Zeitgeschichte Weltgeist und ZeitgeistSeite 4/4

Johannes von Miquel ist ein extremes Beispiel für politisches Konvertitentum im 19. Jahrhundert. Typischer sind Männer wie Arnold Ruge, Theodor Mommsen oder Ludwig Bamberger, der, nach der Revolution zum Tode verurteilt, zunächst ins französische Exil geflüchtet war. Sie begannen sich für Bismarck zu begeistern, weil er, nach all den Jahren des Stillstands im Einigungsprozess, mit seiner riskanten Gewaltpolitik greifbare Erfolge erzielte. In einer »realpolitischen« Selbstkritik waren sie zu dem Ergebnis gelangt, dass eine Einigung »von unten« in beiden denkbaren Varianten – basisdemokratisch oder parlamentarisch – wie 1848/49 auch künftig zum Scheitern verurteilt sei. Ihr hegelianisches, staatsfixiertes Geschichtsdenken, verbunden mit dem Glauben an die »deutsche Sendung« Preußens, ließ ihnen die maßgeblich von Bamberger entwickelte Strategie »durch Einheit zur Freiheit« plausibel erscheinen: Nur große (National)Staaten hätten eine Zukunft, nur in ihnen sei eine freiheitliche Entwicklung möglich.

So stellten sie, die alternden Helden von 1848/49, ihre Forderungen nach Freiheit und Demokratie einstweilen zurück. Sie waren überzeugt, dass sich das historisch »Notwendige« und politisch »Richtige« ohnehin durchsetzen werde und dass Bismarck ein Werkzeug des historischen Fortschritts sei. Wenn sie mit ihm kooperierten, so glaubten Bamberger, Ruge und viele andere 48er in ungebrochenem Selbstbewusstsein, dann könnten sie ihn für ihre eigenen Ziele benutzen. Anders als Miquel gaben sie diese nie auf – und distanzierten sich mehr oder minder schnell von Bismarck, als dieser ihre Erwartung einer durchgreifenden Liberalisierung und Modernisierung des Reichs enttäuschte: Ruge bereits wenige Monate nach der Gründung des Norddeutschen Bundes, Bamberger und Mommsen, als sie 1880 die Nationalliberale Partei verließen, um sich für den Rest ihres Lebens wieder in der Opposition zu betätigen.

Es gab unter den 48ern auch zahlreiche skurrile Figuren: Joseph Fickler, der Redakteur der einflussreichen demokratischen Konstanzer Seeblätter, der in die USA emigrieren musste und dort – anders als die meisten forty-eighters, die sich an der Seite Abraham Lincolns gegen die Sklaverei engagierten – im Bürgerkrieg für die Südstaaten kämpfte. Oder August Follen, einer der berühmten »Schwarzen«, also der nationalrevolutionären Burschenschafter, aus deren Reihen auch Rochau kam. Er betrieb auf Schloss Liebenfels im Thurgau eine Art Landkommune, züchtete, mit wenig Erfolg, Schweine, steckte seine Familie in mittelalterliche Fantasiekostüme und widmete sich, durch Hassprediger wie Ernst Moritz Arndt und Friedrich Ludwig Jahn befeuert, der völkischen Germanentümelei.

Von diesen schillernden Gestalten einmal abgesehen, hat der aus den Revolutionen von 1848/49 hervorgegangene Politikertypus über die Reichsgründung hinaus großen Einfluss in Deutschland gehabt. Der Historiker Hans Rosenberg nannte sie bereits in den 1960er Jahren, mit Blick auf die ökonomische Ära der »Gründerjahre«, »politische Gründer«. Es war eine Zeit der charismatischen oder intellektuell brillanten Einzelgänger, zu denen auch diejenigen gehören, die die Ideen von 1848 nie revidiert haben wie Johann Jacoby oder Carl Vogt.

Die meisten glaubten (mit Hegel) die notwendige historische Entwicklung zu kennen. Sie konnten sich jeweils nur vorübergehend in eine Parteidisziplin einfügen, und sie empfanden das, was bereits vielen Zeitgenossen als Konvertitentum oder auch nur als schlichter Opportunismus erschienen ist, als konsequente politische Lebenslinie, die sie aus der privilegierten Erkenntnis der historischen Entwicklung abgeleitet hatten. Dies gab ihnen ihr ungebrochenes Selbst- und Sendungsbewusstsein durch alle Brüche und Kehren ihrer Politik hindurch. Wo sie standen, da waltete eben immer der Weltgeist, auch wenn es nur der Zeitgeist war.

Der Autor ist Historiker an der Universität Bochum. Sein Buch »Einheit, Macht und Freiheit« über »die Paulskirchenlinke und die deutsche Politik 1849–1867« ist gerade als Paperpack erschienen (Droste Verlag, Düsseldorf; 687 S., Abb., 29,80 €)

 
Service