Es gibt einen Gedanken im neuen Buch von Richard Sennett, der die Lektüre lohnt. Er besagt, dass Praktiken und Gewohnheiten, die sich zuerst in der Wirtschaft herausbildeten, unterdessen die politische Sphäre erreicht und umgestaltet haben.

Um den Transfer zu veranschaulichen, gibt er ein Beispiel aus der Autoproduktion. Der Volkswagen-Konzern differenziert, wie andere Unternehmen aus dieser Branche auch, seine Modelle auf der Basis einer einheitlichen Plattform. Ein preiswerter Skoda und der teuerste Audi teilen 90 Prozent der technisch-technologischen »DNA«, Chassis, Motor und viele weitere Bauteile. Beide Typen überzeugen durch hohe Funktionalität; die Verarbeitung ist exzellent, die Störanfälligkeit gering.

Aber in genau dieser Gemeinsamkeit liegt die ökonomische Bedrohung, die es abzuwenden gilt. Würde Volkswagen den weitgehend identischen Baukasten in den Vordergrund seiner Vermarktung stellen, gäben beim Käufer vermutlich Nützlichkeitserwägungen den Ausschlag - zum Nachteil der hochpreisigen Modelle. Je standardisierter und gleichförmiger die Produktion vonstatten geht, desto größere Anstrengungen werden darauf verwandt, die Gleichheit zu verschleiern, Unterschiede aufzubauschen und ökonomisch zu »vergolden«. Die Urteilsfähigkeit der zahlungswilligen Kundschaft einzuschläfern ist der ganze Zweck der Übung. Prestige schlägt Brauchbarkeit; die Autoindustrie steht hier nur pars pro toto.

Die politische Praxis hat sich diese Methoden zu Eigen gemacht, zum ausdrücklichen Schaden ihrer Autonomie, behauptet Sennett. Gekonnt verwischen die professionellen Akteure auf diesem Feld die Spuren des Identischen, feiern sie die Differenz, je geringer sie ausfällt, desto leidenschaftlicher, setzen sie Marken und Namen an die Stelle der Sache, die es zu erörtern gälte, verdecken sie mit Eifer die gemeinsame Plattform, auf der sich so gut wie alle Akteure bewegen, den ideologischen Baukasten, mit dem sie ihre rhetorischen Figuren zimmern.

Das designierte Opfer dieser Prozeduren ist die politische Urteilskraft des Publikums, ihr Ideal der Zuschauer-Bürger, der auf den nächsten Stachel wartet, den nächsten Reiz; der Bürger als Kunde, der der »Benutzerfreundlichkeit« von Angeboten den Vorzug vor der eigenen Prüfung gibt.

Der »Warenfetischismus« des Marktsystems greift über auf die Politik, blendet den Geist des Bürgers und höhlt den Bürgersinn von innen aus. Das politische Engagement degeneriert zur Sucht nach äußerlichen Anhaltspunkten für Vertrauen und Verlässlichkeit (wer wird der neue Präsident, der neue Kanzler, wie gibt er sich, der Kandidat, wie sieht er aus?). »Der Nachteil der aus dem neuen Kapitalismus abgeleiteten Politik ist die Gleichgültigkeit.«

Wie sich die Bürgergesellschaft aus der doppelten Zange von Markt- und Machtfetisch befreien kann, ist die kritische Frage, die sich nach dieser Bestandsaufnahme stellt, und zwar ganz unabhängig davon, ob man ihr nun Originalität zubilligt oder nicht. Die Antwort, die der Autor gibt, ist, vorsichtig formuliert, sehr vage.