Neben dem Popart-Konterfei von Ché Guevara, das auf Galima Bukharbeavas rotem Notizbuch prangt, ist ein Einschussloch zu sehen. Dort hat eine Gewehrkugel, die den Rucksack der usbekischen Journalistin durchschlug, ihre Spur hinterlassen und ist erst von dem Plastik-Presseausweis, der in der Mitte des Büchleins steckte, abgelenkt worden. Ohne den Ausweis hätte die Reporterin das Massaker am 13. Mai in der Stadt Andijan, nahe der Grenze zu Kyrgystan, wohl nicht überlebt.

Galima Bukharbeava ist eine schlanke, zierliche Frau. Grazil und kerzengerade sitzt sie auf dem Podium im Londoner „Frontline Club“, einen Club für Auslands- und Kriegsreporter, und berichtet von den Ereignissen in Andijan. Sie ist seit 2000 Usbekistan-„Landesdirektorin“ für das „Institute for War & Peace Reporting“ (IWPR), einer gemeinnützigen Organisation, die rund um die Welt lokalen Journalismus in Krisengebieten fördert. Sie und weitere einheimische IWPR-Kollegen waren eine Zeit lang die einzigen, die internationale Medien mit verlässlichen Informationen über das Geschehen versorgen konnten.

Das verarmte Usbekistan unter der Herrschaft von Islam Karimov gilt als brutale Diktatur, mit völlig kontrollierten Medien. Im jüngsten Bericht des Zeitungs-Weltverbands über globale Trends fand Usbekistan für die „Neuerung“ Erwähnung, Zeitungen ganz ohne Nachrichten eingeführt zu haben. Die Sorge des Regimes vor einer freien Presse ist verständlich. Im Nachbarland Kyrgystan, wo im Februar ein Aufstand den Dauerpräsidenten Askar Akajev, der das Land als Familienbesitz behandelte, verjagte, berichteten die Printmedien schon vorher unter vergleichsweise wenig Restriktionen. Angeblich war es ein Zeitungsfoto des protzigen Palastneubaus von Akajev, das den Umsturz auslösen half.

Das Massaker von Andijan hat international eher kurz Wellen geschlagen. Karimov wollte zunächst nur eine Handvoll Toter, angeblich „islamistische Terroristen“, eingestehen. Die Regierung in Tashkent sprach am Ende dann von 169 Getöteten, davon 32 auf Seiten der Sicherheitskräfte, und stritt ab, dass es zivile Opfer gegeben hätte. Nach Oppositionsangaben starben dagegen mindestens 745 Menschen, und die Zahl könnte noch höher liegen. Einer unabhängigen Untersuchung durch die Uno, wie sie beispielsweise US-Außenministerin Condoleezza Rice und Bundesaußenminister Joschka Fischer forderten, erteilte Karimov eine Absage – wohl gestärkt durch die Unterstützung Russlands und die bedeutsame Stille umliegender Staaten wie beispielsweise China, Indien oder Pakistan.

„Es war die schlimmste Erfahrung meines Leben“, sagt Galima Bukharbaeva, deren Berichte von englischsprachigen Medien wie „Observer“, BBC Online und „Wall Street Journal Europe“ publiziert wurden, „ich und einige IWPR-Kollegen waren am Vormittag lediglich nach Andijan gekommen, um Berichten nachzugehen, dass Rebellen den Amtssitz des lokalen Gouverneurs besetzt hätten.“

Auslöser für den Aufstand war ein Gerichtsverfahren gegen 23 lokale Geschäftsleute, die angeklagt waren, einer islamistisch-fundamentalistischen Organisation namens „Akramia“ anzugehören, Vorwürfe, die die Angeklagten als willkürlich und frei erfundenen bezeichneten. „Der Staatsanwalt hat uns gegenüber erklärt, er fordere lange Gefängnisstrafen nicht für das, was sie getan hätten, sondern das, was sie zukünftig tun könnten“, sagt Bukharbaeva.

Während der Verhandlungen am 10. und 11. Mai hatten Verwandte der 23 gegen das Verfahren demonstriert, Sicherheitskräfte anschließend eine Reihe der Protestierenden verhaftet. In der Nacht vom 12. zum 13. Mai versuchten Angehörige der Gefangenen eine Befreiung, die teilweise gelang, und die Aufständischen konnten sich bewaffnen. Schließlich besetzten sie das Gebäude der Regionalregierung.