Buch im Gespräch Wer rettet die Bürgergesellschaft vor dem neuen Kapitalismus?Seite 2/2
In Gesellschaften, deren Führungsgruppen sich an kurzfristigen Erfolgen berauschen, ökonomischen oder politischen, in denen der soziale Kurswert von Erfahrung, Weitsicht und sozialer Verpflichtung konsequent herabgesetzt wird, hängt für Sennett alles von der Kräftigung des »lebensgeschichtlichen Zusammenhangs« ab.
Er plädiert für die Schaffung gesellschaftlicher »Parallelinstitutionen« durch einen Funktionswandel der traditionellen Gewerkschaften, die wieder den ganzen Menschen einbeziehen und Gemeinschaftserlebnisse ermöglichen sollten, »indem sie Kinderkrippen, Diskussionen und Veranstaltungen aller Art organisieren«.
Er spricht sich für ein Grundeinkommen aus, als Bürgerrecht, ohne »Prüfung der Bedürftigkeit«, ruiniert diesen Gedanken aber umgehend durch die Forderung, der Staat solle Menschen, die nützliche Arbeit in der Familie verrichten, Mütter, die ihre Kinder versorgen, und Erwachsene, die ihre Eltern pflegen, künftig bezahlen. So degradiert man den Altruismus, die mitmenschliche Zuwendung zur Ware sui generis; auch hierzulande gibt es viele Freunde dieser sublimen Prostitution.
Er redet, am Ende seines Buches, der »handwerklichen Einstellung« das Wort, der inneren Verpflichtung des Menschen auf Basis seines Glaubens an den objektiven Wert seines Tuns, schlägt damit aber kaum mehr als eine letzte Volte »zünftisch-bürgerlicher« Tugenden, die er in der heutigen Welt nicht wirklich anzusiedeln weiß. Da er bis dahin das genaue Gegenteil von dem, was er sich wünscht, beschrieben hat, den »Triumph der Oberflächlichkeit in Arbeit, Schule und Politik«, bleibt ihm zuletzt nur die Flucht in eine unbestimmte Hoffnung: »Und vielleicht wird die Revolte gegen diese entkräftete Kultur die nächste neue Seite der Geschichte sein, die wir aufschlagen müssen.«
Richard Sennett: Die Kultur des neuen Kapitalismus
Aus dem Englischen von Michael Bischoff; Berlin Verlag, Berlin 2005; 160 S., 18,– €
- Datum 09.06.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 09.06.2005 Nr.24
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