klassik Ist es Mozart oder nicht?Seite 3/3
Der Oberkustos von der Spree tritt darum die Flucht nach vorn an. Michaelis stimmt zu, dass es Steiners waren, deren Porträts im Glaspalast und bei Lindauers Witwe hingen. Er glaubt jetzt aber, »dass wir gar nicht vom selben Bild sprechen«. Der Zufall ist ja nicht auszuschließen, dass ein formatgleicher Mozart anno 1934 von ganz woanders her auf der Kunstmarkt geriet. Ein bisschen erinnern diese Spekulationen an unglücklich Verliebte, die sich jedes Nein in ein Vielleicht umbiegen. Aber es gibt in diesem Falle keineswegs nur Neins. Einige Einwände können die Berliner leicht entkräften. Dass etwa Edlinger in den paar Tagen nicht genug Zeit für den schwer beschäftigten Mozart haben konnte und einen Musiker mit Berufsattributen hätte darstellen müssen, so, wie Haydn zur gleichen Zeit mit Gänsekiel und Tastatur gemalt wurde.
Doch zwingend waren solche Attribute im späten 18. Jahrhundert keineswegs, sie wurden erst im 19. Jahrhundert wieder üblich. »Denken Se an Herder oder Lessing von Anton Graff«, sagt Michaelis, der über die Malerei jener Zeit promoviert hat, »wie seh’n die denn aus?« Den Porträtmalern der Aufklärung war es vor allem um den Charakter zu tun. »Er bringt den seelischen Zustand der Leute bestens raus«, sagt einer, der Edlingers Schaffen 1983 erstmals gründlich beschrieb. Rolf Schenk diagnostizierte damals »weltmännische Haltung« und »intellektuelle Tätigkeit« des Dargestellten. An Mozart dachte er nicht, erst später »fiel es mir wie Schuppen von den Augen«. Was das Tempo angeht: »Er konnte gar nicht langsam arbeiten, er hat das ja nass in nass gemalt. Flott und zügig, mit schnellen Pinselstrichen, meisterlich!« Dass das Bild tatsächlich »in einem Zug« entstand, erwies sich auch bei den Restaurierungsarbeiten.
Und was geschah dann? Musste Mozart das Bild in München lassen, weil es noch nass war, als er abreiste? Geriet es, durch welche Umstände auch immer, in einen Winkel bei den Gönnern, die es bezahlt hatten? Immerhin kennt die Kunstgeschichte auch den Fall eines Porträts Friedrichs des Großen, das erst hundert Jahre nach Entstehen bei einem Schulmeister in Neustrelitz auftauchte. Trotzdem ist es seltsam, dass Mozarts Münchner Freunde, die so ein »Gereiß« um ihn machten und, wie etwa der Komponist Christian Cannabich, auch den Maler kannten, nicht nach Mozarts erschreckendem Tod ein gutes Jahr später sich erinnert hätten, dass da noch ein Porträt des geliebten Genies existierte. Und hätte der Münchner Verleger Strobl, der Edlingers Prominentenporträts in einer Serie von Stichen herausgab, sich Mozart entgehen lassen?
In all dem Nebel sprechen die Zahlen und Dokumente, die tatsächlich vorliegen, ziemlich handfest für Steiner. Ja, aber die Hand? Die bewegliche Linke des Porträtierten begeistert auch den Kunstexperten und Kunsthändler Schenk: »Edlinger hat die Hände meist weggelassen, obwohl er die gut konnte.« Die hat was, die Hand. Über den Mozart jener Jahre sagte seine Schwägerin dem Biografen Nissen: »Auch sonst war er immer in Bewegung mit Händen und Füssen, er spielte immer mit Etwas, z. B. mit seinem Chapeau, Taschen, Uhrband, Tischen, Stühlen, gleichsam Clavier.« Und wenn man durch die nach Holz und Firnis, nach dem Handwerk der Verewigung duftenden Depots der Berliner Galerie sich der Katalog-Nummer 2097 von hinten genähert hat, auf Mozart hoffend und ihn liebend: Dann sieht man die spielende Hand.
Und sucht seinen Blick, der einen sanft durchschaut. Dass die Hand Geld zählt, dass die Ferne im Blick sich nebst Doppelkinn dem Wohlleben eines Münchner Händlers verdankt, der über Mozarts Schulden gelächelt haben könnte – das legen freilich die Tatsachen näher, als den Anbetern lieb sein kann. Dazu passen die Münchner Informationen mindestens so gut wie etwa das linke Auge des Bologneser Mozart zu dem des Mannes in Berlin. Doch wer weiß, was bis zum Mozart-Jahr 2006 noch so ans Tageslicht gerät… Bis dahin mögen die einen sich freuen, die andern bezweifeln, dass auch ein Kaufmann mozartisch wirken kann. Alle aber können es mit Josepha halten, für die der Musiker bei seiner Berliner Reise so liebevolle Umwege machte. Wobei sie ihn, wie er schreibt, vor Freunden so begrüßte: »da kömmt Jemand der aussieht wie Mozart.«
- Datum 09.06.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 09.06.2005 Nr.24
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