Das neue Linksbündnis – reden wir noch nicht darüber, ob es wirklich perfekt zustande kommt; man hört da ja noch einiges Grummeln. Reden wir auch nicht über die Wahlaussichten, denn die demoskopisch erfragte Bereitschaft von beinahe 20 Prozent der Bürger, die sich vorstellen könnten, einem solchen Linksbündnis die Stimme zu geben, gibt selber nicht viel her. Vorstellen kann man sich vieles, ob man es dann tut ist eine andere Sache. (Wenn man zum Beispiel alle die Parteien nimmt, von denen ich mir vorstellen könnte, dass ich sie irgendwann einmal wählen könnte, kämen die plus-minus vier Parteien zusammengenommen locker auf weit über hundert Prozent – aber keine von ihnen auf eine eigene Mehrheit; wenn diese Berechnung nicht insgesamt unsinnig ist…) Reden wir stattdessen erst einmal nur über die beiden Spitzenfiguren Oskar Lafontaine und Gregor Gysi. Dazu einige Behauptungen:

Erstens: Es gibt keinen richtigen Populismus ohne Populisten. Jetzt hätte der Populismus von links erstmals Sprecher in Ost und West.

Zweitens: Ich bin gegen den Populismus. Aber wenn schon – dann ist mir ein Populismus von links irgendwie lieber als einer von rechts. Linker Populismus ist ungefährlicher, denn er scheitert immer an Zahlen und an den realistischen, um nicht zu sagen: egoistischen Selbsteinschätzungen der Bürger. Der ideologische Populismus von rechts schert sich nicht um Zahlen und Individuen. Lafontaine und Gysi mögen der Linken nichts nützen, sie sogar spalten. Aber sie graben paradoxerweise den Rechtsextremisten bei der kommenden Wahl das Wasser ab. Auch ein Erfolg – übrigens auch ein doppelt paradoxer Beitrag zu einem stabilen Regierungswechsel.

Drittens: Lafontaine und Gysi gleichen sich – beide haben ein Regierungsamt hingeschmissen, der eine noch in Bonn, der andere im Senat von Berlin, aus Überdruss und Unfähigkeit zu harter Arbeit am dicken Brett. Beide können fabelhaft "dagegen" sein – aber wozu und wofür? Sie passen bestens zueinander.

Viertens: Lafontaine und Gysi unterscheiden sich zutiefst und passen gar nicht zueinander. Wäre es nach Lafontaine gegangen, müsste Gregor Gysi – und dessen Stammpublikum - immer noch in einer DDR leben; oder in einer BRD mit Ostmark. Gysi ist witzig und selbstironisch – Lafontaine ist platt geworden und bar jeder Selbstkritik. Er hat sogar vergessen, dass er einmal eine Agenda – wenn nicht 2010, so doch 1987 – der realistischen Reformen gegen die Gewerkschaften propagierte: Die nämlich seien zusammen mit den Arbeitgebern als Tarifpartner verantwortlich für das hohe Niveau der Arbeitslosigkeit. Tempi passati…

Fünftens: Man sagt immer, die Politik sei in die Talkshows ausgewandert. Jetzt geht es umgekehrt: Mit Lafontaine und Gysi wandert die Talkshow in die Politik ein. Da aber die beiden nie regieren werden, werden wir auch nie erfahren, wie sie sich anstellen würden, müssten sie jemals konkrete Regierungspolitik verantworten.