Rechtschreibung Ein Blick sagt mehr als tausend Regeln

Mit dem »Guckomobil« vergleichen Berliner Leseforscher die alte und die neue Rechtschreibung

Roland starrt auf den Bildschirm. Der Zehnjährige hat Stirn und Kinn an Stützvorrichtungen aus Plastik gelehnt und blickt durch einen Apparat, der die Bewegungen seiner Augen misst. Dann erscheint auf dem Schirm ein Satz: »Die berühmte Balletttänzerin brach sich ein Bein.« In weniger als drei Sekunden huschen Rolands Augen über die Buchstaben. Er kichert: »Oh, Mann, das ist lustig.« Unterdessen hat eine Infrarotkamera seine Augenbewegungen aufgezeichnet, ein Computer die Signale umgewandelt, sodass Versuchsleiterin Verena Engl sie exakt verfolgen kann.

Unter Federführung des Leseforschers Arthur Jacobs von der Freien Universität Berlin haben Engl und ihr Kollege Florian Hutzler Berliner Sechstklässler und Erwachsene getestet, um eine Antwort auf die Frage zu finden: Was ist einfacher zu lesen, die neue oder die alte Rechtschreibung, »Balletttänzerin« oder »Ballettänzerin«?

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Das Projekt soll der Diskussion um die neue Rechtschreibung eine empirische Grundlage verschaffen. In einer von Polemik und Hysterie geprägten Debatte wurden sprachgeschichtliche, ästhetische oder politische Argumente hin- und hergespielt. Gegner und Befürworter der Reform spekulierten fantasievoll, was die Schüler wohl am meisten verwirren könnte.

Die Berliner Studie zeigt: Zusammengesetzte Substantive, deren »Stammschreibung« nach der neuen Rechtschreibung erhalten bleibt, wie »Balletttänzerin« oder »Schifffahrt«, irritieren die Kinder beim Lesen – obwohl sie genau diese Schreibweise über sechs Jahre gelernt haben.

Wer liest, dessen Blick läuft nicht kontinuierlich über die Buchstaben – er springt. Psychologen sprechen von sakkadischen Augenbewegungen. Nur in den kurzen Momenten, in denen der Blick still steht, kann das Gehirn den Sinn verschiedener Buchstabenansammlungen erfassen. Wie oft und wie lange der Blick an einem Wort hängen bleibt, ist für die Neuropsychologen ein Indiz dafür, wie leicht es gelesen werden kann.

Mit dem »Guckomobil«, einem mobilen Blickbewegungslabor, zogen die Forscher in den vergangenen Monaten von Pausenhof zu Pausenhof. Sie ließen die Kinder 138 verschiedene Sätze lesen: Die Hälfte der Test-Sätze orientierte sich an den Regelungen der alten Rechtschreibung, die andere Hälfte an der neuen. Die Forscher prüften neben den zusammengesetzten Substantiven auch die s-Lautschreibung (»Fass« oder »Faß«), die Schreibung nach dem Stammprinzip (»Stängel« oder »Stengel«) oder die viel diskutierte Zusammen- und Getrenntschreibung (»kennen lernen« oder »kennenlernen«).

Derzeit steht gerade diese Regelung auf der Kippe. Zum 1. August soll nicht, wie geplant, die ganze Rechtschreibreform, sondern nur ein Teil umgesetzt werden, ließen die Kultusminister jüngst verlauten. Welche Verwirrung eine Rücknahme der Regeln zur Getrennt- und Zusammenschreibung stiften könnte, lässt sich aus der Berliner Studie ablesen: In keinem Fall waren die Kinder so irritiert, wie wenn sie Wörter, die sie getrennt zu schreiben gelernt hatten, zusammengeschrieben lesen mussten (»Man sollte sich kennenlernen, bevor man heiratet«).

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