Der Chirurg im OP fühlt das Herz des Patienten schlagen. Die Haut ist warm, doch das Gehirn ist tot. Jetzt wird die Leiche für die Forschung interessant

Leben endet selten abrupt. Mancher Tod ist ein langsamer Übergang

Axel Rosengart ist einer jener Ärzte, bei denen niemand Patient sein will. Der deutsche Neurochirurg arbeitet im Klinikum der Universität Chicago mit Kopfverletzten – wer zu ihm gebracht wird, liegt oft bereits tief im Koma, etwa nach einem Autounfall oder einem Sturz vom Motorrad. Viele seiner Patienten haben ein Gehirntrauma erlitten, und häufig verschlimmert sich die Situation in den nachfolgenden Stunden und Tagen: Das Gehirn schwillt an oder erwärmt sich, Blutungen weiten sich aus. »Diese sekundären Prozesse können mehr Schäden anrichten als das Ursprungstrauma«, sagt Rosengart, der oft zusehen muss, wie seine Patienten an den Folgeerscheinungen sterben.

Vertrackt ist: Wüsste Rosengart, was sich im Kopf abspielt, könnte er möglicherweise rettend eingreifen. Doch anders als etwa Kardiologen, die »ihr« Organ per EKG kontinuierlich überwachen können, müssen Gehirnspezialisten ihre Patienten aufwändig in den Computer- oder Kernspintomografen schieben, um durch die Schädelwand einen Blick auf das Gehirn zu erhaschen. Einem Schwerverletzten kann man so etwas nur einmal pro Tag zumuten. »Alles, was wir kriegen, sind Schnappschüsse von Dingen, die sich teils vor Stunden oder Tagen abgespielt haben«, klagt Rosengart.

Frustriert begann der Deutsche, nach einer Lösung zu suchen. Er holte sich eine Ultraschallsonde, wie sie bisweilen für Neugeborene eingesetzt wird. Daraus bastelte er ein kaum bleistiftgroßes Instrument, das durch ein Bohrloch direkt in den Kopf des Patienten zwischen Schädelwand und Gehirn geschoben werden kann. Nun, unbeeinträchtigt vom Knochen, kann die Sonde kurzwellige Strahlen aussenden, die – je nach Frequenz – verschiedene Regionen des Gehirns durchleuchten. Ein Gerät wie dieses würde die Behandlung von Kopfverletzungen revolutionieren. Statt hilflos auf Bilder zu warten, könnten Neurologen Prozesse im Gehirn überwachen, während sie ablaufen.

Doch Rosengart hatte ein Problem. Wie sollte er die Sonde testen? Von Gesunden konnte er nicht verlangen, dass sie sich experimentell im Schädel herumfuhrwerken lassen. Von Kranken erst recht nicht. Und so wandte er sich der einzigen Gruppe zu, der seine Versuche nichts ausmachen würden: den Toten.

Dazu muss man wissen, dass Tote auf Rosengarts Station oft verwirrend den Lebenden ähneln. Viele Patienten dort sterben, weil ihre Gehirnfunktion erlischt, doch dank moderner Maschinen und Medikamente schlägt ihr Herz weiter, ihre Brust hebt und senkt sich, und ihre Haut ist warm. In vielerlei Hinsicht erscheinen sie noch so lebendig, »dass es den Familien oft schwer fällt, den Tod zu akzeptieren«, sagt Rosengart. »Dieses Zwischenstadium«, sagt der Neurochirurg, »bietet einzigartige Möglichkeiten für die Forschung.« Mittlerweile hat er seine Gehirnsonde an rund zehn solcher Leichen ausprobiert.

Er ist nicht der Einzige, der klinisch tote, aber noch warme Patienten für Testzwecke nutzt. Möglicherweise der Erste war Ende der siebziger Jahre ein Arzt namens Jack Kolff. Kolff hatte in Philadelphia ein künstliches Herz entwickelt, das er zunächst einem Hirntoten einpflanzte (heute werden Nachfolgemodelle gelegentlich bei Herzkranken eingesetzt, die das Warten auf ein Spenderorgan überbrücken müssen). Zehn Jahre später spritzte ein Hämatologe an der State University New York in Stony Brook ein neuartiges Mittel gegen Blutgerinnung in den Körper eines hirntoten Mannes. Doch dann wurde es zunächst still um diese Art der Forschung. »Wissenschaftler und Kliniken fürchten, dass sie für schlechte Publicity sorgen könnte«, sagt Arthur Caplan, Ethiker der Universität von Pennsylvania.

Jüngst aber scheint die Forschung an Dynamik gewonnen zu haben. 2002 richtete die Universität von Pittsburgh als erste Hochschule ein spezielles Komitee zur Überwachung von Forschung mit Toten ein, kurz Corid genannt. Anlass war die Anfrage des Transplantationschirurgen Brack Hattler, der eine Art künstliche Lunge entwickelt hatte, einen speziellen Katheter, der so klein ist, dass er über die Blutbahn in den Körper eingefädelt werden kann – und er wollte ihn an klinisch Toten testen. »Wir hatten aber keinen, der für solche Fragen zuständig war«, sagt der Vorsitzende des Pittsburgher Ethikausschusses, Michael DeVita. Zwar existiert auch in Pittsburgh ein Gremium, das Studien an Menschen absegnet, doch das konnte mit Hattlers Antrag wenig anfangen. »Dort arbeiten sie mit Kriterien wie ›Besteht das Risiko, dass das Versuchsobjekt stirbt?‹«, sagt DeVita.

Corid – in dem neben Medizinern auch ein Philosoph und eine Nonne sitzen – genehmigte Hattler die Studie. Doch zu ihrer Verblüffung sahen sich die Mitglieder bald mit einem Strom weiterer Anträge konfrontiert. Da war der Arzt, der das Herz eines Hirntoten herausoperieren wollte, um Wege zu suchen, es außerhalb des Körpers am Schlagen zu halten. Da war das Team, das klinisch Tote einer Art Blutwäsche unterziehen wollte, um die Qualität der Spenderorgane zu heben. »Die Anfragen kamen aus allen möglichen Abteilungen, selbst aus der Dermatologie«, staunt DeVita. Insgesamt beantragten Pittsburgher Forscher bislang 53 Studien bei Corid. Bei vielen handelt es sich um Routinetests mit Autopsiegewebe, die vor Corid ohne spezielle Genehmigung durchgeführt worden wären. Doch sechs kreisten speziell um hirntote Patienten. Bisher erlaubte Corid davon vier.