Gelegentlich erreichen uns aus der sonderbaren Welt der alten 68er Nachrichten, die uns den Kopf schütteln lassen. Wie kann einer, der vor 40Jahren mit Inbrunst die Internationale gesungen hat, auf seine alten Tage bei der NPD oder im Milieu schwarzbrauner Burschenschaften anlegen? Wie bringen ehemalige Apologeten der RAF es fertig, die Freuden des entfesselten Marktes zu preisen? Wie können einst hartgesottene Stalinisten mit sanftem Blick die Fahne des liberalen Humanismus auf dem Realo-Flügel der Grünen aufpflanzen?

Geschichte wiederholt sich nicht, wohl wahr. Und doch gibt immer wieder verblüffende Parallelen. So finden wir auch im 19. Jahrhundert "68er" mit oft bizarren Biografien. Die vielschichtigen Revolutionen von 1848/49 bedeuteten wie "1968" einen – über etwa ein Jahrzehnt hinweg vorbereiteten – Aufbruch, einen scharfen Generationswechsel, eine Dynamisierung der politischen Verhältnisse, die mit gewissen Verzögerungen zu gesellschaftlichen Umbrüchen führten. Auch nach 1849 begann ein Teil der gescheiterten Revolutionäre den Marsch durch die Institutionen, und dies mit ganz ähnlichen Begleiterscheinungen wie bei den 68ern heute: die Spaltung zwischen "Realpolitikern" und "Fundamentalisten" und wechselseitige, erbitterte Verratsvorwürfe.

"1848" bedeutete wie "1968" eine Kommunikationsrevolution. Das Parteiensystem wurde neu strukturiert. Und in beiden Jahrhunderten folgte mit etwa zwanzigjährigem Abstand auf die Revolution beziehungsweise Revolte eine deutsche Einigung: 1867/71 die Reichsgründung, 1989/90 die Wiedervereinigung.

Vom Frankfurter Straßenkämpfer zum Berliner "Realpolitiker"

Wie heute die 68er enervierten die 48er die nachfolgenden Generationen mit ihren Heldengesängen und Selbstfeiern. Und auch sie verlangten aufgrund ihrer revolutionären Anstrengungen in jugendlichem Alter (die wie "1968" auf den ersten Blick gescheitert und auf den zweiten Blick sehr folgenreich waren), lebenslang politisch sehr ernst genommen, wenn nicht verehrt zu werden.

Fundis gegen Realos: Besonders heftig brachen die Gegensätze zwischen den einstigen Kampfgenossen während der deutschen Nationalstaatsgründung auf. Diese wäre ohne die Revolutionen von 1848/49 nicht möglich gewesen. Aber die 48er stritten, seit Otto von Bismarck die Führung bei der deutschen Einigung übernommen hatte, darum, ob eine Zusammenarbeit mit diesem bekennenden Reaktionär und Gegner einer liberal-parlamentarischen Verfassung ein Verrat an den Idealen der Revolution sei oder aber eine "realpolitische" Neuorientierung angesichts veränderter Verhältnisse.

Im Februar 1870 schließlich kam es zu einem Eklat, der den Konflikt aufs schönste illuminierte. Es ging um eine pergamentene Urkunde aus dem März 1849. Sie enthielt den Text der Reichsverfassung und war von den 405 Abgeordneten des Frankfurter Paulskirchenparlaments unterschrieben worden, die ihr zugestimmt hatten. Die Urkunde war anschließend mit einer Delegation nach Berlin gereist, um dem preußischen König überreicht zu werden – wenn dieser denn die deutsche Kaiserwürde angenommen hätte, die ihm von der Nationalversammlung angetragen worden war. Da Friedrich Wilhelm IV. aber die "mit demokratischem Öl gesalbte" Krone ablehnte, kehrte die Urkunde zunächst nach Frankfurt zurück. Nach dem Scheitern der Revolution musste sie vor intensiver polizeilicher Verfolgung geschützt werden. Zuletzt wurde das gute Stück in einer Londoner Bank versteckt – bis der frühere Paulskirchenabgeordnete Friedrich Jucho, der allerdings inzwischen ein Anhänger Bismarcks geworden war, sie im März 1870 dem Präsidenten des Norddeutschen Bundestags in Berlin überreichte.

Der feierliche Akt geriet zum Skandal. Die Bismarck-Gegner erregten sich, dass Jucho in einem Begleitbrief den Norddeutschen Bundestag auf eine Ebene mit der Deutschen Nationalversammlung gestellt und bei der Übergabe der kostbaren Urkunde erklärt hatte, der "Hohe Reichstag des Norddeutschen Bundes" sei zwar "nicht der Rechtsnachfolger der deutschen Nationalversammlung, doch unzweifelhaft der gesetzliche Vertreter des weitaus größten Teils des deutschen Volkes".