Angela Merkel, die Kanzlerkandidatin der Union, hat in der vergangenen Woche ein bemerkenswertes Eingeständnis zu Protokoll gegeben. "Wir brauchen ein Kyoto-Plus", sagte Merkel in einer Rede vor der Prominenz der deutschen Stromwirtschaft. Das klingt harmlos, wertet aber tatsächlich Merkels eigene Leistung ab. Schließlich war sie es selbst, die einst als Umweltministerin der Kohl-Regierung am Zustandekommen des ersten und einzigen internationalen Klimaschutzabkommens, des Kyoto-Protokolls, mitgewirkt hatte. Mit ihrem Ruf nach "Kyoto-Plus" hat Merkel nun öffentlich angedeutet, dass sie von der Ratio des Vertrags nicht mehr überzeugt ist.

Und das zu Recht.

Als das Kyoto-Protokoll im Februar endlich in Kraft trat, nährten seine Anhänger zwar noch eine Illusion: die nämlich, es sei nun der erste Schritt getan, der Gletscherschmelze, dem Meeresspiegelanstieg und der zunehmenden Häufigkeit extremer Wettereignisse Einhalt zu gebieten. In Wirklichkeit steigt der Ausstoß klimaschädlicher Gase weiter. Dass einzelne Länder, darunter Großbritannien und Deutschland, sinkende Kohlendioxid-Emissionen registrieren, ist eher dem Zufall zu verdanken. Es macht vor allem nicht wett, was anderswo zusätzlich in die Erdatmosphäre gepumpt wird.

Obendrein hat das Kyoto-Protokoll seine Halbwertszeit bereits überschritten. Vor gut sieben Jahren in Japan ausgehandelt, wird es in weiteren sieben Jahren schon wieder passé sein. Nach 2012 verlieren sämtliche Kyoto-Bestimmungen ihre Gültigkeit, internationale Klimapolitik findet dann nicht mehr statt – es sei denn, auf Kyoto folgte ein neues, ein wirkungsvolleres Regime.

Niemand ist darauf so sehr angewiesen wie die Wirtschaft. Wer Fabriken baut oder finanziert, kalkuliert in Zeiträumen von Jahrzehnten statt von Jahren. Halb gare Abkommen wie das von Kyoto werden dem daraus resultierenden Bedürfnis nach Planungssicherheit nicht gerecht. Deshalb wandten sich die Spitzenmanager von 24 weltweit agierenden Konzernen in der vergangenen Woche an die Staats- und Regierungschefs der G8-Nationen. Kurz vor dem Gipfeltreffen der Mächtigen im schottischen Gleneagles drängen die Wirtschaftsführer – darunter die von E.on, Siemens, Volkswagen und der Deutschen Bank – auf Klarheit in Sachen Klimaschutz. Sie fordern ein Regime, das mindestens bis zum Jahr 2030 reicht, besser bis 2050.

Auch die Gemeinde der Klimaforscher hat jüngst ihre Ungeduld zum Ausdruck gebracht. Auch sie wandte sich an die G8 – und zwar so prominent wie nie zuvor. Elf nationale Wissenschaftsakademien, darunter die der Vereinigten Staaten, die chinesische und die indische, drängen auf effektiven Klimaschutz. Vermeintlich mangelndes Wissen um die Rolle des Menschen als Verursacher des Klimawandels lässt die globale Wissenselite nicht mehr gelten.

Die Wirtschaft drängt, die Wissenschaft drängt – wer eigentlich hindert die Politiker daran, das dringend nötige, das langfristig tragfähige Klimaschutzregime zu etablieren? Es sind ausgerechnet die eingeübten, die "heiligen" Kyoto-Prinzipien, die eine effektive Klimaschutzpolitik behindern.

Erstens liegt dem Kyoto-Abkommen kein quantifiziertes Ziel zugrunde. Da die Erderwärmung längst stattfindet (plus 0,6 Grad im vergangenen Jahrhundert), muss sich die Völkergemeinschaft auf einen noch tolerablen Temperaturanstieg einigen – und auf die damit korrespondierende Konzentration von Treibhausgasen in der Erdatmosphäre. Alles andere wäre ziellos.