Gerhard Schröder, der Taktiker, besitzt sehr wohl Überzeugungen, und wenn ihm auch nicht mehr viel Zeit und Gelegenheit gegeben sein mag, sie als Kanzler in Politik umzumünzen, so lässt er doch geeignete Anlässe nicht aus, sie auszusprechen. Ein solcher Anlass war die Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität Göttingen an den Kanzler. Schröder nutzte sie, um über etwas zu sprechen, das kleiner ist als der Punkt am Ende dieses Satzes und dennoch große Kontroversen auslöst: Embryonen.

Nach geltendem Recht müssen sie geschützt werden. Doch über das Maß des Schutzes sei immer neu zu diskutieren, sagte Schröder sinngemäß, weil nämlich die Wissenschaft unaufhörlich Neues hervorbringe, das mitdiskutiert werden müsse. Zum Beispiel neue Hoffnungen, dass Ergebnisse der Stammzellforschung schwer erkrankten Menschen die Chance auf Heilung eröffnen.

Dem Gedanken, dass Normen beweglich sein müssen, weil fortschreitende Erkenntnis und Technik deren Anwendungsgebiet verändern, wird niemand widersprechen. Die Geister scheiden sich am Maß der Beweglichkeit. Als traditionelle Produktivkraftpartei neigt die SPD der Ansicht zu, Normen sollten sich flexibel dem Fortschritt anpassen, was auch die FDP so sieht.

Die CDU hingegen? Wohin sie tendiert, weiß niemand so recht. Konservatismus und Technikbejahung gingen einst in der Wirtschaftswunderrepublik Hand in Hand, doch damals berührte die Technikfrage diejenige nach dem ungeborenen Leben nicht. Heute schon. Dr. Schröder hat der Kanzlerkandidatin in Göttingen ein Kindlein vor die Schwelle gelegt, das ihr noch arge Probleme bereiten dürfte.