Medizin Forschung am SterbebettSeite 4/4
Je früher Ärzte den Tod erklären, desto größer ist der Rest vom Leben
Spätere Generationen definierten Kriterien, nach denen der Tod deutlich früher erklärt werden konnte: das dauerhafte Erliegen des Herzschlags, das Versiegen der Gehirnfunktion. Zukünftige Entwicklungen könnten den Zeitpunkt noch weiter nach vorn schieben, sagt Rosengart. »Eines Tages können wir vielleicht sehen, dass 85 Prozent der Gehirnzellen einen ultrafrühen genetischen Ausdruck für irreversiblen programmierten Zelltod aufweisen und damit jede Behandlung höchstwahrscheinlich vergebens ist.«
Je früher der Tod erklärt wird, desto mehr Leben ist noch nicht versiegt, und letztlich ist es dieser verbleibende »Rest«, der so attraktiv für Forscher wie Arap, Hattler und Rosengart ist. »Theoretisch könnte man ausgedehnte und bizarre Experimente an hirntoten Patienten durchführen, ihnen etwa links und rechts die Knochen brechen und gucken, welche Therapie sie schneller heilen lässt«, sagt DeVita. Er geht davon aus, dass längst nicht alle bisherigen Versuche an klinisch Toten publik gemacht wurden. Die öffentliche Gleichgültigkeit kann er sich nur schwer erklären: »Wir geben uns größte Mühe, alle Interviewgesuche zu erfüllen. Und wir warten darauf, dass die Welt uns sagt, was sie von diesen Studien hält.«
Über den Umgang mit Leichen
Dürfen auch deutsche Mediziner an Hirntoten forschen? Sie dürfen, obwohl die Frage nicht ausdrücklich gesetzlich geregelt ist. In diesem Fall kämen die Vorschriften des Transplantationsgesetzes zur Anwendung, erklärt der Mannheimer Rechtsprofessor Jochen Taupitz, der dem Nationalen Ethikrat angehört. Zulässig sei die Forschung an Hirntoten, wenn der Verstorbene zuvor sein Einverständnis erklärt habe. Hat der Tote keine Erklärung hinterlassen, so können die »nächsten Angehörigen eine Entscheidung treffen«, sagt Taupitz. »Sie müssen sich dabei am mutmaßlichen Willen des Verstorbenen orientieren.« In welchem Ausmaß in Deutschland an Hirntoten geforscht wird, ist unklar. Die Projekte werden nicht zentral erfasst, auch nicht bei der Bundesärztekammer in Berlin. Die regionalen Ethikkommissionen aber »sind formal nur für Forschung an lebenden Patienten zuständig«, sagt der Münchner Neurologe und Hirntod-Experte Heinz Angstwurm. »Meines Wissens gibt es keine deutschen Forschungsprojekte an Hirntoten.« Nur vier Bundesländer haben den medizinischen Umgang mit Leichen geregelt: Berlin und Hamburg in den Sektionsgesetzen, Brandenburg und NRW im Bestattungsgesetz. BAH
- Datum 09.06.2005 - 14:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | Auf einer Seite lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 09.06.2005 Nr.24
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:






