Der Devisenmarkt, an dem Euro, Dollar und Schweizer Franken gehandelt werden, ist der dankbarste Markt für Analysten und Journalisten. Die Kursbewegungen dort haben meist wenig mit der Realität gemein, sind fast immer von Spekulation getrieben. So kann jeder fast alles behaupten: Warum die Kurse gerade nach oben springen, auf der Stelle treten oder fallen.

Ernst genommen werden in der Regel nur die Geschichten, die den aktuellen Trend unterstützen. Kognitive Dissonanz heißt dieses Phänomen in der Fachsprache der Verhaltensökonomen. Hat sich die Mehrzahl der Spekulanten gegen den Euro positioniert, fallen alle Interpretationen auf äußerst fruchtbaren Boden, die einen weiteren Kursrutsch vorhersagen. So werden sie schließlich zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung - bis der Trend wieder dreht; oder Panik ausbricht.

Zurzeit geht es dem Euro an den Kragen. Seit seinem Rekordhoch gegenüber dem Dollar zum Jahreswechsel (der Euro lag damals bei rund 1,36 Dollar), kennt Europas Währung nur noch eine Richtung: nach unten. Und seit dem klaren "Non" der Franzosen zur europäischen Verfassung fällt er noch ein bisschen schneller. Mittwochabend rutschte der dann nach dem holländischen "Nein" weiter unter 1,21 Dollar je Euro. Nun liegt er so tief wie zuletzt vor acht Monaten.

Na und? Selbst mit diesem Stand ist die europäische Währung immer noch viel zu teuer. Irgendwo um 1,10 Dollar taxieren die üblichen Modelle den fairen Wert des Euro. Dem Wirtschaftswachstum Eurolands täte es gut, wenn er weiter fiele.

Besorgniserregend sind da schon eher die Kommentare von Beobachtern, die das französische Nein für den Kursrutsch verantwortlich machen und eine Vertrauenskrise heraufbeschwören. Fast bekommt man den Eindruck, als stünde die Zukunft der Gemeinschaftswährung auf dem Spiel, als habe die Kapitalflucht aus der Währung ohne Nation schon eingesetzt.

"Rette sich wer kann - in den Dollar." Dieser Schlachtruf passt all jenen ins Konzept, die zur Zeit gegen den Euro und auf den Dollar wetten. Das sind nicht wenige. Nach Händleraussagen liegt die Anzahl der Wetten an den Terminmärkten, die auf weitere Kursgewinne des Dollar setzen, auf Rekordniveau. Die Herde rennt.

Aber das gilt fast ausschließlich für das Währungspaar Euro/Dollar. Die Aktien und Anleihen Eurolands gehen dagegen ihrerseits auf Rekordjagd. Der Deutsche Aktienindex Dax hat mit 4.500 Punkten den höchsten Stand seit drei Jahren erreicht. Die Anleihen Eurolands notieren fast jeden Tag auf absoluten Rekordhöhen.