DIE ZEIT: Herr Sehgal, Ihr Wunsch ist es, dass Zeitungsgespräche wie dieses den Katalog Ihrer Ausstellung in Venedig ersetzen. Sind wir damit Teilnehmer eines Kunstwerks? Ist für Sie die Terrasse von Peter Sloterdijk, auf der wir hier sitzen, eine Dependance des Deutschen Pavillons?

Tino Sehgal:(lacht) Für mich ist Kunst nie so etwas Einmaliges wie dieses Gespräch. Sie ist etwas, das bleibt oder das sich wiederholen lässt, in einem Museum etwa. Und ein Museum ist das hier, wenn ich es richtig sehe, ja nicht.

Peter Sloterdijk: Das sehen Sie richtig. Wir sind nicht im Annex des Pavillons, aber wir sind sozusagen in dem Raum, in dem sonst der Katalog ausliegt. Und wunderbarerweise bewahrheitet sich damit einmal mehr das Theorem von Arnold Gehlen, nach dem sich die zeitgenössische Kunst vor allem im Medium von Begleittexten und Begleitgesprächen ereignet. Das ist ja in dem Wort Katalog schon angelegt. Der katalogos, das daneben gesagte Wort, ist genau dies Begleitwort.

ZEIT: Warum aber darf unser katalogos nicht auch als gebundener Katalog erscheinen, Herr Sehgal?

Sehgal: Weil es das Grundprinzip meiner Arbeit ist, keine materiellen Dinge herzustellen, also auch keine Bücher, sondern Arbeiten, die gleichzeitig etwas und nichts sind. Ich beauftrage Menschen, in der Ausstellung etwas zu tun, zum Bespiel Museumswärterinnen, die einen Satz singen wie This is propopaganda, you know, you know. Meine Kunst materialisiert sich in den Körpern dieser Interpreten.

Sloterdijk: Das klingt doch sehr nach Performance, oder täusche ich mich?

Sehgal: Sie täuschen sich. Bei der Performance ging es immer darum, dem Markt und dem Museum zu entkommen. Ich hingegen versuche, innerhalb von Markt und Museum zu operieren.