Jugendkriminalität Angriff auf die Schläger
Sieben junge Gewalttäter in einem Waldschloss in Hessen: In einem Antiaggressionstraining müssen sie ihrem wahren Ich begegnen. Wenn sie durchfallen, droht ihnen das Gefängnis
Mit einem Lied fängt alles an. Zu Beginn jeder Trainingseinheit müssen die sieben Gewalttäter singen, einzeln und in Gruppen. Erst Kinderlieder wie Ein Mops kam in die Küche oder Schneeflöckchen, weiß Röckchen. Später gefühlvolle Volkslieder: Die Gedanken sind frei, Der Mond ist aufgegangen. Die Gesangseinlagen sind für die jungen Männer der unerfreuliche Auftakt einer unerfreulichen Maßnahme, die sie über mehrere Wochen mit sich selbst und ihren Defiziten konfrontieren wird. Sie, die Musik als Rap oder Rock vom MP3-Player kennen, für die das Mitwippen in der Disko das höchste der musikalischen Gefühle ist, sollen jetzt »Kinderkram« vortragen und sich lächerlich machen. Verklemmt stehen sie da, und ihr Krächzen füllt die Luft. Dabei geht es nicht um Demütigung, sie sollen lernen, sich zu überwinden, einzeln aufzutreten und peinliche Lagen souverän zu meistern. Über sich selbst lachen können gehört zum Erwachsenwerden und auch das Zeigen von Gefühlen. Denn dass sie sich selbst nicht mit Humor nehmen können und jede sentimentale Regung in sich ersticken, ist Teil ihres Gewaltproblems.
Das Antiaggressionstraining findet in einem Waldschlösschen in der Nähe von Frankfurt am Main statt. Die sieben Teilnehmer sind von einem Jugendgericht zu Bewährungsstrafen verurteilt worden. Das Training ist ihre Bewährungsauflage. Für die meisten gilt: Wer nicht ordentlich mitmacht, muss in den Knast. Stefan Werner, der das Training veranstaltet, hat 90 Stunden Zeit, den Gewalttätern die Gewalt auszutreiben. Werner ist im Training nicht allein. Als flankierende Respektspersonen bringt er zwei Erzieherinnen mit, als Kotrainer hilft der 24-jährige Marco, den Werner selbst vor drei Jahren durch sein Antiaggressionsprogramm der rechtsradikalen Szene entrissen hat. Marco wirkt im Kurs reflektiert und besonnen. Dass er früher dauernd wegen Prügeleien vor Gericht stand, dass er einen Mann krankenhausreif gedroschen und dem bewusstlos Daliegenden noch das Knie ins Gesicht gerammt hat, mag heute keiner mehr glauben. Aber er selbst hat es wohl noch parat, deshalb reagiert er so besonders unnachgiebig auf Ausweichmanöver und Beschönigungen der Kandidaten.
Mehmet trifft es als Ersten. Er sitzt in der Mitte, im Kreis um ihn herum die anderen sechs, dazwischen Stefan Werner und seine drei Kotrainer. Der Heiße Stuhl. Zwei Stunden wird sich Mehmet jetzt mit sich selbst befassen müssen: Das geht an die Nerven, an die Substanz und an die Ehre. Mehmet ist 16, er ist das deutsche Kind türkischer Einwanderer. Seinem Vater gehört ein gut gehendes Unternehmen. Die Familie ist erfolgreich integriert, wohlhabend und anerkannt, doch Mehmet ist wegen räuberischer Erpressung da. Er hat im März 2004 mit einem Spießgesellen zwei junge Männer in einer Tiefgarage überfallen und beraubt. Dafür gab es acht Monate auf Bewährung.
Beschönigen der Tat, Herabsetzen der Opfer und Selbstüberhöhung gehören zum Rechtfertigungsrepertoire jedes Gewalttäters – auch dieser sieben. Im Fragebogen, den jeder Kandidat ausfüllen musste und der anschließend von einem Psychologen ausgewertet worden ist, hat sich Mehmet selbst als »sehr hilfsbereiten« Menschen bezeichnet, der »alles teilt« und ein »gutes Herz« habe (»Abrippen«, hat Werner mit der Hand daneben geschrieben). Nur zur Freundin, glaubt Mehmet, sei er etwas »zu streng« (»Er ist streng zu anderen, bloß nicht zu sich selbst«, lautet der gekritzelte Kommentar). Mehmet hat bereits eine ganze Reihe Gewalttaten begangen, die nicht bei der Polizei angezeigt worden sind. Seine Opfer, gibt er im Interview an, seien aber »alle älter als 23 Jahre und größer als ich« gewesen (»Er ist ein Held!!«, steht daneben). Bei den Geschädigten habe es sich bloß um üble Kerle gehandelt, die Unschuldige und Schwächere geschlagen hätten (»Aha, Robin Hood«), trotzdem habe er sich später bei den meisten von ihnen entschuldigt und auch Geld zurückgezahlt (»Oh, ein Samariter«). Auf die Frage: Bereust du etwas?, antwortete Mehmet damals: »Alles.« Und Stefan Werner hat daneben geschrieben: »Lügner!«
Mehmet ist ein kleiner Kerl, dem die Begeisterung über sich selbst aus allen Knopflöchern quillt. Selbstgefällig nimmt er auf dem Heißen Stuhl in der Mitte Platz. Sofort geht Stefan Werner auf Konfrontation: »Mehmet, wie groß bist du?« – »Weiß nicht!« – »Das stimmt nicht.« – »1,65 Meter.« – »Das ist wohl übertrieben«, konstatiert Werner. »Bist du ehrlich oder ’n Schwätzer?« – »Total ehrlich.« – »Weißt du, was der Psychologe über deinen Fragebogen vermerkt hat?« Mehmet blickt gespannt. »Er ist nicht auswertbar, weil lauter Lügen drinstehen«, sagt Werner. Schweigen. »Wie denken die beiden aus der Tiefgarage wohl jetzt über Türken?« – »Schlecht, aber es waren bloß 15 Euro«, den ebenfalls erbeuteten MP3-Player lässt Mehmet weg. »Aha«, konstatiert Werner, »das ist für dich lächerlich.« – »Die waren unter Drogen«, verteidigt sich Mehmet, »die haben das gar nicht richtig mitgekriegt.« – »Warum hatte dann das eine Opfer solche Angst, dass es sich nicht traute, in der Hauptverhandlung auszusagen?« – Stammeln. – »Da sieht man doch, wie du drauf bist. Das ist dir alles scheißegal«, sagt Werner, »du bist ein verwöhnter kleiner Junge, dem sein Vater keine Grenzen gesetzt hat.« – »Mein Vater hat damit nix zu tun«, ruft Mehmet, »ich hab das nur gemacht, weil mein Freund das so wollte.« – »Das Gericht sagt, dass du alle Verantwortung von dir wegschiebst«, setzt Werner nach, »was ist denn das für ein Freund, der dich so in die Scheiße reitet? Hast du keinen Arsch in der Hose? Da sagt einer: Hey, wir überfallen mal jemanden, und du machst mit?« Schweigen. »Warum lässt du dir von anderen Kursteilnehmern die Tasche tragen?«, fragt Werner weiter. »Ich hab das freiwillig getan«, ruft der Knecht, ein kleiner Asiate, dazwischen. »Du hast den Kopf bloß, um dir die Haare zu färben«, fährt Werner Mehmet an. »Okay, vielleicht bin ich zu aggressiv, aber ich bin cool!«
»Mehmet«, fragt Werner ernst, »willst du eigentlich was verändern?« – »Ja.« – »Mir kommt es so vor, als wärst du mit dir hoch zufrieden. Dabei ist alles Scheißdreck in deinem Leben. Du bist von der Schule geflogen, hast keinen Abschluss, keinen Job.« – »Du bist ein Loser.« Das kommt jetzt von einem der Schläger. »Wenn ich gewollt hätte, hätte ich die Schule geschafft«, wehrt sich Mehmet. »Also ist alles Scheiße, weil du das so gewollt hast?«, fragt Werner. »Ich kriege eine Lehrstelle als Versichungskaufmann«, sagt Mehmet, »mein Vater kennt da jemanden.« – »Mehmet, soll ich dir was sagen? Dich nimmt kein Mensch!«, sagt Werner. »Ein Versicherungskaufmann braucht seriöse Angestellte, nicht einen, der von der Schule fliegt. Du baust Luftschlösser, die der Wind verweht.« – »Sie wissen ja mehr als ich.« – »Manchmal brauch ich einem nur ins Gesicht zu sehen«, bestätigt Werner. »Du meinst, du bist beliebt: Schau dir doch die Leute an, von denen du Respekt kriegst. Sind das anständige Menschen?« Mehmet kann das nicht bestätigen. »Aber mein Vater ist zufrieden mit mir«, sagt er. »Dein Vater hat zu mir gesagt, ich soll auf dich aufpassen, weil er Angst um dich hat«, gibt Werner zurück. »Das stimmt alles nicht«, ruft Mehmet. »Mehmet«, fängt Werner wieder an, »die Rolle, die du spielst, das bist nicht du. Die, die hinter dir stehen, sind so primitiv und dumm, für die reicht diese Rolle. Aber jeder normale Mensch durchschaut das. Was hast du denn bisher geschafft?« – »Nicht so viel.« – »Na, was denn?« – »Gar nix.« Bloß an die dreißig Gegner, gibt der Junge auf dem Heißen Stuhl nicht ohne Stolz zu, habe er in seinem Leben schon umgehauen.
- Datum 23.09.2009 - 20:11 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 16.06.2005 Nr.25
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