Der Tag, an dem ihre Tochter eingeschult wurde, sollte ein ganz besonderer Tag für die Deutsch-Türkin Nil Schaller werden. Es war der 31. August vergangenen Jahres, das Fernseh-Regionalmagazin Maintower vom Hessischen Rundfunk war in die Kirchner-Grundschule im Frankfurter Stadtteil Bornheim gekommen, um über den Ehrentag der Erstklässler zu berichten. Doch dann nahm das Verhängnis seinen Lauf. Für einen kurzen Moment nahm Nil Schaller die Schultüte ihrer Tochter in die Hand, weil die Kleine sich die Schuhe zubinden sollte. In diesem Augenblick filmten die Maintower- Leute die stolze Mutter. Sechs Tage später lief die kurze Passage aus dem hessischen Lokalfernsehen erneut über den Bildschirm – diesmal bundesweit, auf ProSieben. Nil Schaller war Stefan Raab und seinem TV Total in die Hände gefallen. "Mir ist eine Erstklässlerin aufgefallen, die meines Erachtens nach vielleicht ein bisschen zu alt dafür ist", sagte Raab grinsend. Im Bild erschien Nil Schaller, die Schultüte im Arm. "Unfassbar, oder?", kommentierte Raab dazu. "Die Dealer tarnen sich immer besser."

Ein harmloser Scherz? 1,13 Millionen Menschen sahen Raabs Sendung. Was das bedeutet, hat Nil Schaller in den folgenden Tagen und Wochen erlebt. Von fremden Menschen sei sie auf der Straße gefragt worden, ob sie ihnen "Stoff" verkaufen könne, berichtet ihr Essener Anwalt Frank Roeser. Zu dem Imbiss, in dem sie als Bedienung arbeitete, seien die Menschen gepilgert, um sich über die "Drogendealerin" lustig zu machen. Bis es dem Inhaber zu dumm geworden sei und er die Frau entlassen habe. Nil Schaller ist eine einfache Frau. Dem Wirbel nach Raabs Sendung stand sie hilflos gegenüber. Als auch noch zwei große türkische Zeitungen, Hürriyet und Türkiye, darüber berichteten und die Ehrverletzung im deutschen Fernsehen geißelten, habe sich seine Mandantin vor lauter Scham nicht mehr auf die Straße getraut, sagt Roeser. Er verklagte Raab, der sein Privatleben selbst in der Öffentlichkeit rigoros schützt, wegen Persönlichkeitsrechtsverletzung auf Schmerzensgeld für seine Mandantin, er habe die Frau "lächerlich" und "zum Objekt" gemacht. Die Klage wurde in erster Instanz jedoch abgewiesen.

Ganz oben, unterm Dach eines stattlichen Mietshauses am Fuß des Zürichbergs, liegt die Praxis des Zürcher Psychotherapeuten Mario Gmür. Neben den üblichen Verängstigten, Verzweifelten und Verstörten finden seit einiger Zeit vermehrt solche Hilfesuchenden den Weg hier herauf, die "in die Medienfalle geraten" sind, wie der 60-jährige Therapeut es ausdrückt. Prominent und nicht prominent. Gmür gilt inzwischen als Medienexperte, er hat sogar ein Buch zum Thema geschrieben (Der öffentliche Mensch – Medienstars und Medienopfer, dtv). Er weiß, was Medien bei Menschen anrichten können. Immer aufdringlicher rücke die Branche dem Publikum auf den Leib, um angesichts der enormen Konkurrenz noch gehört zu werden. Immer schriller, immer marktschreierischer gebärde sie sich. So sei eine permanente Aufgeregtheit entstanden, ein Sensationsjournalismus, der auch nüchterne Themen "so spektakulär aufbereitet, dass Gefühle ausgelöst und aufgepeitscht werden", meint Gmür. Auch auf die so genannte Qualitätspresse habe die Boulevardisierung längst übergegriffen. Als Vorreiter dieser Emotionalisierung der Medien hat Gmür die Trash-Talkshows der Privatsender am Mittag und Nachmittag ausgemacht. Sie hätten "Themen in die öffentliche Arena eingeführt, die zuvor als privat galten". Beispiel: "17, schwanger, arbeitslos – was willst du deinem Kind bloß bieten?" Für einen Politiker, der beim Wahlvolk ankommen will, reiche es seither nicht mehr, mit brillanten Stellungnahmen auf seinem Fachgebiet zu glänzen, meint Gmür, "mindestens ebenso wichtig ist es, dass er mitteilt, er wasche seine Socken selber oder spiele mit seinen Enkelkindern Fußball".

Der um sich greifende Gefühlsjournalismus ist auf Provokation aus, auf Steigerung der Gefühle, egal welche. Trete etwa ein Minister "bleich" vor die Presse, so habe sich der Verlauf eines Skandals zu seinen Ungunsten verändert – egal, was er in der Sache sage. Gmür: "Der Emotionsjournalismus hat bereits das Urteil über ihn gesprochen." Alle Genres, alle Medien durchziehe diese Lauerhaltung, auch schon lang bestehende Formate wie Quizshows. Diese lebten längst nicht mehr, wie zu Zeiten Hans-Joachim Kulenkampffs, "von der Bewunderung für den enzyklopädischen Alleswisser, sondern vom gespannten Verfolgen der Anzeichen von Stress auf dem Gesicht des Kandidaten, das die Kamera meist in Naheinstellungen fixiert".

Oft sind es Sekunden, die darüber entscheiden, ob jemand Medienopfer wird oder nicht. Deshalb versuchen Medienberater wie Marcus Knill den Klienten klarzumachen: Entscheidend ist, dass man im ersten Moment überlegt reagiert. Bei einer verbalen Attacke, die durchaus freundlich daherkommen könne, gelte es, kühlen Kopf zu bewahren und Zeit zu gewinnen. Knill lebt und arbeitet eine knappe Autostunde von Zürich entfernt. Er berät vermehrt Politiker, Manager, hohe Beamte und Spitzensportler aus der Schweiz, aber auch Führungskräfte aus Deutschland. Er bringt ihnen bei, wie man vermeiden kann, Medienopfer zu werden. Entscheidend sei, so sein Rat an die Mandanten, stets auf indiskrete Fragen vorbereitet zu sein. Denn ein Emotionsjournalist setze auf das Überraschungsmoment. Auch mitten in einem sachlichen Gespräch könne plötzlich die unverschämte Frage im Raum stehen: "Wann hatten Sie das letzte Mal Sex?"

Der ehemalige Schweizer Botschafter in Deutschland etwa, Thomas Borer-Fielding, von dem eine Schweizer Boulevardzeitung behauptete, er habe eine Affäre mit einer Kaufhaus-Visagistin gehabt, "lag nach den ersten 30 Sekunden flach", wie Knill formuliert. Von Journalisten gefragt, ob der Vorwurf stimme, habe der Diplomat den größten Fehler begangen und damit sein Karriereende besiegelt: Borer-Fielding ging auf die Frage ein. Aufgebracht bestritt er die Vorwürfe, beschuldigte die Presse und öffnete damit ein Einfallstor. "Wer dementiert, liefert Zündstoff für die Lügendiskussion und heizt damit die Sieg-Niederlage-Dynamik erst richtig an." Der Botschafter hätte sagen müssen, erklärt Knill: "Das ist meine Privatsache, das geht Sie nichts an!" Wäre dennoch weiter berichtet worden, hätte er dagegen juristisch vorgehen können.

Ein Volk von Voyeuren ist so herangezogen worden, das vor allem eines sehen will: Sieger und Verlierer. Und ein Heer von Exhibitionisten stellt sich nur zu gern zur Verfügung. Geltungsbedürfnis, der Wunsch, wenigstens für einige Momente prominent zu sein, drängten den "kleinen Mann" vor die Kamera – und sei es als Loser oder Taugenichts. Scharenweise outeten sich die Alkoholiker oder Fetischisten, die Bettnässer oder Kleptomanen – "in der Hoffnung auf einen Beurteilungsbonus für ihre freiwillige Selbstoffenbarung", sagt der Zürcher Psychologe Gmür. Aber niemand honoriere es ihnen, wenn die Scheinwerfer ausgeschaltet sind.

"Es sind oft labile Menschen, die im Rampenlicht stehen möchten", sagt der Therapeut. Menschen, deren gesteigertes Geltungs- und Aussprachebedürfnis in einem Trauma wurzele. Oder Menschen mit einer "ichschwachen", unausgereiften Persönlichkeit, wie sie die heutige Zeit, die kaum noch Orientierung biete, mehr und mehr hervorbringe. Im Fernsehen jedoch erführen sie statt Bestätigung Desillusionierung, wenn sie merkten, "dass sie nur für eine Dramaturgie missbraucht wurden", wie Gmür sagt.