Am Anfang stand für den VWL-Studenten Vincent Pohl vor allem der Respekt vor dem berühmten Namen: Berkeley, eine der besten Universitäten der USA. Nach sechs Semestern VWL wurde Pohl von der Universität Mannheim für ein Austauschprogramm mit der kalifornischen Hochschule ausgewählt, um zwei Semester lang am dortigen Doktoranden-Programm teilzunehmen. Würde das gehen, dort auf Augenhöhe mit Wirtschaftsnobelpreisträgern wie George Akerlof und Daniel McFadden zu plaudern, nach gerade zwei Semestern Hauptstudium? Es geht sogar sehr gut. "Durch die Mannheimer Pflichfächer wie Mikroökonomik und Ökonometrie war ich gut vorbereitet", sagt der 24-Jährige. Die Kommilitonen seien "keine Übermenschen", neuen Stoff könne er sich schnell erarbeiten. "Das verdanke ich dem soliden Mannheimer Grundlagenstudium."

Nicht nur Vincent Pohl ist mit seiner Heimatuniversität zufrieden. Im aktuellen Ranking des Centrums für Hochschulentwicklung erreicht Mannheim im Urteil der Studenten die Spitzengruppe, genau wie zehn weitere Universitäten. Von den "Lieblingsunis" der Studenten werden jedoch nur zwei auch von den Professoren des Faches überdurchschnittlich häufig für ein Studium empfohlen: Konstanz und Mannheim. Werden sie gefragt, wer in der Forschung führend ist, nennen VWL-Professoren mit Abstand am häufigsten die Universität Mannheim, die LMU München, die Berliner Humboldt-Universität und die Universität Bonn. Diese "fantastischen vier" tauchen als harter Kern bei verschiedenen Rankings immer wieder im Spitzenfeld auf.

Während sich Betriebwirte vorwiegend mit Entscheidungen aus der Sicht einzelner Unternehmen und Branchen befassen, blicken Volkswirte aufs "große Ganze". Wie entstehen Preise? Wie Wechselkurse? Was geschieht auf den Gütermärkten, was auf dem Arbeitsmarkt? Um das zu ergründen, bedienen sie sich mathematischer Modelle. Der Mensch muss auch mit hinein ins Modell – schließlich geht es um die Ergebnisse seines wirtschaftlichen Handelns. Daher treffen Ökonomen Annahmen über menschliches Verhalten, das sie dann mit mathematischen Formeln beschreiben. Beobachtungen, die nicht ins Bild passen, werden dabei schon mal gern zur Ausnahme erklärt – für einen Volkswirt sei das Leben ein Sonderfall, witzeln Spötter. Wie sich Menschen tatsächlich bei wirtschaftlichen Entscheidungen verhalten und was im realen Wirtschaftsleben passiert, untersuchen deutsche Volkswirte noch viel zu selten, kritisierte der Wissenschaftsrat in einer Bestandsaufnahme der deutschen Wirtschaftswissenschaften. Besorgt zeigte man sich über das internationale Ansehen der heimischen Ökonomen. Eine Untersuchung hatte ergeben, dass deutsche Wissenschaftler es nur sehr selten schaffen, in international führenden Zeitschriften des Faches zu veröffentlichen oder mit ihren Ergebnissen zitiert zu werden. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt ein Ranking der Wirtschaftszeitung Handelsblatt. Unter den 100 zwischen 1994 und 2004 meistzitierten Ökonomen waren keine Deutschen. Die deutsche VWL – provinziell und unbedeutend?

Klaus Zimmermann, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) und Direktor des Forschungsinstituts zur Zukunft der Arbeit (IZA), sieht sie auf dem Sprung nach vorn. "Seit zehn Jahren ist die deutsche Szene massiv in Bewegung", sagt er. Gerade beim Nachwuchs gebe es "eine Dichte an Publikationen in hoher Qualität, das ist enorm". An das Niveau von Harvard oder der London School of Economics kämen deutsche Fakultäten zwar nicht heran, aber unter den 20 international führenden Adressen sei "die deutsche Spitze sehr sichtbar".

Mathe-Muffel bleiben auf der Strecke

Um im VWL-Studium glücklich zu werden, darf man kein Mathe-Muffel sein. Zwar stellen nicht alle Hochschulen die gleichen Anforderungen, aber Mathematik ist die Sprache, in der Volkswirte arbeiten – mit einem mühsam erworbenen Grundwortschatz kann man sich vielleicht da und dort einige Semester durchhangeln, richtig Spaß wird es jedoch nur den "Sprachbegabten" machen. Die Bonner Volkswirte platzieren auf ihren Internet-Seiten vor den Informationen zur Einschreibung eine Warnung, die auf die hohen Anforderungen in Mathematik hinweist.

An den meisten Universitäten sitzen angehende Volks- und Betriebswirte in den ersten Semestern zusammen in Vorlesungen und Seminaren. Zwischen beiden Fächern gibt es zunehmend Überschneidungen, und auch auf dem Arbeitsmarkt konkurrieren die Absolventen häufig miteinander. VWLer sind besonders dort gefragt, wo analytische Fähigkeiten vonnöten sind, etwa in Unternehmensberatungen. Begehrt, aber nicht allzu dicht gesät sind Stellen in internationalen Organisationen wie der OECD oder der Weltbank. Wer Karriere in der Wissenschaft machen will, tut gut daran, längere Zeit ins Ausland zu gehen. Auch im Studium weht vielerorts der Wind der Internationalität: Bereits Mitte der neunziger Jahre begannen VWL-Standorte, Credit-Points einzuführen – jetzt steht diese Methode, Studienleistungen zu bewerten, im Zuge der Bachelor/Master-Umstellung überall an. Zunehmend gibt es in der VWL auch Doktoranden-Programme nach internationalem Standard.

Dass der Markt für gute Volkswirte international ist, bekommen die deutschen Hochschulen zu spüren. Um gute Leute aus dem Ausland zurückzulocken oder selbst ausländische Forscher ins Land zu holen, müssen sie sich extrem anstrengen. Auch Axel Ockenfels, der dieses Jahr mit dem Leibnizpreis den höchstdotierten deutschen Förderpreis nach Hause trug, hätte Professor in den USA werden können. Dort hatte der 36-Jährige bereits vor seiner Habilitation gearbeitet, unter anderem an der angesehenen Harvard Business School. Entschieden hat er sich aber für eine Professur in Köln, die Universität hatte einen Köder ausgeworfen: Ockenfels durfte eines der größten deutschen Labors für experimentelle Wirtschaftsforschung aufbauen, im April wurde es eröffnet. Der Leibnizpreisträger und seine Kollegen wollen sich nicht damit zufrieden geben, nur Annahmen darüber zu treffen, wie Menschen sich in ökonomischen Entscheidungssituationen verhalten. Für sie gilt: am besten testen. Ähnlich wie Psychologen arbeiten experimentelle Ökonomen mit Versuchspersonen, denen sie Aufgaben stellen. Zum Beispiel, um herauszufinden, welche Regeln bei Internet-Auktionen zu effizientem Handeln führen und ob Menschen immer so rational handeln, wie die klassische ökonomische Lehre es unterstellt. Rückenwind für die Realisten gab es, als der Nobelpreis 2002 an den Amerikaner Daniel Kahneman, einen Psychologen, und Vernon Smith ging. Smith hatte Pionierarbeit für die experimentelle Wirtschaftsforschung geleistet – genauso wie der bisher einzige deutsche Wirtschaftsnobelpreisträger, Reinhard Selten, der 1994 für Verdienste auf dem Gebiet der so genannten Spieltheorie ausgezeichnet wurde.