Es war München. Es hätte auch Frankfurt, Düsseldorf, Hamburg oder Berlin sein können. Eine dieser unmenschlichen Hallen, in denen einer gegen fünftausend steht, 1 gegen 5000, die ihn vorbehaltlos lieben. Also ist er auf der Flucht, muss jeden Akkord, jeden Rhythmus möglichst lange vor seinen Fans verbergen, die sofort gnadenlos zuklatschen, wenn sie das Lied erkennen, die in jede sich bietende Lücke liebessüchtig "Bruu-uuce" schreien. Also steht er nun allein auf der Bühne, ohne seine E-Street Band, pumpt Luft in seine braune Heimorgel und verfremdet Into The Fire, versteckt Reason To Believe hinter einer Tom-Waits-Megafon-Stimme. Doch die Klage über den Irrwitz dieser Hallenkonzerte verkehrt sich in eine Lobpreisung: Je größer der Held, desto einsamer muss er sich präsentieren. Schlägt der Rattenfänger die Gitarre, folgen wir ihm.

Mit Devils & Dust zieht der 55-jährige Sänger nun durch die Lande, einer sparsam instrumentierten, großen neuen Liedersammlung, die von Müttern und Söhnen handelt, von Boxern und schwarzen Cowboys, vom Weggehen und Heimkehren, die ebenso näselnd Bob Dylan wie kopfstimmig Neil Young zitiert. Doch wer einen akustischen Folkabend befürchtet, wird angenehm ent-täuscht: Wie ein Vorschlaghammer knallt der Stiefel den Takt auf die Bohlen, die Gitarrensaiten dröhnen, das Klavier klimpert, und die Mundharmonika zerrt, akustisch bedeutet keinesfalls leise. Von stilisierten Lüstern bekränzt und von gerafften Vorhängen umschmeichelt, einer Dekoration, die an Vanilleeis mit heißen Himbeeren erinnert und sich später in abstrakte Lichtspiele auflöst, zieht er durch ein Repertoire, das die Mördergeschichten von Nebraska wie die Aura von Lucky Town wie den Aufbruch nach dem 11. September einschließt.

Zwei Songs, die gegensätzlicher nicht sein könnten und in ihrer Klammer alles enthalten, bestimmen diesen Abend. Reno erzählt ungewohnt drastisch und detailliert von einem Mann und einer Prostituierten, die ihm Angebote und Preise nennt, während er aus dem Fenster des Hotelzimmers blickt und sich an eine Frau erinnert, an eine Zeit, als Lächeln und Sex noch eins waren. Vergangenheit und Gegenwart schließen sich nicht aus, aber sie zerren aneinander. Der andere Song – Jesus Was An Only Son – beschreibt Maria als Mutter und Jesus als ihren einzigen Sohn. Nur hier weicht Bruce Springsteen vom Text des Albums ab, malt aus, was gewesen wäre, hätte Jesus mit Maria Magdalena zusammengelebt, stünde Jesus hinter der Theke von Magdalenas Bar, glücklich mit ihrem gemeinsamen Kind, hätte Jesus eine Zukunft, "und am nächsten Tag und am nächsten Tag und am nächsten Tag…". Reno und Jesus – es sind die Koordinaten Springsteens: Was war, was sein könnte, was schief lief und was nicht zu ändern ist.

Manchmal fröstelt es einen, wenn der Refrain zum Hymnus wird, wenn der Sänger um das Leid weiß und das Elend in Geschichten auflöst, um einen Aufstand der Gefühle zu verhindern. Dann ist man kurz davor, All I’m thinkin’ about is you, baby mitzuklatschen, It’s been a long time comin’ mitzusingen, über Leah ins Schunkeln zu geraten oder Meet me on the Matamoros zu brummen, jenen unglaublichen Song über die Leiche eines Mexikaners, die im Grenzfluss treibt. Rückwärts erzählt Bruce Springsteen die Geschichte, beginnt mit den toten leeren Augen, die sich den Sternen geöffnet haben, berichtet von der Liebe eines Mannes, den Hoffnungen, die er auf der anderen, der amerikanischen Seite des Flusses Matamoros sah. Schmerz und Schönheit liegen bei Bruce Springsteen immer auf gleicher Höhe. Bei ihm überschätzt man das Glück nicht, und die Trauer ist nicht endgültig.

Es ist nicht alles Gold an diesem Abend. Doch wenn sein Klavierspiel der Stimme hinterherhinkt, wenn sich allzugleiche Stimmungen summieren, dann entschädigt die Robert-De-Niro-gleiche Präsenz. Dann beginnt er mit dieser wölfisch hohen Kopfstimme den Mond anzuheulen, dann bricht der Entertainer in ihm durch. Er habe dieses E-Piano bei e.Bay gekauft, und man habe ihn speziell vor diesem einen Ton gewarnt, erklärt er, als er den falschen Ton trifft. Und als bei einer der zahllosen Zugaben ein Mädchen ein Handy hochhält, um die frohe Kunde nach draußen zu senden, holt er sich’s und singt dem verblüfften Hörer den Song ins Handy. Das Publikum weiß, warum es seinen Bruce liebt. Am Ende kann er sich nicht anders vor der Umarmung retten, als ein Stück der legendären Punkelektroniker Suicide aus den siebziger Jahren zu spielen: Dream Baby Dream. Das hilft nach zweieinviertel Stunden. Bruu-uuce!