schule Lehrfach Mayonnaise
Firmen gehen Partnerschaften mit Schulen ein. Sie zahlen für Bücher und liefern Unterrichtsinhalte. Mitunter wird auch versteckte Werbung betrieben
Die Globalisierung erreichte die Gesamtschule Geistal in Bad Hersfeld am 12. Juli 2004. An diesem Tag unterzeichnete die Schule eine Lernpartnerschaft mit der Firma Wever, die in der osthessischen Gemeinde Bezüge für Autositze produziert. Seitdem lernen die Geistalschüler im Fach Erdkunde, dass sie »längst schon mit Schülern in Hongkong oder Warschau um den Erhalt der Arbeitsplätze in Bad Hersfeld konkurrieren«. Als Lehrer der Unterrichtseinheit fungiert Hubert Günther, der Geschäftsführer des Textilherstellers.
Man wolle über die Jugend »nicht nur schimpfen«, erläutert der Unternehmenschef, sondern etwas tun. Und Wever tut. Im Fach Physik steht die »Qualitätskontrolle« der Firma auf dem Stundenplan, im Fach Chemie »Ökonomische und ökologische Aspekte der Bezugsstoffe«. Im Fremdsprachenunterricht kann Wever laut Kooperationsvereinbarung »Business-Englisch« unterrichten, und in Kunst sollen die Schüler »kreative, innovative Stoffmuster« für Wever entwerfen.
Wirtschaft macht Schule. Alarmiert durch das Pisa-Debakel, aufgeschreckt durch die lückenhaften Fähigkeiten vieler Ausbildungsplatzbewerber, engagieren sich mehr und mehr deutsche Unternehmen in Schulen und anderen Bildungseinrichtungen. Sie fördern hoch begabte Schüler oder benachteiligte Migrantenkinder, prämieren vorbildliche Lehrer oder sponsern Feldversuche zur frühkindlichen Bildung.
In vielen – oft finanziell wie ideell ausgezehrten – Schulen sind Geld, Anerkennung und neue Einfälle der Unternehmen hochwillkommen. Eine besonders beliebte Form der Hilfe sind Partnerschaften wie jene zwischen der Firma Wever und der Geistalschule. Inzwischen dürfte es über 1000 Verträge zwischen privaten Unternehmen und öffentlichen Lehranstalten geben. Einen genauen Überblick hat niemand, aber allein in Nordrhein-Westfalen hat ein Drittel aller weiterführenden Schulen einen Partnerbetrieb, berichtet die Stiftung Partner für Schule in NRW. Bis Ende 2006 sollen »alle Schulen versorgt sein«, hieß es auf einem Kongress im April. Ob Mittelständler oder Weltkonzern, ob Hamburg-Mannheimer, Allianz, Bayer oder T-Mobile – alle sind dabei.
Die Ziele der Kooperationen lauten stets gleich: den Unterricht praxisnäher gestalten und die Schüler besser auf das Arbeitsleben jenseits der Klassenräume vorbereiten. Viele Pädagogen reagieren begeistert. »Ein Betrieb bietet eine Fülle von Anschauungsmöglichkeiten«, sagt Gerhard Vater, Leiter der Bad Hersfelder Gesamtschule Geistal. Beim Werksbesuch etwa würde den Schülern deutlich, dass man mit dem Unterrichtsstoff auch Geld verdienen könne. Andere Pädagogen berichten, dass entmutigte Hauptschüler oder gelangweilte Gymnasiasten wieder zuhörten, wenn Unternehmenspraktiker den Unterricht gestalteten.
In Geschichte geht es um das Thema »Siemens von 1848 bis heute«
Doch längst geht es bei den Kooperationen nicht nur um Berufswahl oder Bewerbungstraining. Fast jede zweite der NRW-Schulen meldet, dass die Firmen auch den Fachunterricht unterstützen, dafür »Infrastruktur und Materialien« bereitstellen. An der Erzbischöflichen Ursulinenschule in Köln zum Beispiel fördert die Firma Siemens nicht nur den Physik- oder Informatikunterricht, sondern auch das Fach Geschichte: Die Mädchen der 9. Klasse behandeln das Thema »Unternehmensgeschichte – Siemens von 1848 bis heute«. Und im gymnasialen Zweig der Ursulinenschule widmet sich der Englischunterricht dem Stichwort »Siemens als Global Player«. Nimmt Siemens Einfluss auf den Unterricht? »Überhaupt nicht«, versichert Schulleiterin Angelika Ockel. Man plane nur gemeinsam. »Lehrer und Siemens-Mitarbeiter setzen sich zusammen«, sagt Ockel. Dann werde entschieden, wie ein Thema umgesetzt wird.
In Neuss pflegt die Realschule Südstadt dank der Partnerschaft mit der Feinkostfirma Thomy neuerdings einen Mayonnaise-Schwerpunkt. Unter anderem steht »Kochen mit hauseigenen Produkten« im Hauswirtschaftsunterricht auf dem Programm. Natürlich sei das »Schleichwerbung«, gibt Berthold Pütz zu, der an der Realschule Deutsch, Geschichte und Politik unterrichtet und zuständig ist für die Kooperation mit Thomy. Doch Werbung zu treiben sei nicht Zweck der Zusammenarbeit, versichert Pütz. Eher gehe es Thomy um eine Art vorausschauender Personalpolitik. Dass das Engagement der Firmen »nicht ganz uneigennützig« ist, gibt auch Wever-Geschäftsführer Hubert Günther in Bad Hersfeld zu. Dadurch habe man die Möglichkeit, »in der Schule zukünftige Mitarbeiter kennen zu lernen«.
Es überrascht kaum, dass Betriebe ihr bürgerschaftliches Engagement mit wirtschaftlichen Interessen verknüpfen. Fraglich ist nur, wo die Grenzen der unternehmerischen Bildungspolitik verlaufen. »Grundsätzlich« sei gegen eine Kooperation von Wirtschaftsunternehmen und Schulen »nichts einzuwenden«, findet Marianne Demmer von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Sie begrüßt, wenn Firmen »Einblick in die schulische Realität erhalten« und »von den Problemen junger Menschen« erfahren. Sie dürften jedoch nicht »die eigenen Produkte und Weltsichten verkaufen«. Andernfalls, betont Demmer, gerate die Kooperation in Widerspruch zum Bildungsauftrag der Schule, der auch »kritisches Konsumentenverhalten« fördern solle.
Bislang jedoch ist völlig unklar, wo eine sinnvolle Unterstützung in kommerzielle Beeinflussung der Schüler umschlägt. Klare Regeln fehlen, und nicht selten drücken Lehrer und Schulleitungen aus Naivität oder Verzweiflung über die leere Schulschatulle beide Augen zu. Das zeigt eine Schulkooperation im ostwestfälischen Minden. Dort hat sich das Kaufhaus Hagemeyer mit der Hauptschule im Stadtteil Todtenhausen zusammengetan. Doch wer hier wem hilft, ist von außen schwer zu erkennen.
Unter anderem nutzt das Kaufhaus schon einmal die Schüler als Aushilfskräfte, erfuhr ein WDR-Fernsehreporter im vergangenen Jahr. Die Schüler »rücken Warenträger« und helfen, »wenn wir unseren Weihnachtsmarkt im Hause aufbauen«, erzählte Jürgen Ahrens, Mitglied der Hagemeyer-Geschäftsführung, freimütig vor der Kamera. Wie viel Schüler denn zu solchen Einsätzen kämen? »Das hängt ganz davon ab, wie viel wir brauchen«, sagte Ahrens. »Fünf bis fünfzehn Leute – und manchmal sind es auch mehr.« Die Schüler würden für ihre Arbeit nicht bezahlt, erklärte Harald Steinmetz, der Leiter der Hauptschule. »Lohn ist ja, dass Unterrichtsausfall ist, das reicht vielen schon.«
Aufgeschreckt von diesen Äußerungen, erkundigte sich das nordrhein-westfälische Schulministerium in der Hauptschule – und bekam zu hören, alles sei in Ordnung. Der Schulleiter habe versichert, dass es sich um »einen einmaligen Ausnahmefall« gehandelt habe, erklärt Ulrich Thünken, Referatsleiter im Schulministerium. »Die Mitarbeit einiger Schüler im Kaufhaus«, so die Erkenntnis der Schulaufsicht, habe in der Freizeit stattgefunden, »überwiegend« zumindest.
Ob in Nordrhein-Westfalen oder in anderen Bundesländern: Von den Kultusbehörden können die Schulen bislang wenig Orientierung erwarten, wenn sie sich auf eine Partnerschaft mit einem großen Unternehmen einlassen. Die klamme Bildungsbürokratie ist froh über jeden, der die Schulkasse füllt, ausgefallene Unterrichtsstunden ersetzt oder Schulbücher erneuert.
Nordrhein-Westfalens Noch-Schulministerin Ute Schäfer (SPD) betont, dass die Zusammenarbeit von Schule und Wirtschaft »finanzielle Ressourcen« für die »Schulentwicklung« erschließe. Siemens etwa zahlt jeder Partnerschule bis zu 500 Euro, wenn sich Schüler an einem Projekttag mit Themen wie Energie, Automatisierung, Licht oder Verkehr beschäftigen. Das Kaufhaus Hagemeyer unterstützt seine Partnerschule durch »günstige Konditionen, zum Beispiel bei der Anschaffung von Schulbüchern und Schultrikots«, berichtet Schulleiter Harald Steinmetz. Auch hat Hagemeyer einen Zuschuss für die schuleigene Info-Broschüre gezahlt; dort darf natürlich der Werbehinweis nicht fehlen. »Praxisnah mit starkem Partner – Hagemeyer«, heißt es in der Broschüre.
Mittlerweile gibt es eigene Einrichtungen, die solche Kooperationen einfädeln. Mehr als 300 »Lernpartnerschaften« hat allein das Institut Unternehmen & Schule GmbH angeschoben. Das Institut ist ein Ableger der Universität Düsseldorf, hervorgegangen aus dem Lehrstuhl für Chemie-Didaktik. Es übe, so die Eigenwerbung, einen »engen Schulterschluss mit den Wirtschaftsverbänden«. Die elf Mitarbeiter, erklärt Instituts-Geschäftsführer Carsten Schülke, würden »zu großen Teilen über Drittmittel« finanziert, etwa aus dem Europäischen Sozialfonds. »Zudem«, ergänzt Schülke, »beauftragen uns große Konzerne, sie bei der Ausrichtung ihrer Schule-Wirtschafts-Arbeit zu beraten.«
Auch bei der Fortbildung der Lehrer mischen die Privaten zunehmend mit. Zu den aktivsten Schulpartnern gehört die Metro-Gruppe. Der internationale Handelsriese mit Sitz in Düsseldorf (Galeria Kaufhof, Real, Media Markt) unterhält bundesweit 48 Kooperationen mit Schulen. Wenn Metro zur jährlichen Lehrerfortbildung (»Meeting Metro«) lädt, kommen rund 600 Pädagogen. Auf den zweitägigen Veranstaltungen erfahren die Lehrer, welche Ausbildungsplätze der Handelskonzern für Schulabgänger bietet und welche Karrierechancen es bei Metro gibt. Und für den Unterricht stellt der Handelskonzern »Originalunterlagen aus dem Wirtschaftsbetrieb« bereit, wie Jürgen Homeyer, Sprecher des Düsseldorfer Konzerns, erklärt. Dabei handele es sich um »Geschäftsberichte, Unternehmenspräsentationen oder Filmmaterial«.
In Erdkunde wird mit Metro die »Handelsware Fisch« besprochen
Metro-Partner ist beispielsweise das Albert-Einstein-Gymnasium in Sankt Augustin nahe Bonn. In der ersten Fassung der »Kooperationsvereinbarung 2003« war für die Schüler der Jahrgangsstufe 9 ein »Inventurpraktikum« vorgesehen, als Teil des Fachs Gesellschaftswissenschaften. Die Inventur des Warenbestands, das Zählen von Handtüchern oder Fahrradhelmen im Lager, als Unterricht? Das war dem Gymnasium dann doch zu viel. Den Begriff Inventurpraktikum »haben wir rausgestrichen«, sagt Wolfgang Köhler, Lehrer für Erdkunde und Englisch am Albert-Einstein-Gymnasium. Das passe nicht zur Kooperation. Carsten Schülke vom Institut Unternehmen & Schule formuliert es heute so: »Wer als Schüler Lust hat«, könne sich beim Inventurpraktikum »etwas dazuverdienen«. Metro erklärt allerdings, dies gelte nur »in Einzelfällen«.
Andere Passagen aus dem Metro-Vertragsentwurf blieben am Sankt Augustiner Gymnasium hingegen unverändert. In Erdkunde geht es um die »Handelsware Fisch«. Im Fach Informatik steht »Elektronisches Preisauszeichnungssystem« auf dem Plan. Und im Englischunterricht darf Metro anhand einer Firmenbroschüre erklären, wie sich das Unternehmen »Nachhaltiges Wirtschaften/Sustainability in Trading« vorstellt. »Lehrer und Schüler sind kritisch genug, um sicherzustellen, dass es nicht zu einseitiger Beeinflussung kommt«, gibt sich Wolfgang Köhler überzeugt.
Auch die Bundeswehr hat die Schule als Rekrutierungsort neuer Mitarbeiter entdeckt. Die Europahauptschule Johann-Heinrich-Pestalozzi in Alsdorf bei Aachen kooperiert mit der Ausbildungswerkstatt des Heeres. Schulleiter Norbert Steffens begrüßt die Zusammenarbeit als »Erweiterung unseres Schulprofils«. Umgekehrt verpflichtet sich die Hauptschule in der Kooperationsvereinbarung, für die Ausbildungswerkstatt zu werben; beide Vertragspartner sichern sich »Gegenseitige Unterstützung bei der Öffentlichkeitsarbeit« zu. Schulleiter Steffens sieht darin kein Problem. Er mache ja nicht Werbung für die Bundeswehr, sondern allenfalls für die Ausbildungswerkstatt, sagt der Pädagoge.
Für Gewerkschafterin Demmer hingegen verletzt diese Abmachung »die Neutralitätspflicht der Schule«. Schließlich garantiere das Grundgesetz »die Verweigerung des Wehrdienstes aus Gewissensgründen«, betont die GEW-Frau: Schulen »dürfen nicht einseitig informieren«. Vielmehr sei es wichtig, dass auch »andere Partner wie Gewerkschaften oder Wohlfahrtsverbände« in den Schulen gleichgewichtig vertreten sind. Von derartigen Zusammenschlüssen jedoch ist wenig bekannt. Ein Grund ist klar: Sie bringen nicht das nötige Geld mit.
- Datum 16.06.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 16.06.2005 Nr.25
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