Bei der Begegnung an der russischen Pazifikküste mussten sich die drei asiatischen Großmächte erst aneinander gewöhnen. Minutenlang ließen Sicherheitskräfte den indischen Außenminister Natwar Singh nicht zu Gesprächen mit den Amtskollegen aus Russland und China. Man habe den Inder nicht erkannt, hieß es. Solche Pannen soll es in Zukunft nicht mehr geben. Moskau, Peking und Neu Delhi prüfen eine strategische Allianz für das 21. Jahrhundert, deren Einfluss weit über Asien hinaus reichen soll.

Bei ihrem Treffen in der Stadt Wladiwostok verbargen der Russe Sergej Lawrow, der Chinese Li Zhaoxing und der Inder Natwar Singh ihre Ambitionen vorerst hinter Floskeln. Man strebe gemeinsam nach Weltfrieden und der Demokratisierung der internationalen Beziehungen, betonten die Vertreter der Atommächte. Bei den Dreiergesprächen ging es nach Einschätzung von Beobachtern aber auch um Öl und Waffen.

Alle drei Staaten müssen der Gefahr des islamischen Fundamentalismus innerhalb und außerhalb ihrer Grenzen begegnen. Moskau und Peking lobten unisono das Vorgehen der Militärs Mitte Mai in Usbekistan. Soldaten hatten nach Angaben von Menschenrechtlern bis zu 800 Demonstranten in der Stadt Andischan erschossen.

Einige russische Experten erhoffen sich von der asiatischen Begegnung eine deutliches Signal an die USA. "Niemand braucht die Vorherrschaft eines einzelnen Staates", betont der Politologe Michail Schinkowski. Der Wissenschaftler aus Wladiwostok, 9000 Kilometer östlich von Moskau, erwartet keine schnellen Erfolge. "Je häufiger sich Russland, Indien und China in diesem Format treffen, desto zügiger lässt sich ein "strategisches Dreieck" in den kommenden 20, 30 Jahren aufbauen", sagt Schinkowski.

Die Führung in Moskau setzt auf eine europäische Ausrichtung, will aber nicht auf die asiatische Option verzichten. Zwei Drittel des russischen Territoriums liegen in Asien. Erste Bemühungen um eine asiatische Troika waren Ende der 1990er Jahre am damals noch angespannten Verhältnis zwischen Peking und Neu Delhi gescheitert.

Die indisch-chinesischen Gespräche in Neu Delhi vor zwei Monaten brachten die Wende. Der chinesische Ministerpräsident Wen Jiabao bezeichnete die Inder nicht mehr als "Konkurrenten, sondern als Freunde". Beide Seiten suchen nach Lösungen im Grenzstreit, der 1962 einen Krieg auslöste und seitdem das Verhältnis belastet. Indien bewirbt sich wie Deutschland um einen ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat und braucht dafür die Unterstützung Chinas und Russlands.

Die russische Industrie will auch in Zukunft am Machtdrang der Bevölkerungsriesen China und Indien verdienen. Die beiden Großkunden kaufen 80 Prozent der russischen Rüstungsexporte. China und Russland halten im Herbst erstmals ein Großmanöver im Reich der Mitte ab.