Es brauchte lange, bis Christian Wolf merkte, dass er an der falschen Hochschule studierte. Nach dem Abitur hatte er sich – nicht weit vom Elternhaus entfernt – an der Universität Wuppertal bei den Sozialwissenschaftlern eingeschrieben. Das Fach schien vielversprechend, schließlich wollte er "etwas über Gesellschaft und Politik" lernen. Stattdessen musste er Statistik pauken, Bilanzen lesen, makroökonomische Theorien verstehen. "Niemand hatte mich gewarnt", sagt Wolf. Vier Semester später wechselte er – dann besser informiert – an die Universität Düsseldorf. Doch die verschwendete Lebenszeit schmerzt ihn noch immer.

Heute versucht Wolf mit dem Verein Alumni at School Studienanfänger vor ähnlichen Erfahrungen zu bewahren. "Viele Abiturienten wissen nicht, was sie an der Uni erwartet", sagt der 28Jährige. Weder hätten sie konkrete Vorstellungen von ihrem Fach, noch seien sie mit wissenschaftlichen Methoden vertraut. Da liegt es nahe, einen Abiturienten der eigenen Schule um Aufklärung zu bitten, der gerade im Studium steckt. Das ist Prinzip bei Alumni at School: Wolf und seine Mitstreiter helfen Schulen dabei, Ehemalige für die Studien- und Berufsberatung ihrer Schüler zu gewinnen – und die große Leerstelle zwischen Abitur und Studienbeginn zu füllen.

Ob Kindergarten, Grundschule oder Gymnasium, die Übergänge zwischen den Bildungsstationen sind in Deutschland eher Bruchstellen als Brücken. Der Graben zwischen Schulen und Hochschulen ist besonders tief. Obwohl sich Gymnasien wie Universitäten der höheren Bildung verschrieben haben, obwohl es oft nur wenige Monate dauert, bis aus Schülern Studenten werden, bestimmen Desinteresse oder Schuldzuweisungen das Verhältnis zwischen den Institutionen. Professoren klagen über die "sinkende Studienfähigkeit" der Abiturienten, Schulen über die schlechte Ausbildung der Lehrer an den Universitäten. "Schule und Universität begegnen sich noch immer als abgeschottete Systeme", sagt Bettina Jorzik vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, der kürzlich Empfehlungen für die Zusammenarbeit von Schule und Hochschule veröffentlichte. Die Politik habe die Sprachlosigkeit zwischen den Bildungseinrichtungen bislang eher verstärkt als überwunden. In den meisten Bundesländern fällt die Zuständigkeit für Bildung und Wissenschaft in verschiedene Ministerien. Selbst dort, wo sie unter einem Dach vereint ist, klappt die Zusammenarbeit kaum.

Kein Wunder, dass bei den meisten Oberstufenschülern der "Horizont beim Abitur endet", wie es Jochen Dotterweich formuliert. "Die Hälfte der Schüler hat keine Ahnung, was danach kommt", sagt der stellvertretende Schulleiter am Arnold-Gymnasium in Neustadt bei Coburg. Jedes Jahr aufs Neue wurde das deutlich bei der traditionellen Übergabe der Abiturzeugnisse durch den Bürgermeister. Selbst die besten Abiturienten antworteten auf die Frage, was sie in Zukunft planten, mit "Keine Ahnung", "Weiß noch nicht so genau" oder "Mal sehen". Nun hat die Schule gemeinsam mit Wirtschaft und Wissenschaft ein Konzept entwickelt, das die Schüler zur Horizonterweiterung verpflichtet. Jeder Oberstufenschüler hat einen Beratungslehrer für die Studien- und Berufsorientierung an der Seite. Zudem muss er sich einem Begabungstest und einem Eignungsgespräch unterziehen. Niemand bekommt das Abitur ohne Praktikumserfahrung in einem Unternehmen oder an einer Universität.

Doch nur wenige Gymnasien widmen sich der Studienvorbereitung. Anders als Haupt- oder Realschulen meinen sie, eine derartige Zukunftsorientierung ihrer Schüler nicht nötig zu haben. Wie sehr sich das rächt, zeigt eine bislang unveröffentlichte Studie des Hochschul-Informations-Systems (HIS). Nur knapp die Hälfte der befragten Studienanfänger im Wintersemester 2003/04 gaben an, über ihr Studium gut informiert gewesen zu sein. Jeder Fünfte verfügte über schlechte oder gar keine Kenntnisse zu Fach und Hochschule. Besonders enttäuscht zeigten sich die Neustudenten von der Orientierung durch die Schule. Zwar gaben zwei Drittel an, sie hätten ihre Lehrer gefragt. Doch nur jeder Fünfte von ihnen fand die Auskünfte im Nachhinein nützlich.

Während in englischen Schulen speziell ausgebildete career teachers die Schüler beraten, in den USA so genannte college advisers den Highschool-Absolventen den Weg an die Hochschule weisen, fehlt diese Infrastruktur an deutschen Gymnasien völlig. Deutsche Beratungslehrer kümmern sich um Mobbingopfer oder Alkoholprobleme, selten jedoch um Zukunftsfragen. Früher fand man vielerorts noch den Oberstudienrat, der nebenbei an der Universität promovierte und seinen Schülern ein wenig von der akademischen Welt vermitteln konnte. Die Hochschulerfahrungen der heutigen Lehrer liegen "oft Jahrzehnte zurück", sagt der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger. Ausflüge in Berufsinformationszentren oder der sporadische Besuch eines Berufsberaters an der Schule kann die Informationsdefizite nicht ausgleichen. Die Folgen müssen die Schüler später tragen. Jeder dritte Unistudent wechselt das Fach, jeder vierte bricht ganz ab. In den Kultur- und Sozialwissenschaften ist der Schwund am größten. Die vergeudete Zeit summiert sich oft auf Jahre, viele Abbrecher revidieren erst in höheren Semestern ihre Entscheidung.

Noch immer tun viele Gymnasien und Hochschulen so, als lebten sie in den sechziger Jahren, als eine Minderheit gut ausgebildeter Abiturienten sich an der überschaubaren Zahl deutscher Universitäten für eines der bekannten Fächer einschrieb. Doch machten 1972 13 Prozent der Schüler Abitur, sind es heute dreimal so viele. Damals konnten die Studenten zwischen 93 Studiengängen an 65 Hochschulen wählen. 2005 bieten die Universitäten laut Hochschulkompass knapp 10000 Studiermöglichkeiten an.

Und die Unübersichtlichkeit nimmt weiter zu. Immer mehr Hochschulen suchen sich ihre Studenten selbst aus. Mit der Umstellung auf die gestuften Studiengänge lösen sich zudem traditionelle Disziplinen auf. Man studiert nicht mehr Geschichte, sondern strebt den "Bachelor in europäischer Kulturgeschichte" an, belegt nicht bloß Biologie, sondern will "Master in Biomathematics – Mathematics in Bioscience" werden. Seit 1999 läuft die Umstellung, doch bei der Mehrheit der Studienanfänger ist die Neuerung nicht angekommen. Laut HIS-Umfrage sagen 60 Prozent, sie seien über die Bachelor-Studiengänge nur schlecht oder sehr schlecht informiert, ein PR-Desaster nach sechs Jahren Studienreform.