Ein Dutzend Ärzte, zwei Dutzend Röntgenaufnahmen, stationäre Chemotherapie, ambulante Bestrahlung – während seiner mehrmonatigen Odyssee durch Praxen und Kliniken hat der Bremer Frührentner Detlef Freudenthal am eigenen Leib erfahren, wie schlecht es um Kommunikation und Kooperation zwischen den Instanzen des deutschen Medizinsystems steht. Mal fehlten die Laborwerte, mal die ganze Krankenakte, mal waren die Unterlagen einer früheren Behandlung verschollen, weil der Arzt seine Praxis in der Zwischenzeit aufgegeben hatte, mal musste ein Stationsarzt vor der Behandlung die Röntgenbilder in der Poststelle suchen gehen. »Ein Arzt ist doch kein Bote«, sagt Freudenthal, »und ich selbst kann mir auch Schöneres vorstellen, als auf dem Krankenhausflur herumzusitzen und zu warten.« Karte und Geheimzahl öffnen den Zugang zu den medizinischen Daten. Die elektronische Patientenakte selbst liegt auf einem Server BILD

Dem nächsten Facharzt auf seiner Behandlungstour will er deshalb zuerst eine Frage stellen: »Haben Sie auch Zugriff auf meine elektronische Patientenakte?« Detlef Freudenthal ist nämlich der erste Patient in Deutschland, der seine medizinischen Daten elektronisch verwahren lässt. Und er ist überzeugt davon, dass das sinnvoll ist – sowohl für die Ärzte als auch für ihn selbst.

Freudenthal hat seine persönliche Entscheidung schon getroffen. Im großen Maßstab ist sie aber noch heftig umstritten. Verzögert wird die elektronische Innovation des Gesundheitswesens vor allem von Datenschutzbedenken. Alle 80 Millionen Versicherten werden zwar vom kommenden Jahr an eine bundesweit einheitliche »Gesundheitskarte« bekommen, nützen wird sie zunächst aber nur ihren Krankenkassen. Die Karte wird ein Passfoto zeigen, um Missbrauch zu verhindern, und zur Vereinfachung der Abrechnung – wie bei Kassenpatienten schon heute üblich – die Versichertendaten in elektronischer Form enthalten.

Nach Ablauf einer mehrjährigen Übergangsfrist sollen die Patienten ihre »Gesundheitskarte« auch für die Übermittlung von Rezepten an die Apotheke benutzen. Der Arzt notiert die verschriebenen Medikamente dann nicht mehr auf einem Zettel, der in der Apotheke entziffert und zur Abrechnung von Hand in die Datenverarbeitung eingegeben werden muss. Über 100 Millionen Euro wollen Apotheken und Kassen damit jedes Jahr sparen, die bisher für die bis zu fünf Bearbeitungsschritte mit den 750 Millionen Papierrezepten entstehen.

Dass die Karte auch einen medizinischen Nutzen haben kann, sollen die Patienten erst im dritten Schritt erleben: Notfallinformationen wie Blutgruppe, Allergien und chronische Erkrankungen werden dann direkt auf der Karte gespeichert und können schon im Rettungswagen vom Notarzt gelesen werden. Eine Arzneimitteldokumentation hilft, die parallele Einnahme unverträglicher Medikamente auszuschließen. Mehrere tausend Todesfälle durch »unerwünschte Arzneimittelereignisse« könnten damit im Jahr verhindert werden. Und schließlich bietet sich die Gesundheitskarte als Generalschlüssel zur elektronischen Patientenakte an. Gesetzlich vorgeschrieben wird all das nicht. Jeder Patient soll selbst entscheiden können, ob er seine Gesundheitskarte medizinisch nutzt. So haben es Bundestag und Bundesrat beschlossen.

Welche Vorteile die elektronische Patientenakte hat und wie sich Missbrauch verhindern lässt, erproben Detlef Freudenthal und weitere Krebspatienten jetzt im Integrativen Bremer Onkologie Netzwerk (I-BON). Ein Krankenhaus, zwölf niedergelassene Fachärzte und das Krebsregister sind bisher angeschlossen, weitere Kliniken und Arztpraxen werden bald folgen. Von Laborwerten über verschriebene Arzneimittel bis zum Arztbrief landen alle Informationen, die die behandelnden Ärzte über ihren Patienten erfassen, in seiner elektronischen Krankenakte.

Technisch befindet sie sich auf zwei getrennten Computern im Rechenzentrum eines Bremer Großkrankenhauses. Der eine speichert die persönlichen Daten, der andere die Befunde. Beide Datensätze werden verschlüsselt. Alle gespeicherten Informationen können nur auf eigens zugelassenen Computern in Kliniken und Arztpraxen angezeigt werden – und zwar nur dann, wenn der behandelnde Arzt und der Patient mit ihrer persönlichen Karte und einer Geheimnummer gleichzeitig zustimmen.