Schock und Begeisterung prägten, wie drei Tage zuvor in Frankreich, auch in den Niederlanden während der Referendumsnacht die Reaktion auf beiden Seiten. Schon wegen der Exit-Polls war klar, dass die europäische Verfassung in diesem Referendumsprozess gescheitert ist. Die Umfragezahlen auf der Basis von Nachfragen nach der Abstimmung, die den Triumph der Gegner der EU-Verfassung - einer Regenbogenkoalition aus allen politischen Himmelsrichtungen und intellektuellen Niveaus - außer Zweifel gestellt hatten, veranlassten die geschlagenen Ja-Sager aus der Mitte-Rechts-Regierung und der sozialdemokratischen Opposition zum eiligen Eingeständnis: Dieser Kampf ist verloren. Die Verfassung war, davon wollten sie nicht abrücken, eine gute Sache. Aber den Holländern war sie offenkundig nicht gut genug.

Am schönsten fanden die Besiegten vielleicht noch die für holländische Verhältnisse hohe Wahlbeteiligung von über sechzig Prozent. Sie war immerhin doppelt so hoch wie die Quote, die der christdemokratische Ministerpräsident Jan Peter Balkenende vorgegeben hatte: Ab einer Beteiligung von mindestens dreißig Prozent, würde er die Abstimmung ernst nehmen, hatte der Regierungschef gesagt. Da dürften nun ja alle Zweifel ausgeräumt sein. Ernst nehmen muss er von jetzt an die 61,6 Prozent der Holländer, die gegen das geplante europäische Grundgesetz gestimmt haben.

Am bittersten war das Debakel durch die Nee -Sager zweifellos für den jungen Oppositionsführer Wouter Bos. Er war als Hoffnungsträger an die Spitze gekommen, nachdem die Sozialdemokraten in der berüchtigten Pim-Fortuyn-Vermächtniswahl (nach der Ermordung des Populisten im Mai 2002) vernichtend geschlagen worden waren. Der junge ehemalige Manager, im Kabinett von Wim Kok Finanzstaatssekretär, sollte die sozialdemokratische Partei der Arbeit (PvdA) wieder mit den verlorenen Stammwählern im Arbeitnehmermilieu zusammenführen.

Das schien Bos zu gelingen, als die erste Regierung Balkenende nach achtzig Tagen auseinanderbrach, weil die populistischen Fortuyn-Liste nach dem Tod ihres Führer zerfiel. Doch jetzt, nach dem Votum über Europa, bei dem Bos und seine Partei mit der Regierung aus Christdemokraten, Rechts- und Linksliberalen gemeinsame Sache gemacht hatten, ist alles wieder vorbei. Bedrückt flüchtete sich Bos in der abendlichen Fernsehdiskussion in ein einprägsames Bild: Viele Bürger hätten bei Europa offenbar das Gefühl gehabt, sie säßen in einem Zug, der zu schnell fährt, kein Ziel hat und bei dem obendrein unklar war, wer noch mit drin sitzt und wer noch zusteigt -– da hätten sie die erste Gelegenheit genutzt, um abzuspringen.

Für die anderen Verlierer, voran Premier Balkenende, steckt wenigstens ein kleiner Trost in einer Analyse der Motive der Nein-Stimmer: Die ersten fünf Gründe betreffen nämlich nicht die nationale Regierung. Huch! Das freute den Mann mit dem Bubengesicht, den sie in Holland wegen seines Aussehens anfangs gern Harry Potter nannten. Doch die vermeintlich gute Nachricht täuscht darüber hinweg, dass es sich immerhin um eine drastische Absage an die Europapolitik aller politischen Verantwortungsträger des Königreichs handelt.

“Dies ist ein Erdrutsch gegen die gesamte niederländische Elite”, sagte einer der intellektuellen Berater des Oppositionsführers Bos, der bekennende Nee -Sager René Cuperus. Alle Ja-sagenden Meinungsführer, Politiker, Wissenschaftler, Publizisten, müssten sich nun fragen, so der Politikwissenschaftler, welche Konsequenzen aus dieser Lücke zwischen Volk und Elite zu ziehen seien . Weiter so, aufrecht bis zum Untergang, wird nicht funktionieren. Die nächste Generation der Populisten, voran der Führer der neuesten Einmannpartei gegen Einwanderung, Islam und inzwischen eben auch Europa, Geerd Wilders, sind schon am Werk und feiern ihren Erfolg.

Aber nicht nur dumpfe Populisten wie Wilders sind am Erfolg beteiligt. Die Nein-Fraktion rekrutierte sich aus vielen Lagern; und viele von ihnen hatten die Verfassung aufmerksam studiert. Sie haben einiges vorzubringen, was sie beschwert und Nein sagen lässt: Ihr Widerstand richtet sich gegen einen Macht- und vor allem Regulierungsanspruch aus Brüssel, der sie auf die Palme treibt; er gilt dem neoliberalen Paradigma, das aus ihrer Sicht die Brüsseler Vorgaben für die Mitgliedsländer zunehmend prägt (“Die Kommission soll das europäische Sozialmodell bewahren, doch sie höhlt es fortwährend mit neuen Bestimmungen aus”). Der Widerstand ist vor allem auch ein Protest gegen die Teuerung der Lebenshaltungskosten, die auf die Einführung des Euro zurückgeführt wird (und eine angeblich von der deutschen Kohl-Regierung verhinderten Neubewertung des holländischen Gulden vor dem Umstieg auf die gemeinsame Währung). Er soll die Empörung darüber ausdrücken, dass die Holländer Opfer zur Einhaltung genau jener Stabilitätskriterien von Maastricht brachten und bringen, über die Deutsche und Franzosen sich nun schon mehrmals einfach hinweg gesetzt haben.