleksander Kwasniewski in Warschau. Alle Teilnehmer des Treffens seien der Meinung, dass nur so die für ein gültiges Referendum notwendige Wahlbeteiligung von mindestens fünfzig Prozent zu erreichen sei. Auch Portugal will vorerst an seinen Plänen für eine Volksabstimmung festhalten. Ähnliches bekräftigten ebenfalls  Vertreter Dänemarks, Irlands, Luxemburgs und Tschechiens. Der schwedische Ministerpräsident Göran Persson erwartet "erhebliche Auswirkungen" der britischen Entscheidung auf diese Länder.

Der britische Außenminister Jack Straw unterrichtete das Parlament in London offiziell von der Absicht der Regierung, zunächst kein Referendum abzuhalten. Die zweite Lesung des Gesetzentwurfs, der den Weg für die Abstimmung ebnen sollte, werde verschoben, sagte er. Nach den negativ verlaufenen Volksbefragungen der jüngsten Zeit sei es vernünftiger, weitere Debatten und Entscheidungen auf EU-Ebene über die künftige Entwicklung in der Union abzuwarten. Bundesaußenminister Joschka Fischer warnte nach der Ankündigung der britischen Regierung vor voreiligen Schlüssen.

Die in Bayern geborene Labour-Abgeordnete Gisela Stuart hält eine Zustimmung der Briten in einem möglichen Referendum über die EU-Verfassung derzeit für ausgeschlossen. "Ich kann mir im Augenblick keine Umstände vorstellen, wo man in Großbritannien in einer Volksbefragung ein Ja bekommen kann", sagte die Politikerin am Montag dem Bayerischen Rundfunk. Die Briten seien nicht, wie oft behauptet werde, EU-Gegner, sondern "EU-Realisten". "Man versucht immer, die Briten als Sündenbock Europas hinzustellen."

Dänemarks Regierung hält hingegen unverändert am Plan eines Referendums zur EU-Verfassung fest. Ministerpräsident Anders Fogh Rasmussen sagte am Montag in Kopenhagen, er sehe auch nach einem Telefonat mit Blair am Wochenende keinen Anlass dazu, seine Haltung zu ändern. Die dänische Bevölkerung soll am 27. September an die Urnen gerufen werden.

Nach Informationen der Welt aus EU-Diplomatenkreisen soll spätestens im Herbst ein Sonder-Gipfeltreffen abgehalten werden. Dabei sollen die Staats- und Regierungschefs offenbar ohne das Korsett einer Tagesordnung die Lage der EU grundsätzlich diskutieren. Aus Berlin hieß es, es solle in jedem Fall schon beim EU-Gipfel in der kommenden Woche in Brüssel eine Grundsatzdebatte über Gestalt und Zukunft der EU in Gang kommen. Darauf hätten sich Bundeskanzler Gerhard Schröder und Frankreichs Staatspräsident Jacqes Chirac bei ihrem Abendessen in Berlin verständigt. Konkrete Schritte, um die europäische Idee wieder populärer zu machen, müssten dort beraten werden.

EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso sprach sich unterdessen gegen eine Neuverhandlung der EU-Verfassung aus. "Der Text ist ein sehr delikater Kompromiss, dessen Ausarbeitung mehrere Jahre in Anspruch genommen hat", sagte Barroso. Es sei sehr schwer vorzustellen, wie ein neuer Kompromiss zustande kommen könnte, zumal die Ablehnung in Frankreich und den Niederlanden unterschiedliche Beweggründe habe.