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Ein Nein der Hoffnung
Die Wahl, die keine war: Die europäischen Eliten haben mit dem Referendum zur EU-Verfassung die Bürger vor eine Scheinalternative gestellt. Damit haben sie sich ein Denkmal ihrer Unfähigkeit errichtet
Die Amish-Gemeinschaften in Amerika pflegen einen Brauch namens (das Wort leitet sich vom deutschen »herumspringen« her): Mit 17 Jahren werden die Kinder, die bis dahin strenger Familiendisziplin unterworfen waren, in die Freiheit entlassen; man erlaubt ihnen, ja man hält sie sogar dazu an, der Gemeinschaft den Rücken zu kehren und die »englische« Welt, die sie umgibt, kennen zu lernen – Auto zu fahren, Popmusik zu hören, fernzusehen, mit Alkohol, Drogen und hemmungslosem Sex zu experimentieren.
Nach einigen Jahren erwartet man dann eine Entscheidung von den jungen Leuten: Möchten sie Mitglied der Amish-Gemeinschaft werden oder sich in ganz normale amerikanische Bürger verwandeln? Tatsächlich ist eine solche Praxis weit davon entfernt, liberal zu sein und den Jugendlichen eine wahrhaft freie Wahl zu ermöglichen. Mehr noch, sie ist auf krasseste Weise voreingenommen und verdient eigentlich ihren Namen nicht. Denn eine wirklich freie Wahl würde bedeuten, dass man den Jugendlichen die Chance gibt, auf der Grundlage wirklicher Kenntnis beider Alternativen, also auch gelebter Erfahrung, zu entscheiden.
Nach langen Jahren der Disziplin, in denen sie über die grenzüberschreitenden, sündigen Vergnügungen der »englischen« Außenwelt fantasiert haben, werden die jungen Amish derselben schlagartig und unvorbereitet ausgesetzt; und natürlich können sie nicht anders, als über alle Stränge zu schlagen, »alles auszuprobieren« und sich Hals über Kopf in ein Leben aus Sex, Drogen und Alkohol zu stürzen. Da ihnen für diese Lebensweise jeglicher innere Mechanismus fehlt, mit dem sie ihr Verhalten selbst zügeln oder steuern könnten, schlägt die permissive Situation gnadenlos auf sie zurück und löst eine unerträgliche Beklemmung in ihnen aus – man kann also jede Wette eingehen, dass sie nach einigen Jahren in die Abgeschiedenheit ihrer Gemeinschaft zurückkehren werden. Dass 90 Prozent der Jugendlichen genau dies tun, ist wahrlich keine Überraschung.
Dies ist ein perfektes Beispiel für die Schwierigkeiten, die stets mit der Idee der »freien Wahl« einhergehen: Zwar erlaubt man den jungen Amish formal eine freie Entscheidung, doch machen die Bedingungen, unter denen sie ihre Wahl treffen müssen, die Entscheidung unfrei. Um eine tatsächlich freie Entscheidung treffen zu können, müssten sie ernsthaft über alle Optionen informiert und in ihnen bewandert sein. Umzusetzen wäre das freilich nur, wenn man sie aus ihrer Einbettung in die Amish-Gemeinschaft herauslöste, sie also de facto »englisch« werden ließe.
Hier sehen wir auch deutlich die Grenzen der üblichen liberalen Haltung gegenüber muslimischen Frauen, die einen Schleier tragen: »Sollen sie es doch tun, wenn es ihre freie Entscheidung ist und ihnen nicht von Ehemännern oder der Familie aufgezwungen wird.« In dem Moment jedoch, in dem eine Frau aus freien Stücken einen Schleier trägt (etwa, um ihre persönliche Spiritualität zu leben), wandelt sich die Bedeutung des Schleiertragens vollständig. Es ist nun kein Zeichen ihrer Zugehörigkeit zu einer muslimischen Gemeinschaft mehr, sondern ein Ausdruck ihrer Individualität. Der Unterschied ist derselbe wie der zwischen einem chinesischen Bauern, der chinesisch isst, weil man das in seinem Dorf seit unvordenklichen Zeiten so tut, und einem westlichen Großstadtbewohner, der sich dazu entschließt, heute mal zum Chinesen zu gehen.
Mit einem Wort: Eine Wahl ist immer eine »Wahl zweiter Ordnung«, eine Entscheidung über die Modalitäten der Wahl selbst. Nur die Frau, die sich nicht zum Tragen des Schleiers entschließt, trifft wirklich eine Wahl.
Was hat all dies nun mit dem französischen Nein zur europäischen Verfassung zu tun, dessen Nachbeben sich momentan in alle Richtungen ausbreiten und als Erstes den Niederländern Auftrieb gaben, die Verfassung mit sogar noch größerer Mehrheit abzulehnen?
Sehr viel. Die französischen Wähler wurden genauso behandelt wie die jungen Amish: Man erlaubte ihnen keine klare, symmetrische Entscheidung. Die Bedingungen der Wahl selbst privilegierten das Ja: Die Elite stellte den Menschen eine Entscheidung anheim, die keine war; sie sollten das Unvermeidliche ratifizieren, das Resultat aufgeklärten Expertentums. Die Medien und die politische Elite inszenierten die Wahl als eine zwischen Wissen und Unwissenheit, zwischen Sachkenntnis und Ideologie, zwischen postpolitischer Verwaltung und den alten politischen Passionen der Linken und der Rechten.
Es ist kein Wunder, dass der Protest vom politischen Rand kommt
Entsprechend wurde das Nein als kurzsichtige Reaktion von Leuten abgetan, die sich über die Folgen ihrer eigenen Entscheidung nicht im Klaren sind: als diffuse, angstgesteuerte Abwehr der sich gerade herausbildenden postindustriellen globalen Ordnung, als das instinktive Verlangen, sich an den komfortablen wohlfahrtsstaatlichen Traditionen festzuklammern und diese zu beschützen – eine Verweigerungshaltung, die nicht die geringste positive programmatische Alternative anzubieten hat.
Kein Wunder, dass die einzigen Parteien, die das Nein zur offiziellen Position gemacht hatten, an den beiden entgegengesetzten Enden des politischen Spektrums zu finden waren: Le Pens Front National auf der Rechten und die Kommunisten und Trotzkisten auf der Linken. Und weiter sagt man uns, das Nein habe in Wirklichkeit zahlreichen anderen Dingen gegolten: dem angelsächsischen Neoliberalismus, Chirac und der französischen Regierung, dem Zustrom polnischer Arbeiter, die die Löhne der französischen Arbeiter drücken, und so weiter und so fort.
Bevor man diese letzte Klage als rassistisch abqualifiziert, sollte man sich die simple Tatsache bewusst machen, dass der Zustrom von Arbeitsmigranten aus den postkommunistischen Ländern nicht die Folge irgendeiner multikulturellen Toleranz ist – er ist de facto Teil der Strategie des Kapitals, die Forderungen der Arbeiter in Schach zu halten.
Wie dem auch sei, selbst wenn all diese Erklärungen nicht gänzlich falsch sind, drückt gerade der Umstand, dass das Nein nicht durch eine klare politische Alternative gestützt wurde, die denkbar stärkste Missbilligung der politischen und medialen Elite aus: als ein Denkmal ihrer Unfähigkeit, die Wünsche und Unzufriedenheiten der Menschen zu artikulieren und in eine politische Vision zu übersetzen.
Ungeachtet dessen behandelte diese Elite in ihrer Reaktion auf das Nein die Menschen wie zurückgebliebene Schüler, die die Lektion der Experten nicht verstanden haben. Ihre Selbstkritik war die eines Lehrers, der einräumt, dass es ihm nicht gelungen ist, seine Schüler adäquat zu unterrichten.
Auch wenn es also nicht um eine Wahl zwischen zwei politischen Optionen ging, handelte es sich ebenso wenig um die Entscheidung zwischen der aufgeklärten Vision eines modernen, globalisierungsfit gemachten Europa und konfusen alten politischen Leidenschaften. Die Kommentatoren, die das Nein als eine Botschaft konfuser Angst beschrieben, lagen falsch. Die Angst, mit der wir es hier in erster Linie zu tun haben, ist jene, die das Nein in der neuen europäischen Elite auslöste, die Angst, dass die Menschen die postpolitische Vision dieser Elite nicht mehr einfach schlucken werden.
Für alle anderen ist dieses Nein eine Botschaft und ein Ausdruck der Hoffnung: der Hoffnung, dass es noch Politik gibt, dass die Debatte darüber, was das neue Europa sein wird und sein soll, noch offen ist. Deshalb sollten die Linken die höhnische liberale Anspielung auf ihre ungewohnten neofaschistischen Verbündeten an sich abprallen lassen. Die neue populistische Rechte und die Linke haben exakt diese eine Gemeinsamkeit: ein Bewusstsein davon, dass die eigentliche Politik noch lebt.
Warum der europäische Traum die einzige Alternative zu Amerika ist
Es lag eine positive Entscheidung im Nein: die Wahl der Wahl selbst. Zurückgewiesen wurde der Erpressungsversuch der neuen Elite, die uns lediglich die Wahl anbot, ihr Expertenwissen zu bestätigen oder unsere »irrationale« Unreife zur Schau zu stellen. Das Nein ist die positive Entscheidung, eine wirklich politische Diskussion darüber zu beginnen, welches Europa wir eigentlich wollen.
Spät in seinem Leben stellte Freud die berühmte Frage »Was will das Weib?« und bekannte seine Ratlosigkeit angesichts des Rätsels der weiblichen Sexualität. Zeugt die heftige Auseinandersetzung um die europäische Verfassung nicht von einer ähnlichen Verwirrung: Welches Europa wollen wir?
Vereinfacht gesagt: Wollen wir in einer Welt leben, in der wir einzig zwischen der amerikanischen Zivilisation und der aufstrebenden chinesischen Zivilisation autoritär-kapitalistischer Prägung wählen können? Wenn die Antwort hierauf Nein lautet, dann ist Europa die einzige Alternative. Die Dritte Welt kann keinen hinreichend starken Widerstand gegen die Ideologie des Amerikanischen Traums mobilisieren; in der gegenwärtigen Konstellation kann das nur Europa. Der wahre Gegensatz heute ist nicht der zwischen der Ersten und der Dritten Welt, sondern der zwischen der Ersten und der Dritten Welt zusammengenommen – also dem globalen amerikanischen Empire und seinen Kolonien und der verbliebenen Zweiten Welt, Europa.
Mit Blick auf Freud behauptete Theodor W. Adorno einmal, die gegenwärtige »verwaltete Welt« mit ihrer »repressiven Entsublimierung« sei nicht mehr durch die alte Logik der Unterdrückung des Es und seiner Triebe geprägt, sondern durch einen perversen direkten Pakt zwischen dem Über-Ich (der gesellschaftlichen Autorität) und dem Es (unzulässigen aggressiven Trieben) auf Kosten des Ich. Vollzieht sich heute auf politischer Ebene nicht etwas strukturell Ähnliches, ein unheimlicher Pakt zwischen dem postmodernen globalen Kapitalismus und vormodernen Gesellschaften – auf Kosten der Moderne selbst? Es fällt dem multikulturalistischen globalen Empire Amerika leicht, vormoderne lokale Traditionen zu integrieren – der Fremdkörper, den es aber effektiv nicht absorbieren kann, ist die europäische Moderne.
Wenngleich also das französische (und nun auch niederländische) Nein nicht durch eine klare und detaillierte Vision gestützt wird, bereitet es doch immerhin das Terrain für sie, schafft es eine Leerstelle, die mit neuen Projekten gefüllt zu werden verlangt – im Gegensatz zur Haltung der Verfassungsbefürworter, die jegliches Nachdenken wirksam verhindert und uns ein verwaltungspolitisches Fait accompli vor die Nase gesetzt hat.
Die Botschaft des französischen Nein an uns alle, denen Europa am Herzen liegt, lautet: Nein, anonyme Experten, die uns ihre Ware in knallbunter, liberal-multikulturalistischer Verpackung verkaufen wollen, werden uns nicht am Denken hindern. Es ist für uns, die Bürger Europas, an der Zeit, uns bewusst zu machen, dass wir eine genuin politische Entscheidung darüber treffen müssen, was wir wollen. Kein aufgeklärter Verwalter kann uns diese Aufgabe abnehmen.
aus Dem Englischen von Michael Adrian
Der Psychoanalytiker und Philosoph Slavoj ◊i≈ek lebt und lehrt derzeit in Ljubljana. Zuletzt erschien von ihm im Suhrkamp Verlag die Studie »Körperlose Organe. Bausteine einer Begegnung zwischen Deleuze und Lacan«
- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 09.06.2005 Nr.24
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