Brasilien, Indien, China Alle Macht geht vom Forscher ausSeite 2/2
Drittens: das Geld. Beflügelt von einem wirtschaftlichen Langzeitboom, fließen in Asien enorme Summen in die Wissenschaft. Laut einer Studie der OECD hat kein Land seine Aufwendungen für Forschung und Entwicklung zwischen 1991 und 2002 so sehr gesteigert wie China. Und Südkorea schraubte die Ausgaben für diesen Bereich in 30 Jahren von 0,31 Prozent auf über 3 Prozent des Bruttosozialproduktes; damit überschritten die Koreaner bereits jene magische Marke, die Europa trotz aller Anstrengungen und Beschwörungen auch im Jahr 2010 nicht zu erreichen vermag.
Wie nirgendwo sonst gelten Bildung und Wissenschaft in diesen Ländern gerade für die junge Generation als Synonym für kommenden Wohlstand. Asien produziert wissenschaftshungrigen Nachwuchs im Überfluss – während Europa nach Berechnungen der EU-Kommission in Zukunft Zehntausende Forscher importieren muss, um international wettbewerbsfähig zu sein.
Die asiatischen Jungforscher nutzen die Spitzenhochschulen in USA oder Europa zunehmend als Durchlauferhitzer für eine Karriere in der Heimat. Von einer »stillen Rückführung« (silent repatriation) der wissenschaftlichen Elite spricht Raghunath A. Mashelkar, Generaldirektor des indischen Council of Scientific and Industrial Research. Die Heimkehrer nehmen im Sinne des brain-gain nicht nur Wissen mit, sondern lassen auch Investitionen westlicher Unternehmen abfließen. Siemens oder Microsoft verlagern ganze Entwicklungsabteilungen ins Ausland, eines der größten Forschungszentren von General Electric liegt heute im indischen Bangalore. Nirgendwo auf der Welt bekomme man pro Dollar so viel intellektuelles Kapital wie in Indien, heißt es bei General Electric. Die Globalisierung hat die Wissenschaft entdeckt.
Vor allem die europäische Wissenschafts-Community begegnet dem asiatischen Gründerfieber mit einer Mischung aus Neid und Hoffnung. Kaum eine Woche vergeht, ohne dass eine deutsche Hochschule eine Kooperation mit einem fernöstlichen Partner ankündigt. Der Besuch in Bangalore oder Peking gehört fast schon zum festen Jahresprogramm deutscher Universitätspräsidenten. Noch sind manche Jubelberichte über die asiatischen Forschungstiger auch einem neuen indisch-chinesischen Wissenschaftsnationalismus geschuldet – oder dem Bestreben westlicher Forscher, durch Beschwörung der »gelben Gefahr« mehr Geld zu bekommen. Doch die Steigerungsraten der asiatischen Forschung sind schon jetzt beachtlich. Und liest man die Ergebnisse des internationalen Schultests Pisa als Blick in die Zukunft, scheint klar, wer künftig die wissenschaftliche Agenda bestimmt. Ob Mathematik oder Naturwissenschaften: Auf den ersten fünf Plätzen finden sich stets Korea, China (Hongkong) und Japan, während Deutschland unter »ferner liefen« hinterherhinkt.
Brüssel will die Herausforderung annehmen. Und Deutschland?
Die USA haben die Weckrufe aus Asien verstanden, Brüssel will die Herausforderung annehmen und seinen Forschungsetat verdoppeln. Explizit warnt Europas neuer Forschungskommissar Janez Poto‡nik vor den neuen kommenden Technologiesupermächten China, Indien und Brasilien. Doch in Deutschland scheint man nichts Wichtigeres zu tun zu haben, als sich darüber zu zerstreiten, wer denn nun für die Wissenschaft zuständig sei. Selbst wenn neues Geld da ist – etwa für die Exzellenzinitiative –, zanken sich Bund und Länder, wer es ausgeben darf (siehe Seite 39). Andere Nationen sind jünger als unsere, sie arbeiten länger und verdienen weniger. Daran wird sich in Zukunft nichts ändern. Deutschland muss schlauer sein – und schneller. Das ist seine Chance, vielleicht die einzige.
- Datum 22.09.2009 - 11:40 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 16.06.2005 Nr.25
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