Angela und ich
Wir kommen beide aus dem Osten, sind beide 50 Jahre alt. Im Herbst werde ich gegen Angela Merkel stimmen – und mich mit ihr freuen
Um es gleich zu verraten: Ich werde Angela Merkels Partei nicht wählen. Ich werde ihr mit meiner Stimme nicht dazu verhelfen, Bundeskanzlerin zu werden, als erste Frau, als erste Ostdeutsche. Ich habe Angela Merkel nie persönlich getroffen. Ich kenne sie nur aus der Zeitung, aus dem Fernsehen. Aber falls sie aus diesem Wahlkampf als Siegerin hervorgeht, dann werde ich mich, zu meiner eigenen Überraschung, mit ihr freuen. Ich werde ihr diesen Triumph gönnen.
Schuld daran ist ein Foto von Angela Merkels Abiturklasse. Ich entdeckte es vor ein paar Tagen, als ich den stern durchblätterte. Ich dachte: Genau so haben wir damals auch ausgesehen. Die Mädchen trugen kurze Röcke, die Jungs Anoraks und halblange Haare, wir hatten die gleichen schüchternen Blicke, wie man sie oft sah in der DDR. Ich sah die Merkel-Klasse, und ich sah unsere Klasse, die Abschlussklasse des Jahres 1973. Merkel, die damals noch Kasner hieß, machte im selben Jahr wie ich ihr Abitur. Sie in der kleinen Stadt Templin, ich in der kleinen Stadt Greifswald, 150 Kilometer weiter nördlich.
Was war das für ein Sommer: Die DDR-Regierung verkündete Aufbruchsstimmung, wir waren selbst im Aufbruch. Die DDR feierte die Weltjugendspiele in Ost-Berlin. Ich bin mit meinem Schulfreund Roland nur deshalb nach Ost-Berlin getrampt, um von dort weiterzutrampen, fast bis zur Grenze der Türkei. Doch bevor wir in die Nähe der bulgarisch-türkischen Grenze kamen, haben uns die beiden Bulgaren, die uns im Auto mitgenommen hatten, gesagt: »Steigt aus. Wenn ihr hier im Auto kontrolliert werdet, könnten sie euch Fluchtgedanken unterstellen.« Fluchtgedanken, die wir nicht hatten. Wir wollten nur unsere eigenen Grenzen ausprobieren. Das war mein Abitursommer 1973. Wie hat wohl Angela Merkel diesen Abitursommer erlebt?
Eigentlich habe ich mich nie sonderlich für Angela Merkel interessiert. Nachdem ich das Klassenfoto sah, fing ich an, darüber nachzudenken, was meine Biografie und ihre gemeinsam haben. Es ist eine Menge. Die Schülerin Angela Kasner und ich, wir lebten, wie viele, in einer stillen Opposition zur DDR. Wir protestierten selten so öffentlich, dass wir Sanktionen zu befürchten hatten. Wir versuchten, Angela Merkel in Templin wie ich mit meinen Freunden in Greifswald, die Macht hin und wieder zu narren, uns ihr, so gut es ging, zu entziehen. Die Lehrer nannten meine vier besten Freunde und mich den »negativen Kern«, weil wir nicht so angepasst waren wie der Rest der Klasse, weil wir lange Haare trugen und Jeans. Wir rieben uns an der Macht, so wie sich Jugendliche oft an der Macht reiben. Aber für uns, anders als für die westdeutsche Jugend, stand immer fest: Die Macht ist stärker. Ich habe etwa mein FDJ-Hemd und die dazugehörige Organisation abgelehnt, aber ich konnte nicht sagen: Ich gehe nicht zur FDJ-Versammlung. Das hätte mir zu große Probleme verursacht. Darum habe ich versucht, das Blauhemd auf eine Weise zu tragen, die erkennen ließ, dass ich das Hemd nicht mochte: Ich habe Knöpfe aufgelassen, es nicht ordentlich gebügelt, habe behauptet, es sei in der Wäsche, oder ich habe es unter einem Pulli getragen, sodass mir kein Lehrer meine Verweigerung vorwerfen konnte.
Viele wundern sich heute, wie sich Angela Merkel in der Männer- und Machtpartei CDU so gut durchsetzen konnte. Ich wundere mich nicht darüber. Wer mit Honeckers Macht fertig wurde, der wird auch mit Kohl fertig, mit Stoiber sowieso. Angela Merkel hat sich diesen unschuldigen Blick angewöhnt, mit dem sie jeden Vorwurf von sich weisen kann. Es ist der Blick der in der DDR aufgewachsenen Nicht-Mitläufer. Der Blick sagt: »Ich? Ich habe doch nichts getan.« Diesen Blick habe ich selbst aufgesetzt, wenn sich ein Lehrer vor mir aufbäumte und mir vorwarf, mich zu wenig für die sozialistische Gesellschaft zu engagieren. Ich weiß von Angela Merkel, dass sie sich nicht hat korrumpieren lassen in der Diktatur. Von Westerwelle oder Stoiber kann ich nur hoffen, dass sie sich in der gleichen Situation nicht angepasst hätten.
Wir, die Generation Merkel, haben inzwischen Karriere gemacht
Für mich war nach meinem Abitur klar, dass ich wegmusste aus Greifswald, raus aus der kleinen Stadt, hinein in eine größere, anonymere Welt, in der mir nicht mehr vorgeschrieben würde, wie lang meine Haare zu sein hätten oder wie ich mein Hemd zu tragen hätte. Wieder so eine Parallele zu Angela Merkel: Auch sie ging weg, aus der ostdeutschen Provinz, nach Ost-Berlin. Zuvor studierte sie in Leipzig, während ich meine Armeezeit ableistete. Ende der Siebziger kamen sie und ich in Ost-Berlin an. Sie zog in denselben Bezirk wie ich, Prenzlauer Berg. Ich habe sie nie getroffen. Ich weiß nur, dass sie mit den gleichen Sorgen zu kämpfen hatte wie ich in dieser Zeit. Ich las, dass sie einmal Besuch bekam von ihren Eltern, und der Vater sagte zu ihr beim Anblick ihrer Wohnung, sie habe es ja nicht zu viel gebracht. Ein solcher Satz hätte auch von meinen Eltern stammen können. Wir waren die Generation, über die die Älteren gesagt haben: Ihr leistet nichts! Ihr setzt euch ja nur ins gemachte Nest!
Dass ich Angela Merkel damals nie traf, lag auch daran, dass wir zwar in der gleichen Gegend, aber in unterschiedlichen Welten lebten: Sie führte das brave Leben einer Pfarrerstochter, ich war jeden Abend auf Konzerten, davon nicht wenige illegal; sie arbeitete als Physikerin an der Akademie der Wissenschaften, ich als Fotograf. Ich war umgeben von Leuten, die sich fürs Theater und für die Musik, für Punk interessierten. Was mich in dieser Zeit mit Angela Merkel verband: Unsere Freundeskreise waren zwar gegen das System, aber nicht als Oppositionelle politisch aktiv.
- Datum 09.06.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 09.06.2005 Nr.24
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