Forschung An die Spitze

Im Westen wurden Chinas kluge Köpfe zur Elite ausgebildet. Jetzt rüsten sie die Volksrepublik zur technologischen Supermacht des 21. Jahrhunderts auf

China und High Tech – für Cheng Jing gehört das zusammen wie Yin und Yang. Entsprechend sieht es in dem Arbeitszimmer des Bio-Tech-Forschers und Unternehmers aus. Cheng residiert im riesigen Glasbau der von ihm gegründeten CapitalBio Corporation auf einer grünen Wiese gleich hinter den Mauern des alten Pekinger Sommerpalastes. Unter seinem Büro liegen Labors und Montagehallen, im Zimmer türmen sich westliche Bücher und Zeitschriften Doch unter den Papierbergen lugen schwere Ming-Möbel hervor, traditionelle Holzstellwände, Porzellanvasen und Tuschezeichnungen bestimmen die Atmosphäre. Besuchern will der 41-jährige Professor damit demonstrieren, dass die 18 Jahre seines Lebens, in denen er in England und den USA forschte, endgültig vorbei sind. Dass sein im Westen gewonnenes Wissen ein neues, nämlich sein altes Zuhause gefunden hat: China.

Warum er zurückgekommen ist? »Statt die Geschichte nur zu beobachten, will ich sie gestalten«, sagt Cheng. Er zählt zu den weltweit führenden Biochip-Forschern. Seine Kleidung ist leger, der Umgangston direkt. Er redet wie ein Amerikaner, der sein Glück in China gefunden hat. Zwar habe er sein Privatleben opfern müssen, doch so sei das eben. »In China ist einfach zu viel los«, findet Cheng.

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Um fast 20 Prozent pro Jahr wachsen die Forschungsausgaben

Genauer gesagt: China wächst zu schnell. Auch im vergangenen Jahr waren es wieder 9,5 Prozent Wirtschaftswachstum. Noch schneller steigen die Forschungsausgaben: Um sage und schreibe 19,6 Prozent (2003), wobei auch die bisher eher vernachlässigte Grundlagenforschung um 18,8 Prozent zulegte. Die chinesische Aufholjagd hat begonnen. Schon warnen Experten vor der »High-Tech-Drohung«. So schrieb etwa Jeffrey Garten, Leiter der Yale School of Management in Connecticut, kürzlich in der Business Week: »Die Nachrichten sind voller Schlagzeilen über China, aber eine Entwicklung wird völlig übersehen: Chinas Aufstieg zum technologischen Superstaat.« Den Management-Guru erschreckt besonders, dass Amerikas Universitäten heute schon ein Viertel aller Ph.D.-Abschlüsse für Natur- und Ingenieurswissenschaften an chinesische Studenten vergeben und immer mehr von ihnen dem Beispiel Chengs folgen: Sie kehren nach dem Studium im Ausland nach China zurück.

Regierung und Universitäten in China tun heute alles dafür, die eigenen Leute zurückzuholen. Die KP finanziert Austauschprogramme und Konferenzen für die Kontaktpflege. Die Universitäten bieten reizvolle Rückkehrerpakete: Professorentitel, Gehaltszuschüsse, Luxusapartments, Umzugshilfen und eine Anschubfinanzierung für Forschungsprojekte – das alles ist inzwischen selbstverständlich für einen, der im Ausland hohe Qualifikationen erworben hat. Auf den »Siegeszug der Asiaten durch die amerikanischen Universitäten« (Jürgen Habermas) folgt heute der Triumphmarsch der amerikanischen Absolventen durch die Universitäten der chinesischen Heimat.

Cheng Jings Laufbahn gleicht dem Prototyp einer Forscherkarriere, wie sie die Wissenschaftslandschaft des 21. Jahrhunderts verändern könnte. Trotz aller Schulung im Westen bleibt Cheng von Stil und Einsatz her Chinese: Unermüdlich und ohne Urlaub, geradlinig und grenzenlos optimistisch, verfolgt er seine Forscherziele. Ihm gelang es 1998 in San Diego, auf einem 1 Millimeter großen Chip die DNA von Mikroben zu isolieren – ein wissenschaftlicher Durchbruch. Heute gilt der Informationsspeicher Biochip als Hoffnungsträger für den medizinischen und biotechnologischen Fortschritt, und Cheng hält sieben US-Patente. Nun schwört der Forscher Peking, ja ganz China, auf die Zukunft der Biochip-Technologie ein. Er hält Vorträge für den Parteichef und das Staatskabinett. Er sammelt Forschungsgelder, wobei manchmal – wie kürzlich für ein neues Projekt zur Enzymanalyse – bis zu 100 Millionen Euro zusammenkommen. Cheng baut mit von ihm selbst ausgesuchten Architekten ein neues Forschungslabor für Biochip-Technologie auf.

Seinen Lehrauftrag bekam Cheng von Chinas angesehenster Forschungseinrichtung, der Tsinghua-Universität. Früher bestellte die Universität alle Professoren aus ihren eigenen Reihen, heute sind es noch 80 Prozent. Um Cheng zu gewinnen, tat sie alles, was ihr möglich war. Sie stellte 40 Prozent des Gründungskapitals seines Unternehmens zur Verfügung. Sie verschaffte ihm den Cheung-Kong-Lehrstuhl, der nach der gleichnamigen Firma des Hongkonger Supermilliardärs Li Kashing benannt ist und von Li bezahlt wird. Trotzdem, sagt Cheng, verdiene er nicht mehr so viel wie früher in San Diego. Dafür habe er in China das Gefühl, für die Zukunft zu arbeiten. »Chinesische Forscher sind, was Kreativität und Intelligenz betrifft, genetisch nicht minderbemittelt. Ich wäre nicht überrascht, wenn uns heute wieder glorreiche Zeiten bevorstünden.«

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