Menschenwürde Zum Abschuss freigegeben

Entdeckt, zur Schau gestellt, fallen gelassen: Wie nie zuvor setzen Fernsehen und Zeitungen auf Menschen, Schicksale, Emotionen – und hinterlassen jede Menge Opfer

Der Tag, an dem ihre Tochter eingeschult wurde, sollte ein ganz besonderer Tag für die Deutsch-Türkin Nil Schaller werden. Es war der 31. August vergangenen Jahres, das Fernseh-Regionalmagazin vom Hessischen Rundfunk war in die Kirchner-Grundschule im Frankfurter Stadtteil Bornheim gekommen, um über den Ehrentag der Erstklässler zu berichten. Doch dann nahm das Verhängnis seinen Lauf. Für einen kurzen Moment nahm Nil Schaller die Schultüte ihrer Tochter in die Hand, weil die Kleine sich die Schuhe zubinden sollte. In diesem Augenblick filmten die Leute die stolze Mutter. Sechs Tage später lief die kurze Passage aus dem hessischen Lokalfernsehen erneut über den Bildschirm – diesmal bundesweit, auf ProSieben. Nil Schaller war Stefan Raab und seinem in die Hände gefallen. »Mir ist eine Erstklässlerin aufgefallen, die meines Erachtens nach vielleicht ein bisschen zu alt dafür ist«, sagte Raab grinsend. Im Bild erschien Nil Schaller, die Schultüte im Arm. »Unfassbar, oder?«, kommentierte Raab dazu. »Die Dealer tarnen sich immer besser.«

Ein harmloser Scherz? 1,13 Millionen Menschen sahen Raabs Sendung. Was das bedeutet, hat Nil Schaller in den folgenden Tagen und Wochen erlebt. Von fremden Menschen sei sie auf der Straße gefragt worden, ob sie ihnen »Stoff« verkaufen könne, berichtet ihr Essener Anwalt Frank Roeser. Zu dem Imbiss, in dem sie als Bedienung arbeitete, seien die Menschen gepilgert, um sich über die »Drogendealerin« lustig zu machen. Bis es dem Inhaber zu dumm geworden sei und er die Frau entlassen habe. Nil Schaller ist eine einfache Frau. Dem Wirbel nach Raabs Sendung stand sie hilflos gegenüber. Als auch noch zwei große türkische Zeitungen, Hürriyet und Türkiye, darüber berichteten und die Ehrverletzung im deutschen Fernsehen geißelten, habe sich seine Mandantin vor lauter Scham nicht mehr auf die Straße getraut, sagt Roeser. Er verklagte Raab, der sein Privatleben selbst in der Öffentlichkeit rigoros schützt, wegen Persönlichkeitsrechtsverletzung auf Schmerzensgeld für seine Mandantin, er habe die Frau »lächerlich« und »zum Objekt« gemacht. Die Klage wurde in erster Instanz jedoch abgewiesen.

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Ganz oben, unterm Dach eines stattlichen Mietshauses am Fuß des Zürichbergs, liegt die Praxis des Zürcher Psychotherapeuten Mario Gmür. Neben den üblichen Verängstigten, Verzweifelten und Verstörten finden seit einiger Zeit vermehrt solche Hilfesuchenden den Weg hier herauf, die »in die Medienfalle geraten« sind, wie der 60-jährige Therapeut es ausdrückt. Prominent und nicht prominent. Gmür gilt inzwischen als Medienexperte, er hat sogar ein Buch zum Thema geschrieben (Der öffentliche Mensch – Medienstars und Medienopfer, dtv). Er weiß, was Medien bei Menschen anrichten können. Immer aufdringlicher rücke die Branche dem Publikum auf den Leib, um angesichts der enormen Konkurrenz noch gehört zu werden. Immer schriller, immer marktschreierischer gebärde sie sich. So sei eine permanente Aufgeregtheit entstanden, ein Sensationsjournalismus, der auch nüchterne Themen »so spektakulär aufbereitet, dass Gefühle ausgelöst und aufgepeitscht werden«, meint Gmür. Auch auf die so genannte Qualitätspresse habe die Boulevardisierung längst übergegriffen. Als Vorreiter dieser Emotionalisierung der Medien hat Gmür die Trash-Talkshows der Privatsender am Mittag und Nachmittag ausgemacht. Sie hätten »Themen in die öffentliche Arena eingeführt, die zuvor als privat galten«. Beispiel: »17, schwanger, arbeitslos – was willst du deinem Kind bloß bieten?« Für einen Politiker, der beim Wahlvolk ankommen will, reiche es seither nicht mehr, mit brillanten Stellungnahmen auf seinem Fachgebiet zu glänzen, meint Gmür, »mindestens ebenso wichtig ist es, dass er mitteilt, er wasche seine Socken selber oder spiele mit seinen Enkelkindern Fußball«.

Der um sich greifende Gefühlsjournalismus ist auf Provokation aus, auf Steigerung der Gefühle, egal welche. Trete etwa ein Minister »bleich« vor die Presse, so habe sich der Verlauf eines Skandals zu seinen Ungunsten verändert – egal, was er in der Sache sage. Gmür: »Der Emotionsjournalismus hat bereits das Urteil über ihn gesprochen.« Alle Genres, alle Medien durchziehe diese Lauerhaltung, auch schon lang bestehende Formate wie Quizshows. Diese lebten längst nicht mehr, wie zu Zeiten Hans-Joachim Kulenkampffs, »von der Bewunderung für den enzyklopädischen Alleswisser, sondern vom gespannten Verfolgen der Anzeichen von Stress auf dem Gesicht des Kandidaten, das die Kamera meist in Naheinstellungen fixiert«.

Oft sind es Sekunden, die darüber entscheiden, ob jemand Medienopfer wird oder nicht. Deshalb versuchen Medienberater wie Marcus Knill den Klienten klarzumachen: Entscheidend ist, dass man im ersten Moment überlegt reagiert. Bei einer verbalen Attacke, die durchaus freundlich daherkommen könne, gelte es, kühlen Kopf zu bewahren und Zeit zu gewinnen. Knill lebt und arbeitet eine knappe Autostunde von Zürich entfernt. Er berät vermehrt Politiker, Manager, hohe Beamte und Spitzensportler aus der Schweiz, aber auch Führungskräfte aus Deutschland. Er bringt ihnen bei, wie man vermeiden kann, Medienopfer zu werden. Entscheidend sei, so sein Rat an die Mandanten, stets auf indiskrete Fragen vorbereitet zu sein. Denn ein Emotionsjournalist setze auf das Überraschungsmoment. Auch mitten in einem sachlichen Gespräch könne plötzlich die unverschämte Frage im Raum stehen: »Wann hatten Sie das letzte Mal Sex?«

Der ehemalige Schweizer Botschafter in Deutschland etwa, Thomas Borer-Fielding, von dem eine Schweizer Boulevardzeitung behauptete, er habe eine Affäre mit einer Kaufhaus-Visagistin gehabt, »lag nach den ersten 30 Sekunden flach«, wie Knill formuliert. Von Journalisten gefragt, ob der Vorwurf stimme, habe der Diplomat den größten Fehler begangen und damit sein Karriereende besiegelt: Borer-Fielding ging auf die Frage ein. Aufgebracht bestritt er die Vorwürfe, beschuldigte die Presse und öffnete damit ein Einfallstor. »Wer dementiert, liefert Zündstoff für die Lügendiskussion und heizt damit die Sieg-Niederlage-Dynamik erst richtig an.« Der Botschafter hätte sagen müssen, erklärt Knill: »Das ist meine Privatsache, das geht Sie nichts an!« Wäre dennoch weiter berichtet worden, hätte er dagegen juristisch vorgehen können.

Ein Volk von Voyeuren ist so herangezogen worden, das vor allem eines sehen will: Sieger und Verlierer. Und ein Heer von Exhibitionisten stellt sich nur zu gern zur Verfügung. Geltungsbedürfnis, der Wunsch, wenigstens für einige Momente prominent zu sein, drängten den »kleinen Mann« vor die Kamera – und sei es als Loser oder Taugenichts. Scharenweise outeten sich die Alkoholiker oder Fetischisten, die Bettnässer oder Kleptomanen – »in der Hoffnung auf einen Beurteilungsbonus für ihre freiwillige Selbstoffenbarung«, sagt der Zürcher Psychologe Gmür. Aber niemand honoriere es ihnen, wenn die Scheinwerfer ausgeschaltet sind.

»Es sind oft labile Menschen, die im Rampenlicht stehen möchten«, sagt der Therapeut. Menschen, deren gesteigertes Geltungs- und Aussprachebedürfnis in einem Trauma wurzele. Oder Menschen mit einer »ichschwachen«, unausgereiften Persönlichkeit, wie sie die heutige Zeit, die kaum noch Orientierung biete, mehr und mehr hervorbringe. Im Fernsehen jedoch erführen sie statt Bestätigung Desillusionierung, wenn sie merkten, »dass sie nur für eine Dramaturgie missbraucht wurden«, wie Gmür sagt.

Die Privatsender produzieren die meisten Medienopfer. Allen voran Stefan Raab, »des Teufels Moderator«, wie ihn der Spiegel nannte. Ein Heer junger Leute, meist Studenten, ist für Raab von früh bis spät damit beschäftigt, Fernsehsendungen zu sichten. Welches Material gibt eine Pointe nach dem Gusto des Moderators her? Der riesige Raum, in dem die Hilfskräfte sitzen, die erste Etage eines ehemaligen Fabrikgebäudes, wird auch »der Stollen« oder »das Bergwerk« genannt. Hier, im früheren Industriegebiet und heutigen Medienstandort Köln-Mülheim, residiert die Brainpool TV, die Raabs Sendung produziert. Es ist früher Nachmittag, vor einer Wand mit neun Monitoren sitzt ein stämmiger junger Mann und verfolgt neun Fernsehsendungen gleichzeitig, vor ihm auf dem Tisch liegt eine dicke Programmzeitschrift, etliche Sendungen dick angestrichen, die auf jeden Fall auf Video aufzunehmen sind: die Oliver Geissen Show auf RTL, Britt – Der Talk um eins auf Sat.1, SAM auf ProSieben, eine Bundestagsübertragung in ARD und ZDF. Ein paar Tische weiter sitzen Studenten um einen runden Konferenztisch, sie tragen Kopfhörer, jeder von ihnen starrt auf einen Monitor und sucht eine bereits aufgezeichnete Sendung nach verwertbaren Stellen ab. Szenen werden in Zeitlupe wiederholt, Ausschnitte herangezoomt.

»Sich über jemanden lustig zu machen ist legitim«, meint Jörg Grabosch, der Brainpool-Chef. »Wir nehmen ja nie Leute, die noch nie im Fernsehen waren. Wir zeigen sie im besten Fall in einem neuen Kontext.« Grabosch sitzt ein paar Etagen weiter oben in dem Fabrikgebäude in einem verglasten Büro. Neben seinem Schreibtisch läuft ein Fernseher ohne Ton, auf Videotext werden ständig neue Einschaltquoten von Sendungen des Vortags eingespielt. Nicht Raab sei zynisch, so Grabosch, sondern jene Redakteure von Rundfunkanstalten, die unter der Hand ihre eigenen Sendungen zum Ausschlachten einschickten. Dabei kann der »neue Kontext«, in den Raab seine Opfer stellt, ein völlig anderer sein und, wie im Fall Lisa Loch, zum Albtraum werden.

Für die damalige Schülerin wurde zum Verhängnis, dass sie vor drei Jahren in Köln an einer Miss-Wahl teilnahm und einem Team von RTLs Explosiv den schlichten Satz in die Kamera sprach: »Guten Tag, mein Name ist Lisa Loch, und ich bin 16 Jahre alt.« Zwei Tage später zeigt Raab die kurze Sequenz, kündigt sie an mit den Worten: »Es geht um die Kandidatinnen einer Miss-Wahl, und … eine hat einen sehr interessanten Namen, schauen Sie mal.« Auf dem Bildschirm erscheint Lisa mit ihrem Satz. Ins Gelächter des Studiopublikums hinein fährt Raab fort: »Ja, die Lisa Loch, meine Damen und Herren! Man muss doch heute nicht Lisa Loch heißen! So was kann man doch heutzutage notariell ändern lassen, zum Beispiel Lotti Loch, oder vielleicht war Lisa Loch ihr Künstlername, und die heißt nämlich Petra Pussy.« Das Publikum lacht, Raab ist nicht mehr zu bremsen: »Toller Name, auch wenn man ins Pornogeschäft einsteigen will. Der neue Film von Lisa Loch. Hallöchen!«

Auch an den folgenden zwei Tagen gefällt es Raab, seine Sendung mit Späßen über den Namen des Mädchens zu bestreiten. Sie habe sich schon gar nicht mehr getraut, den Fernseher einzuschalten, sagt ihr Anwalt Frank Roeser, der auch sie schon gegen Raab vertrat. Wohin seine Mandantin auch gekommen sei, in die Schule, auf Feiern oder zu Freunden – jeder Gang sei für sie zu einem Spießrutenlauf geworden. Bei ihr zu Hause in Essen meldeten sich anonyme Anrufer mit »Hey, Petra Pussy!« und legten auf.

Irgendwann ließ die Aufregung nach. Weil Lisa im Rahmen des Schulunterrichts auch ein Betriebspraktikum absolvieren musste, bewarb sie sich – durchaus naiv – bei Brainpool. Sie wollte Raab sagen, »dass er so nicht mit mir umgehen kann«. Antwort erhielt sie nie, dafür legte Raab in seiner Sendung nach fünf Monaten noch einmal nach. In einem Beitrag über einen Grünen-Vorschlag, das Wahlalter auf 16 Jahre zu senken, machte er sie zur Namensgeberin einer »Lisa Loch Partei«. Auf dem Wahlplakat war ein kopulierendes Paar zu sehen, ein Mann saugt einer Frau, Lisa ähnlich, an den Brüsten. Unter dem Bild der Slogan: »Loch für alle«. Nun häuften sich wieder die Schmähungen, Lisa traute sich vor Scham nicht mehr aus dem Haus, vorübergehend brachten ihre Eltern sie in das Ferienhaus der Familie nach Norddeutschland. Im Sommer wagte sie es nicht mehr, Kleider anzuziehen, sie trug Hosen statt Röcke. Aus der unbeschwerten Gymnasiastin aus gutbürgerlichem Haus, die Violine, Klavier und Tennis spielte, war ein verängstigtes, depressives Mädchen geworden, das einen Therapeuten brauchte.

Für Anwalt Roeser hat die Verletzung der Persönlichkeitsrechte seiner Mandantin eine »menschenverachtende« Dimension. Roeser erwirkte gegen Raab eine Unterlassungsverfügung, in zweiter Instanz verurteilte das Oberlandesgericht Hamm Raab im vergangenen Jahr dazu, Lisa Loch Schmerzensgeld über 70.000 Euro zu zahlen. Abgeschlossen ist das Kapitel für Lisa immer noch nicht. Wenn sie in der Apotheke ein Rezept einlöst oder in der Drogerie Fotos abholt – stets werde sie dann noch auf Raabs Sendung angesprochen, erzählt sie. »Ja«, räumt Brainpool-Chef Grabosch ein, »im Fall Lisa Loch sind wir etwas zu weit gegangen, das war nicht sehr feinfühlig.«

Neu ist das Muster nicht. Die moderne Mediengesellschaft sucht, wie schon in der Antike, nach einem Opfer, auf dem sie ihre inneren Spannungen, ihre Ängste und Aggressionen abladen kann. Dabei spielt es keine Rolle, ob der Sündenbock schuldig oder unschuldig ist. Hauptsache, er eignet sich dafür, Unmut und negative Affekte auf sich zu ziehen. In alten Zeiten wurden Sündenböcke in die Wüste gejagt. Heute besteht ihre »Opferung« darin, dass Unschuldige lächerlich gemacht und an den Pranger gestellt werden. Ihr Bild wird wieder und wieder gezeigt. Das heißt, die Opfer werden gerade durch die Dauerpräsenz ihres Bildes aus dem Publikum »ausgeschlossen«.

Man kann das Betriebsgeheimnis von Raabs Sendung so beschreiben: Indem er ständig neue Opfer ausfindig macht und sie an den TV-Pranger stellt, versucht er, ein Gemeinschaftsgefühl unter den Fernsehzuschauern zu stiften. Alle Affekte sollen sich auf das »Opfer« richten und es schuldig sprechen, auf Teufel komm raus. In diesem Akt der emotionalen Entladung soll ein kollektives Wohlfühlklima entstehen – eine harmonische Gemeinschaft der Lachenden und Feixenden. So macht Raab Quote auf dem Rücken Unschuldiger. Je härter die Zeiten, desto mehr braucht man davon. Anders gesagt: Je gnadenloser der Wettbewerb zwischen den Medien, desto »blutiger« die »Opferungen«.

Der Zürcher Therapeut Gmür vergleicht Medienopfer mit Traumaopfern – nur dass sie nicht »körperliche Todesangst«, sondern »soziale Todesangst« litten. Sie fühlten sich tatsächlich als Sündenbock. Sie fürchteten, Job, Ansehen, Freunde zu verlieren – ihre ganze Existenz. Und die Angst höre nie auf: »Bei den körperlichen Bedrohungen ist das äußere Trauma einmal beendet und wird in verinnerlichter Form als Erinnerung weitergelebt«, sagt Gmür. Beim Medienopfer dagegen bestehe die Bedrohung fort, denn die einmal in die Welt gesetzten Behauptungen und Schmähungen könnten nicht wieder gelöscht werden. Die Angst vor einer Wiederkehr des traumatischen Erlebnisses äußere sich in Überempfindlichkeit, Schamgefühlen und Verfolgungswahn. Medienopfer fürchteten Diskriminierung, Hohn und Spott. Deshalb verhielten sie sich oft überangepasst und brav. Symptome, die Gmür bei Medienopfern beobachtet hat: depressive Verstimmung, Selbstmordfantasien, innere Unruhe, Schlafstörungen, Gefühl der Wehrlosigkeit, zwanghafte Rachefantasien, Schuldgefühle.

Ein Frühlingsvormittag in Zürich. Die Sonne strahlt von einem blauen Himmel herab. Doch Marcel Maderitsch hat sämtliche Fensterläden in seiner kleinen Altbauwohnung verriegelt. Er muss das Licht anschalten, so dunkel ist es in den Zimmern. An der Tür und am Briefkasten hat er die Namensschilder entfernt. Eine Zeit lang sei er stets, wenn er nach Hause kam, mit seinem Auto erst einmal um den Block gefahren, um sicherzugehen, dass ihm niemand gefolgt sei, erzählt er.

Marcel Maderitsch, 31 Jahre alt, groß gewachsen, sportlich, war für wenige Wochen ein Star. Er war der »Bachelor«, die Hauptfigur der gleichnamigen siebenteiligen Kuppelshow, die Ende 2003 in Deutschland von RTL und in Österreich vom ORF ausgestrahlt wurde. Durchschnittlich 3,6 Millionen sahen in Deutschland zu, wie der aus Konstanz stammende Bankangestellte aus 25 jungen Frauen nach und nach seine Traumfrau wählte. Am Ende jeder Folge verteilte er Rosen an jene, die bleiben durften; die anderen Kandidatinnen mussten, ohne Blumen, nach Hause gehen. Gedreht wurde der Plot in einer mondänen Villa in Südfrankreich an der Côte d’Azur.

Die Fernsehshow wurde mit publizistischem Feuer begleitet – und der Hauptdarsteller mit reichlich Häme überschüttet. »Von Folge zu Folge mehr und mehr«, urteilte die Süddeutsche Zeitung, habe sich Marcel »als seelenloses Psychowrack erwiesen«; er wirke »emotional verarmt, sexuell verelendet, moralisch verwahrlost«. Die Welt attestierte ihm ein »Kataloggesicht« und meinte, ästhetisch laufe die Serie »auf verschwiemelten Softcore hinaus: das noble Interieur, die Weichzeichnerei, hier ein Röschen, da eine Kerze, dort ein Küsschen, da ein Augenaufschlag, die Musik, alles – Grauen erregend«. In Österreich musste sich Der Bachelor vor allem des Vorwurfs der Frauenfeindlichkeit erwehren. Politikerinnen aller vier Parteien im Wiener Parlament protestierten gegen diese »stumpfsinnige Fleischbeschau« – und lösten eine erregte Debatte darüber aus, warum sich der öffentlich-rechtliche ORF auf eine solch frauenfeindliche Koproduktion mit einem Privatsender eingelassen habe. Dass es auch noch eine Frau war, die ORF-Intendantin Monika Lindner, die dieser Zusammenarbeit zugestimmt hatte, erhöhte den Zorn der Frauen.

Alles indes nur Geplänkel im Vergleich zu den Nachstellungen der Boulevardpresse, der deutschen wie der österreichischen, denen sich Maderitsch ausgesetzt sah. Allein die Bild- Zeitung habe 22-mal über ihn berichtet, stets in großer Aufmachung, immer mit mindestens einem Foto, erinnert er sich. Er hat die Berichte gesammelt, die Schlagzeilen: Keine Millionen, kein Schloss – RTL-Bachelor (sprich Bätscheler) lebt noch bei MamaMacht der Bachelor die Frauen mit Alkohol gefügig?Wer den Bachelor nicht knutscht, ist raus!Ist der Bachelor ein mieser Po-Grabscher?Der Bachelor war eine Niete im Bett. Boulevardjournalisten befragten Nachbarn und Verwandte nach den sexuellen Vorlieben des Darstellers.

»›Bild‹ hat meine Eltern terrorisiert«, sagt Maderitsch. Die junge Reporterin, die vorwiegend über ihn schrieb, »war für mich eine Bedrohung«. Täglich um Mitternacht, wenn die Online-Ausgabe der Bild- Zeitung des nächsten Tages ins Netz gestellt wurde, saß er in banger Erwartung vor dem Bildschirm, um zu sehen, »was heute wieder für ein Dreck über mich drinsteht«. Während die Serie lief und auch danach sei er stets »auf der Flucht gewesen, ich habe viele, viele Reisen unternommen«. Noch immer wird er auf der Straße erkannt, auch in Zürich, wo er heute lebt.

Aber ist Marcel Maderitsch wirklich ein Medienopfer? Muss sich solche Schlagzeilen nicht gefallen lassen, wer sich freiwillig für die Hauptrolle in einer Kuppelshow entscheidet? Natürlich habe er sich geschmeichelt gefühlt, am Ende eines Castings von 140 Bewerbern übrig geblieben zu sein, sagt Maderitsch. Auch mögliche Folgen habe er bedacht. »Ich hatte von Anfang an Anwälte dabei. Ich wollte nicht jeder Regieanweisung Folge leisten, wenn es zum Beispiel heißt: Spring mal nackt in den Pool!« Die Medienresonanz habe er jedoch »total unterschätzt«. Er habe sich vorher informiert, welche Reaktionen es auf die Sendung in Frankreich, Italien, Norwegen, Schweden und den USA gegeben habe, wo das Format schon gelaufen ist. »Dort gab es kein Medieninteresse.« Maderitsch dachte, alles im Griff zu haben – und war am Ende nur ein Getriebener.

Für den Berliner Medienanwalt Christian Schertz gilt: »Medienopfer ist, wer nicht in die Medien will.« Das heißt im Umkehrschluss: Wer sich freiwillig in die Medien begibt, insbesondere seine Privat- und Intimsphäre verkauft, kann sich hinterher nicht als Medienopfer bezeichnen. Schertz residiert in einer Kanzlei am Kurfürstendamm. Dass er viel mit Medien zu tun hat, belegt schon die üppige, wie ein Bahnhofskiosk bestückte Zeitschriftenwand in seinem Besprechungszimmer. Schertz vertritt viele Medienopfer, Nichtprominente wie Prominente, vor allem jene aus der so genannten A-Liga, die durch ihre Leistung öffentlich wahrgenommen werden wollen – im Unterschied zu den »B- und C-Promis, die prominent sind, weil sie prominent sind«, wie Schertz erklärt. Diese »Stars« haben, wie das Heer der Nichtpromis, allein ihr Privatleben, das sie zu Markte tragen.

In der Mediengesellschaft sei »das Persönlichkeitsrecht zum lizenzfähigen Gut geworden«. Man bekommt Geld dafür, dass man sein Intimstes dem Neonlicht der Öffentlichkeit preisgibt. Das sei fatal angesichts der zunehmenden Härte der Medien, so Schertz: »Es gibt keine Tabus mehr, alles ist möglich, und überall ist die Kamera dabei. Im Bereich Gewalt, Sex, Intimes müssen Sie immer weiter gehen, um noch gesehen zu werden. Es ist nur noch das Recht davor, um vor Auswüchsen zu schützen.« Diesen letzten Schutz aber verkaufe die breite Masse für einen Talkshow-Auftritt – in der Gier nach Aufmerksamkeit und Anerkennung. Wer sich aber einmal öffentlich entblößt habe, könne sich nicht das nächste Mal auf seinen Persönlichkeitsschutz berufen, erklärt der Anwalt. Die Gerichte sprächen dann von »widersprüchlichem Verhalten«.

Aus diesem Grund ist auch Dana Gottschalk für Schertz kein Medienopfer, denn sie habe genau gewusst, worauf sie sich einließ. Dana Gottschalk, 28 Jahre alt, fühlt sich von Oliver Pocher beleidigt. Der Comedian moderierte im Januar bei Wetten, dass …? in Hannover die so genannte Außenwette. Dana Gottschalk kam zu ihm auf die Bühne und sagte, sie heiße mit Nachnamen Gottschalk, wie der Wetten, dass …?- Moderator, als Beleg zeigte sie ihren Ausweis vor. Pocher blickte darauf und sagte den folgenreichen Satz: »Ich will ja nichts sagen, aber du siehst ganz schön alt aus für dein Alter.« Darauf sie: »Ja, danke schön.« Pocher, nun in die förmliche Anrede wechselnd: »Es gibt übrigens eine schöne Operationsshow bei ProSieben, da könnte ich Sie mal vorschlagen.« Darauf sie, beim Du bleibend, schließlich kennt man sich seit einer Begegnung auf der Tribüne von Hannover 96: »Vielen herzlichen Dank, Olli. Beim nächsten Mal im Fußballstadion werde ich dich verprügeln.« Nach Einschätzung von Schertz, in diesem Streit Anwalt von Pocher, zeige dieser Wortwechsel, dass es »ein Dialog auf gleicher Augenhöhe« gewesen und Dana Gottschalk keineswegs ein Opfer sei. Sie habe den Auftritt ja geradezu gesucht und sich dann auch durchaus medienerfahren verhalten.

Dana Gottschalk dagegen fühlt sich beleidigt und verletzt. Ihr Anwalt verklagte Pocher auf 35.000 Euro Schmerzensgeld. Zu Hause, an ihrem Wohnort, berichtet die Klägerin, sei sie Dauergesprächsthema gewesen. Ob an der Tankstelle oder beim Gang über den Marktplatz – man habe sie mit den Worten angesprochen: »Du siehst ja echt Scheiße aus, die OP haste dringend nötig.« Die Privatsender hätten ihr aufgelauert, zwei Fernseh-Übertragungswagen hätten vor dem Zeitungsvertrieb, in dem sie angestellt ist, Position bezogen. Ihr Arbeitgeber habe daraufhin Bodyguards angeheuert, um sie abzuschirmen.

Medienopfer oder Medientäter – nicht immer sind die Grenzen klar. Christian Schertz hat Oliver Pocher schon einmal vertreten, da war dieser selbst Opfer geworden – ein Opfer der Bild- Zeitung. In der Talkshow Johannes B. Kerner im vergangenen Oktober hatte Pocher auf die Frage, ob es auch ein Thema gebe, über das er keine Witze reiße, geantwortet, beim Thema Kindesmissbrauch sei er »extrem sensibilisiert«. Er erzählte von einem Fall, der sich in seiner Jugendzeit in seiner Heimat zugetragen und von dem er selbst erst viel später erfahren habe. Es hätten Menschen dem Opfer helfen wollen, aber das Mädchen sei nicht zur Aussage bereit gewesen. Unter solchen Umständen sei es schwer, einen Verdächtigen seiner Strafe zuzuführen, meinte Pocher. So laufe der Mann heute noch frei herum, was ihn wütend mache.

Einige Tage später titelte die Bild- Zeitung auf ihrer ersten Seite: Oliver Pocher – TV-Star schützt Kinder-Schänder, daneben ein Foto Pochers. Das Blatt nannte es einen »Skandal«, dass Pocher von einer Kindesmisshandlung wisse, aber den Täter nicht anzeige. Sein Zitat, dass man nicht einfach jemanden beschuldigen und damit vor Gericht Erfolg haben könne, kommentierte Bild mit den Worten: »Was denkt sich der TV-Star bloß bei solchen Aussagen – in Zeiten, wo fast täglich Kinder in Deutschland geschändet werden?« Pocher müsse nun »zum Polizeiverhör«. Bild verschwieg, dass der Fall lange zurücklag, das Blatt erweckte den Eindruck, Pocher decke einen Kinderschänder und verharmlose das Thema. Anwalt Schertz setzte für Pocher eine Gegendarstellung durch, ebenfalls auf Seite eins. Bild musste sich sogar bei Pocher entschuldigen.

Mit ihm selbst habe die Bild- Zeitung nicht gesprochen, sagt Oliver Pocher. Erst nach der Veröffentlichung habe eine Bild- Redakteurin bei seiner Managerin Nina Brkan angerufen – und gedroht, weitere belastende Informationen zu veröffentlichen, wenn Pocher weiterhin nicht bereit sei, mit Bild zu reden. Bild bestreitet den Vorwurf der Erpressung nicht. Offenbar hatte sich der Comedy-Star unbeliebt gemacht, weil er sich weigerte, dem Blatt ein Interview zu geben. Vor allem nach dem Erfolg seiner Werbekampagne für den Media-Markt (»Lass dich nicht verarschen!«) im vergangenen Herbst habe es »viele Anfragen von Bild gegeben, ich habe immer abgelehnt«, sagt Pocher und sieht sich dabei in guter Gesellschaft: »Leute, die beruflich gefragt sind und Rückgrat haben, reden nicht mit der Bild- Zeitung.«

Wie demütigend es ist, wenn Bild seine Drohungen wahr macht, hat Sibel Kekilli, Hauptdarstellerin des preisgekrönten Films Gegen die Wand, leidvoll erfahren. Am Samstag noch strahlende Berlinale-Gewinnerin, wurde sie zwei Tage später auf der Titelseite der Bild- Zeitung als »Porno-Star« geoutet. Über Wochen hinweg, zeitweise täglich, breitete Bild genüsslich die Vergangenheit der jungen Deutsch-Türkin als Pornodarstellerin aus. In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) klagte sie über die »ziemlich gerissenen« Methoden des Boulevardblatts: »Die Bild- Zeitung sagt mir zum Beispiel: Wir wollen jetzt an deine Eltern ran. Aber wir können sie in Ruhe lassen, wenn du uns ein Interview gibst. Ich lass mich ganz bestimmt von denen nicht erpressen.« Bild machte daraufhin seine Drohung wahr und sprach mit den Eltern. Und der Vater sagte dem Blatt, er wolle Sibel nie wieder sehen. Die Familie hat ihre Tochter verstoßen. Dass ihre Porno-Vergangenheit ans Licht kommen würde, damit habe sie gerechnet, sagte Kekilli der FAS – »aber so riesig, so schmutzig, das hätte ich nicht gedacht«. Diese Bloßstellung wollte sie nicht auf sich sitzen lassen. Als im vergangenen Herbst die Bambi-Verleihung im Fernsehen übertragen wurde, nutzte sie die Gelegenheit, öffentlich die Boulevardmethoden anzuprangern: »Und denen ich nicht danke, das sind Bild und Kölner Express. Hört endlich auf mit dieser dreckigen Hetzkampagne! Das, was ihr macht, nennt man Medienvergewaltigung«, stieß sie hervor und begann zu weinen.

Hört man sich in der Medienbranche um, bei Managern von Künstlern etwa, so fällt immer wieder ein Name, der mit diesen Erpressungen in Verbindung gebracht wird: Martin Heidemanns, bei Bild für das Unterhaltungsressort verantwortlich. »Seine Interviews in Verhörform sind ebenso berüchtigt wie die rüden Recherchemethoden«, schrieb die Woche vor vier Jahren über ihn. Heidemanns sei »als ›harter Hund‹ gefürchtet, bleibt aber selbst im Hintergrund«.

Neben dem Prominenten-Bashing betreibt das Blatt aber auch nach wie vor das klassische Geschäft des Geschichtenerfindens wie zu Günter Wallraffs Zeiten, der schon 1979 eines seiner Bild- Enthüllungsbücher »den Opfern« gewidmet hatte. Immer noch unterhält Wallraff aus privaten Mitteln einen Rechtshilfefonds für Bild- Opfer. Vor wenigen Monaten erst hat sich wieder jemand hilfesuchend an ihn gewandt: Friedrich F., 53 Jahre alt. Der gebürtige Bayer lebt seit geraumer Zeit in Thailand, in einem kleinen Bungalow im Urlauberparadies Pattaya. Er habe eine »Kälte-Allergie«, sagt er. Wenn er kalte Luft einatme, »fühle ich mich schlecht, dann wird mir im Magen unwohl, und ich bin im Kopf benommen«. Deshalb sei er schon vor langer Zeit nach Thailand gezogen, wo es das ganze Jahr über warm ist. Dort hält sich F. mit Sprachen- und Gitarrenunterricht über Wasser, jeden Monat schickt ihm seine Mutter etwas Geld.

Vergangenen Sommer ist der Deutsche in seinem Bungalow von zwei Unbekannten überfallen und ausgeraubt worden. Das Opfer wurde dabei verprügelt, das Gesicht war voller Blutergüsse und Schwellungen. Als Friedrich F. zur Polizeistation kam, sei da »ein Haufen Reporter« gewesen. Keiner habe mit ihm gesprochen, sagt er, aber es seien Fotos von seinem zerschundenen Gesicht gemacht worden. Eines davon fand den Weg zur Bild- Zeitung. Und die kolportierte eine passende Geschichte dazu, Überschrift: Thai-Hure boxt deutschen Sex-Tourist k. o. Im Text heißt es, »Geschäftsmann Friedrich F.« habe »ein Thai-Mädchen« engagiert und ihr »viel Geld für ein privates Pornovideo« versprochen. Nach dem Sex habe F. nicht zahlen wollen. Wie von Sinnen habe dann »die Hure« auf ihn eingeschlagen. »Vergeblich versuchten andere Prostituierte und die Bordellchefin dazwischenzugehen.« In das Foto mit F.s malträtiertem Gesicht hat Bild noch vier spärlich bekleidete thailändische Prostituierte im Hintergrund montiert.

Die Mutter von Friedrich F. in Bayern hatte den Bericht als Erste entdeckt. Ihr fiel niemand anderes ein als Günter Wallraff, an den sie sich wenden konnte. Der vermittelte den Hamburger Anwalt Helmuth Jipp. Eine Unterlassungserklärung habe Bild schon abgegeben, sagt er, nun wolle er noch auf Widerruf klagen und ein Schmerzensgeld von 30.000 Euro für seinen Mandanten erstreiten. Das Landgericht Hamburg hat Friedrich F. dafür Prozesskostenhilfe bewilligt – was das Gericht nicht getan hätte, hielte es die Klage für aussichtslos. Die Version des Boulevardblatts dagegen: F. habe mit einer Thailänderin drei Pornofilme aufgenommen, sei danach das volle, verabredete Honorar schuldig geblieben. An jenem Abend habe die Frau versucht, die Filme von F. zu bekommen. Dabei sei es zwischen ihr, einem Freund und F. zu Gewalttätigkeiten gekommen. Zur Stützung dieser Version hat Bild inzwischen einen Journalisten für eine »Nachrecherche« nach Thailand geschickt; er soll belegen, dass sich alles so, wie beschrieben, oder zumindest so ähnlich zugetragen habe. Dabei behält Bild sich vor, die Kosten der Recherche bei F. mittels einer »Widerklage« einzutreiben. Opferanwalt Jipp weist darauf hin, dass die umstrittenen Filme von der örtlichen Polizei bislang nicht gefunden wurden, auch sei das gegen F. eingeleitete Verfahren mittlerweile eingestellt worden. »Die Filme gibt es nicht.«

Geändert hat sich allem Anschein nach der Umgang der Öffentlichkeit mit den Methoden von Bild. Sie reagiert gelassener, man erwartet von diesem Blatt offenbar nichts anderes. Im Internet führen neuerdings vier Medienjournalisten nebenberuflich unter www.bildblog.de in ironischem Ton ein Tagebuch über »die kleinen Merkwürdigkeiten und das große Schlimme« in der Bild- Zeitung. Es ist unterteilt in die Ressorts »Grob Fahrlässiges«, »Merkwürdiges«, »Moralisches«, »Kommerzielles«.

Vor einem Jahr ging Bildblog online, inzwischen klicken Tag für Tag 15.000 Leser die Seite an. Ein Heer von Zuträgern weist auf Falschmeldungen und Nonsens im Blatt hin. »Wir wollen aufklären, versuchen aber, es unterhaltsam zu machen«, sagt Christoph Schultheis, presserechtlich verantwortlich für den Auftritt im Netz. Bild soll vor allem der Lächerlichkeit preisgegeben werden. »Aber wenn nötig, regen wir uns auch auf.« Seit Kai Diekmann 2001 die Chefredaktion übernahm, sei das Blatt härter geworden, fahre wieder mehr Kampagnen.

Ausgerechnet Udo Röbel, Diekmanns Vorgänger, findet Bildblog »fantastisch«. »Wir unterschätzen noch«, meint Röbel, »was da für eine publizistische Gegenmacht im Internet heranwächst.« Zusammen mit anderen ehemaligen leitenden Kollegen von Bild und einem Hamburger Medienanwalt hat er im Mai das Internet-Portal www.fairpress.biz gestartet. Es soll Opfern von falscher oder einseitiger Berichterstattung die Gelegenheit geben, mit einer öffentlichen Gegenrede zu reagieren. Anders als eine Gegendarstellung, die oft erst nach Wochen oder Monaten vor Gericht erstritten wird, könne »die juristisch nicht bewehrte Gegenrede« schnell erfolgen. Fairpress soll außerdem zu einem Internet-Archiv für presserechtliche Auseinandersetzungen und zu einem Recherchepool für Journalisten werden. Ist das nicht eine Kampfansage an Bild & Co.? Röbel lächelt bei dieser Frage. »Sie meinen, ich habe mich vom Saulus zum Paulus gewandelt?« Nein, er sieht Fairpress eher als Fortsetzung seiner Arbeit als Chefredakteur von Bild: »Ich habe die Korrekturspalte bei Bild eingeführt«, eine der meistgelesenen Kolumnen. Nichts steigere die Glaubwürdigkeit einer Zeitung mehr, als Fehler zuzugeben.

Mitarbeit: Thomas Assheuer

 
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