Es ist schon seltsam: In München verliert Deutschlands zweitgrößtes Geldhaus nach 170 Jahren seine Selbstständigkeit – und alle blicken nach Frankfurt. Kann es sein, dass Josef Ackermann doch Recht hatte? War es nicht der Chef der Deutschen Bank, der immer schon vor dem Ausverkauf der Finanzinstitute warnte? Und hat der Vielgescholtene sein eigenes Haus nicht früh auf Rendite getrimmt – selbst um den Preis wegfallender Stellen – und es damit vor einer Übernahme geschützt? Der Einkäufer BILD

Bis zu 4000 heimische Jobs sollen nach der Übernahme der HypoVereinsbank durch die italienische UniCredit gestrichen werden, und die verdutzte Öffentlichkeit fragt sich, ob ein einzelner Banker aus der Schweiz womöglich zu Unrecht die ganze Kapitalismuskritik auf sich zog, während die wahren Heuschrecken nun über den Brenner nach Deutschland einfallen. Ackermann freilich hat die Schuldigen an der Misere der deutschen Geldhäuser längst woanders ausgemacht: in Berlin. Nur wenn das Land gesamtwirtschaftlich wachse, könnten die Banken wieder mehr Stellen schaffen. Das hört sich plausibel an, ist aber zu kurz gedacht.

Tatsächlich ist die ökonomische Stagnation Deutschlands auch eine Folge der Hilflosigkeit auf den Chefetagen in Frankfurt oder München. Erst haben Banken die Unternehmen mit Kredit überschüttet; dann, in der Krise, als faule Darlehen sie selbst an den Rand des Ruins brachten, entzogen sie den Firmen mehr Geld, als notwendig war. Es gibt erstaunliche Parallelen zwischen der deutschen Wirtschaftspolitik und den Entscheidungen der Finanzmanager: Hier wie dort hat man mit Reformen zu lange gewartet; dazu kamen handwerkliche Fehler und die gnadenlose Überschätzung der eigenen Stärke. Verwundert es da wirklich, wenn die wichtigen Geldhäuser Europas heute aus Großbritannien oder den Niederlanden kommen, wo beide Gruppen ihre Hausaufgaben gemacht haben – Politiker wie Banker?

In einem Punkt hat Josef Ackermann Recht:

Eine starke Industrienation braucht eine starke Bank. Kapital ist – neben den Köpfen – der wichtigste Rohstoff der modernen Wirtschaft, und es sind die Banken, die diesen Rohstoff dorthin lenken, wo er benötigt wird: zu den Unternehmen. Wenn ein Land keine Autofabrik beheimatet, müssen seine Bürger deswegen nicht zu Fuß gehen. Ohne starke Banken aber gibt es keine Investitionen, kein Wachstum, keine Zukunft. Gerade in Deutschland ist der Mittelstand wie nirgendwo sonst von Krediten abhängig. Und es wäre naiv zu glauben, die globale Finanzwirtschaft sei frei von nationalen Interessen. Würde ein US-Institut wirklich ein Milliardenprojekt von Siemens finanzieren, wenn dabei ein amerikanischer Wettbewerber auf der Strecke bleibt?

Ausgerechnet die Deutsche Bank aber hat das Gespür für ihren Heimatmarkt verloren. Wichtige Entscheidungen fallen in London oder New York, in den Führungsgremien streiten angelsächsische Investmentbanker mit deutschen Traditionalisten, und hätte die Bank tatsächlich ein Interesse am deutschen Markt, hätte sie vergangenes Jahr die Postbank gekauft. Dazu jedoch war intern der Widerstand zu groß. Genau deshalb steht Ackermann zu Recht in der Kritik: Nur eine höhere Rendite zu fordern ersetzt keine sinnvolle Unternehmensstrategie. Die vermissen selbst Börsianer, auch deswegen hat die Deutsche Bank international ein Problem.