Nach Veröffentlichung der Tagebücher Thomas Manns schrieb Gerd Bucerius 1978 in der ZEIT: Es ist, als würde uns plötzlich neben Kopf und Herz das Gedärm des großen Mannes präsentiert. Eine solche Werk- und Detailkenntnis ist heute wohl kaum mehr zu finden. Nun versucht das Buddenbrookhaus in Lübeck aus Anlass des 50. Todestages ein Licht auf die Wahrnehmung Thomas Manns nach dessen Tod zu werfen. Viel Erhellendes fördert die in der Katharinenkirche aufgebaute Ausstellung Das zweite Leben - Thomas Mann 1955-2005 (bis zum 31.

Oktober) nicht zutage. Auf einem chronologischen Pfad zeigt sie, wie der Autor über die Jahre gesehen wurde und gesehen werden wollte.

Zeitungsausschnitte dokumentieren zwischen den Kirchenbänken die Reaktionen von Autoren, Journalisten und Politikern, im Mittelschiff sprechen die Stimmen seiner Schriftstellerkollegen, und hinter dem Altar warten die Verfilmungen, die zu einer Popularisierung seiner Bücher beitrugen. Die zeitenübergreifenden Stationen vermitteln eher etwas über die deutsche Kultur- und Mentalitätsgeschichte der letzten 50 Jahre, als dass sie noch Neues über den Umgang mit der Figur Thomas Mann zu sagen hätten. Weder die Aufnahmen von der Beisetzung noch der letzte Tischkalender sorgen für Erkenntnisgewinn. Einen kleinen Kontrapunkt zur sakralen Atmosphäre setzt das Herzstück der Ausstellung: aufgebahrt auf dem Altar die Tagebücher, in denen sich der Autor zwischen Frühstück und homoerotischen Sehnsüchten noch einmal für die Nachwelt erfunden hat. Am Ende des Chores kann man sich dann noch Heinrich Breloers Film Die Manns ansehen.