Am 1. Mai dieses Jahres - vier Tage vor der Wahl in Großbritannien - veröffentlichte die Londoner Sunday Times ein Dokument, das erstaunlicherweise im Wahlkampfgetümmel untergehen sollte: Ein Protokoll über ein Treffen in Downing Street 10 am 23. Juli 2002, das Tony Blair mit seinem Außenminister Jack Straw sowie britischen Sicherheitsfachleuten acht Monate vor Beginn des Irak-Kriegs abhielt. Thema war die Strategie für den Kampf gegen Saddam Hussein.

Das regierungsinterne Geheimpapier zeigt, dass Blair und Bush die Welt getäuscht haben: Sie ließen die Welt glauben, dass dem Irak im November 2002 noch eine Chance eingeräumt würde, auf die Forderungen der UN-Waffeninspekteure zur Entwaffnung einzugehen und damit einen Krieg verhindern zu können. Obwohl sich das Bush-Blair-Duo bereits im Sommer 2002 entschlossen hatte, Saddam Hussein zu beseitigen.

Erste Kriegsvorbereitungen sechs Wochen nach Anschlag

Der amerikanische Präsident hatte sechs Wochen nach dem 11. September 2001 seinen Verteidigungsminister Donald Rumsfeld mit konkreten Planungen beauftragt, wie Saddam Hussein von der Macht zu entfernen sei. Im Sommer 2002 stand der Entschluss von Präsident Bush dann endgültig fest. Das berichtet Richard Dearloves, Chef des britischen Auslandsnachrichtendienstes MI6 auf dem Treffen in der Downing Street am 23. Juli 2002. Doch Blair wusste, dass der bloße Wunsch „nach einem Regimewechsel“ der Öffentlichkeit nicht ausreichen würde.

Bei dem Treffen im Londoner Regierungssitz überlegten Regierungschef Blair und seine Sicherheitsexperten, wie eine Rechtfertigung für die Militäraktion gefunden werden könnte, ohne den Unwillen der Weltöffentlichkeit auf sich zu ziehen. Laut Protokoll war es dann die Idee von Außenminister Jack Straw, Saddam ein UN-Ultimatum zu stellen und die Welt glauben zu machen, dem irakischen Staatschef werde eine wirkliche Chance gegeben. Blair soll Bush dann im September 2002 überredet haben, den Weg über die UN zu nehmen. Nachdem die UN-Inspektoren in der Folgezeit keine Massenvernichtungswaffen in Irak fanden und der amerikanische Außenminister Powell im Februar 2003 vor dem UN-Sicherheitsrat die Anklagepunkte gegen das Land vortrug, begann am 20. März 2003 der Krieg.

Das komplette Protokoll vom 23. Juli 2002 ist am Montag von der New York Review of Books veröffentlicht worden.