Brasilien, Indien, China Alle Macht geht vom Forscher aus
Brasilien, Indien, China – die Schwellenländer wollen zu Großmächten der Wissenschaft aufsteigen
Singapur ist nicht gerade für lockere Sitten bekannt. Doch geht es darum, in den Biowissenschaften führend zu werden, gibt man sich schon einmal westlich lasziv. »Empfindest auch du eine brennende Leidenschaft für Wissenschaft?«, fragt eine schöne Asiatin in einer Anzeige des New Scientist. Auf ihrem Oberarm schlängelt sich das Tattoo einer DNA-Doppelhelix. Eindeutig zweideutig fügt die junge Frau hinzu: »Wir werden sie auf die höchsten Höhen bringen.«
Mit dem Inserat, veröffentlicht vor zweieinhalb Jahren, wollte die staatliche Agency for Science, Technology and Research junge Forscher nach Singapur locken. Jetzt sind sie da. Zusammen mit der einheimischen Wissenschaftselite bevölkern sie die Labore von Biopolis, dem riesigen neuen Zentrum für die Lebenswissenschaften. Rund drei Milliarden Dollar will Singapur innerhalb von fünf Jahren in das Feld investieren – bei vier Millionen Einwohnern ist das der Weltrekord pro Kopf.
Die Budgets wachsen fast so schnell wie die Ambitionen
Ähnlich wie in Singapur werden auch in Südkorea, China oder Indien die Steigerungsraten der Forschungsbudgets nur noch übertroffen vom Ausmaß der Ambitionen. Eine ganze Weltregion setzt auf Wissenschaft. Sie will sich nicht mehr damit begnügen, billig zu produzieren, was in amerikanischen oder europäischen Labors ersonnen wurde.
Mit ungeheurem politischen Willen und viel Geld wollen die »Tigerstaaten der Wissenschaft« den alten Forschungsimperien ihren Platz streitig machen, insbesondere auf den künftigen Schlüsselfeldern: der Bio- und Informationstechnik, der Nanoforschung und Materialkunde. Zwar haben auch Brasilien, Israel und neuerdings sogar einige arabische Staaten die Wohlstandsmaschine Wissenschaft entdeckt. Nirgendwo jedoch spielen Forschung und Entwicklung eine derart dominierende Rolle in den nationalen Zukunftsvisionen wie in Asien.
Lange Zeit glich die Weltkarte der modernen Wissenschaft jenen mittelalterlichen Atlanten, in denen die Terra incognita kurz hinter Griechenland begann. Dann traten erst die USA, später Japan auf den Plan. Rund 100 Jahre brauchten die Amerikaner für ihre Aufholjagd, 50 die Japaner. Die neuen Konkurrenten aus Fernost könnten es in 25 Jahren schaffen. Drei große Trends sprechen dafür:
Erstens: das wissenschaftsfreundliche Klima. Wie die Europäer ehren auch die asiatischen Kulturen traditionell Weisheit und Wissen. Doch wird die Begeisterung – anders als in der Alten Welt – dort kaum gebrochen durch Forschungsskeptizismus oder behindert von politischen Rücksichtnahmen. In China hält es kaum jemand für naiv, wenn Politiker verkünden, ihr Land werde in 60 Jahren die Forschungsmacht Nummer eins; koreanische Universitätspräsidenten verkünden voller Überzeugung, ihre Hochschule sei in 20 Jahren unter den zwölf weltbesten. Es ist kein Zufall, dass das erste globale Universitäts-Ranking aus China stammt. Die Ranglistenschreiber der Jiao-Tong-Universität aus Shanghai wollten einmal testen, wie weit für ihre Uni der Weg an die Spitze ist.
Zweitens: die ethischen Standards. In asiatischen Ländern gibt es – wie in Israel oder Brasilien – viel weniger Bedenken gegenüber der biotechnologischen Forschung. Während ein Stammzellforscher im Westen vor einem neuen Experiment zunächst endlos Anträge schreiben und sich vor Kommissionen rechtfertigen muss, verliert man in China keine Zeit mit moralischen Erörterungen. »Dort forscht man einfach«, bringt es der deutsche Sinologe Ole Döring auf den Punkt. Unsere Zurückhaltung ist gut begründet, vielleicht Ausdruck eines zivilisatorischen Vorsprungs. Der westlichen Wissenschaft indes beschert sie einen Standortnachteil. Singapur, wo das therapeutische Klonen ausdrücklich erlaubt ist, lockt auch deutsche Biomediziner an. Den ersten gelungenen Klonversuch vermeldeten Forscher aus Südkorea. Und der Vater des Experiments, Hwang Woo Suk, gilt als Nationalheld.
Drittens: das Geld. Beflügelt von einem wirtschaftlichen Langzeitboom, fließen in Asien enorme Summen in die Wissenschaft. Laut einer Studie der OECD hat kein Land seine Aufwendungen für Forschung und Entwicklung zwischen 1991 und 2002 so sehr gesteigert wie China. Und Südkorea schraubte die Ausgaben für diesen Bereich in 30 Jahren von 0,31 Prozent auf über 3 Prozent des Bruttosozialproduktes; damit überschritten die Koreaner bereits jene magische Marke, die Europa trotz aller Anstrengungen und Beschwörungen auch im Jahr 2010 nicht zu erreichen vermag.
Wie nirgendwo sonst gelten Bildung und Wissenschaft in diesen Ländern gerade für die junge Generation als Synonym für kommenden Wohlstand. Asien produziert wissenschaftshungrigen Nachwuchs im Überfluss – während Europa nach Berechnungen der EU-Kommission in Zukunft Zehntausende Forscher importieren muss, um international wettbewerbsfähig zu sein.
Die asiatischen Jungforscher nutzen die Spitzenhochschulen in USA oder Europa zunehmend als Durchlauferhitzer für eine Karriere in der Heimat. Von einer »stillen Rückführung« (silent repatriation) der wissenschaftlichen Elite spricht Raghunath A. Mashelkar, Generaldirektor des indischen Council of Scientific and Industrial Research. Die Heimkehrer nehmen im Sinne des brain-gain nicht nur Wissen mit, sondern lassen auch Investitionen westlicher Unternehmen abfließen. Siemens oder Microsoft verlagern ganze Entwicklungsabteilungen ins Ausland, eines der größten Forschungszentren von General Electric liegt heute im indischen Bangalore. Nirgendwo auf der Welt bekomme man pro Dollar so viel intellektuelles Kapital wie in Indien, heißt es bei General Electric. Die Globalisierung hat die Wissenschaft entdeckt.
Vor allem die europäische Wissenschafts-Community begegnet dem asiatischen Gründerfieber mit einer Mischung aus Neid und Hoffnung. Kaum eine Woche vergeht, ohne dass eine deutsche Hochschule eine Kooperation mit einem fernöstlichen Partner ankündigt. Der Besuch in Bangalore oder Peking gehört fast schon zum festen Jahresprogramm deutscher Universitätspräsidenten. Noch sind manche Jubelberichte über die asiatischen Forschungstiger auch einem neuen indisch-chinesischen Wissenschaftsnationalismus geschuldet – oder dem Bestreben westlicher Forscher, durch Beschwörung der »gelben Gefahr« mehr Geld zu bekommen. Doch die Steigerungsraten der asiatischen Forschung sind schon jetzt beachtlich. Und liest man die Ergebnisse des internationalen Schultests Pisa als Blick in die Zukunft, scheint klar, wer künftig die wissenschaftliche Agenda bestimmt. Ob Mathematik oder Naturwissenschaften: Auf den ersten fünf Plätzen finden sich stets Korea, China (Hongkong) und Japan, während Deutschland unter »ferner liefen« hinterherhinkt.
Brüssel will die Herausforderung annehmen. Und Deutschland?
Die USA haben die Weckrufe aus Asien verstanden, Brüssel will die Herausforderung annehmen und seinen Forschungsetat verdoppeln. Explizit warnt Europas neuer Forschungskommissar Janez Poto‡nik vor den neuen kommenden Technologiesupermächten China, Indien und Brasilien. Doch in Deutschland scheint man nichts Wichtigeres zu tun zu haben, als sich darüber zu zerstreiten, wer denn nun für die Wissenschaft zuständig sei. Selbst wenn neues Geld da ist – etwa für die Exzellenzinitiative –, zanken sich Bund und Länder, wer es ausgeben darf (siehe Seite 39). Andere Nationen sind jünger als unsere, sie arbeiten länger und verdienen weniger. Daran wird sich in Zukunft nichts ändern. Deutschland muss schlauer sein – und schneller. Das ist seine Chance, vielleicht die einzige.
- Datum 22.09.2009 - 11:40 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf mehreren Seiten lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 16.06.2005 Nr.25
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF






