Seit Christopher Reeve in den siebziger Jahren den quietschfarbenen Anzug von Superman überstreifte, haben Großproduktionen in lockerer Folge die Ikonen der Comic-Kultur abgearbeitet, mit wechselndem Glück, aber beharrlichem Blick auf das serielle Potenzial: So wie die Welt der kleinen Heftchen diese Retter immer wieder braucht, ist auch Hollywood von ihnen abhängig geworden, weil sie für schnelle Siege gut sind, gegen das Böse und an der Kinokasse. Ausgerechnet Batman, einer der gestandenen Herren der Gattung, musste dort zuletzt allerdings empfindliche Niederlagen einstecken und schien auch inhaltlich gründlich abgewirtschaftet zu haben. Nachdem Tim Burton dem Helden aus dem Hause DC-Comics um die Wende zu den Achtzigern mit zwei Filmen eine vitale Leinwandexistenz geschenkt hatte, die allerdings bereits ins Persiflagehafte und Karnevaleske lappte, wurde der Fledermaus-Mann in den folgenden, von Joel Schumacher gedrehten Teilen regelrecht clownifiziert. Batman Begins, der die Serie nun neu in Gang bringen soll, drückt gewissermaßen die Reset-Taste und lässt den Protagonisten selbst – mit Bezug auf seinen im Finale niedergebrannten herrschaftlichen Stammsitz – von umfassendem Wiederaufbau sprechen: "Stein für Stein".

Dabei legt das neue Team, dem durchaus ein erfrischender Blick auf den Stoff zuzutrauen war, freilich nicht gerade Aufbruchsstimmung an den Tag. Vielmehr gehen Regisseur Christopher Nolan (Memento) und sein Ko-Autor David S. Goyer (der Kopf hinter den düsteren Blade- Filmen) mit jenem Trend zur Ernsthaftigkeit, zur Besinnung auf "klassische" Werte konform, der im aktuellen Blockbusterkino den fröhlichen Wildwuchs, den Glamour und die Frivolität der Postmoderne abgelöst hat. Schon nach den Testvorführungen wurde die nicht ganz falsche Parole ausgegeben, der neue Batman sei – und da könnte man sich am Konzept von Sam Raimis in den psychologischen Tiefen der Adoleszenz herumwühlendem Spider-Man orientiert haben – wieder stärker an den Figuren und ihren Konflikten interessiert als an der Zurschaustellung von technischen Gimmicks, Spezialeffekten und Dekors.

Esoterisch und therapeutisch, aber nicht aufregend

Tatsächlich verwendet der Film viel Zeit darauf, dem Helden so etwas wie eine Biografie zu geben, zu erklären, wie aus dem behüteten kleinen Bruce Wayne, dessen Familie in und um Gotham City über ein milliardenschweres Wirtschaftsimperium herrscht, der Vigilant im Fledermaus-Kostüm wird. Es braucht einen ganzen Entwicklungsroman, eine Initiationsreise ins buddhistische Asien, viele Räucherstäbchen und reichlich Rückblenden, bevor Bruce überhaupt in die Nähe eines Stücks mattschwarzen Hartplastiks gerät. Nicht nur die Schatten der Vergangenheit und die Erinnerung an den gewaltsamen Tod seiner Eltern machen dem Helden zu schaffen – von Anfang an hat er mit einer für den Film insgesamt leitmotivischen Angst zu ringen. Entsprechend esoterisch-therapeutisch ist das Vokabular. Es ist viel von Selbstfindung und -überwindung die Rede, von Charakterstärke, vom falschen und vom richtigen Weg: "Ein Mann ist nicht, was er zu sein glaubt, sondern was er tut."

Dabei hat die Inszenierung mit den penetranten Ulknudeleien der Schumacher-Filme allerdings auch den Erfindungsreichtum eines Tim Burton über Bord geworfen: Flatterten bei diesem märchenhaft kindische, oft befreiend regressive Gestalten durch eine beunruhigende, aus Art déco und Albert Speer fusionierte Architektur, so schleichen bei Nolan Zwangscharaktere durch eine mehr oder minder zeitgenössische Großstadtlandschaft, die kaum einprägsame Merkmale hat. Dem Auftritt der Fledermaus tut die Zurückhaltung auf den ersten Blick gut: Nolan vermeidet lange Einstellungen auf das immer ein bisschen komische Bat-Kostüm – sodass sich nicht abschließend feststellen lässt, ob die Ohren nicht schon wieder an einen Hasen erinnern – und lässt die düstere Gestalt vorwiegend im Schwarz der Umgebung aufgehen. Der vom Mainstream-Kino bisher zu Unrecht übersehene Hauptdarsteller Christian Bale, der sich über die Jahre in schrägen kleinen Filmen erhebliche Autorität erworben hat, wechselt mühelos von einer Heldenpersona zur anderen: Spielt er den Geschäftsmann, dann grüßt der aalglatte Wall-Street-Yuppie aus American Psycho. Und in seinen Actionszenen kann er zweifellos auf das für den Science-Fiction-Thriller Equilibrium absolvierte Martial-Arts-Training zurückgreifen.

Zusammengenommen ergibt das alles eine überzeugende, beinahe würdevolle Präsenz. Doch ist sie zugleich auch das größte Problem des Films. Im Grunde ist Batman nämlich einer der unleidlichsten, dubiosesten Charaktere im gesamten Weltrettungs-Geschäft: kein Mutant, kein Außenseiter wie die X-Men der konkurrierenden Marvel-Comics, nicht einmal einer vom anderen Stern wie Superman. Sondern einer aus der Mitte unserer Gesellschaft, ein Großkapitalist, der bei seinen illegalen Schlägen gegen "das Verbrechen" bloß die Ordnung erhält, von der er selbst profitiert.

Der amerikanische Comic-Zeichner Frank Miller, ein auteur des Genres, hatte bereits in den achtziger Jahren einen gealterten, kränkelnden Batman als "dunklen Ritter" zurückkehren lassen, um von den Zeichen der Faschisierung, dem Identitätszerfall, den pathologischen Zügen in der Figur des Selbsthelfers zu sprechen. Zumindest in der Ikonografie der maroden Stadt nahm Tim Burton Millers Sicht auf. Batman Begins streut im Dialog immer wieder Verweise auf dieses morbide Bild ein, kann sich aber nicht dazu durchringen, seinen Helden schlecht aussehen zu lassen. Lieber entlastet er ihn durch die Enttarnung eines Superschurken, der besessen ist von der Vision, die Erde ein für alle Mal vom Abschaum zu befreien: ein radikaler Vertreter der zero tolerance- Fraktion, neben dem Batman glatt als aufrechter Sozialdemokrat durchgehen könnte. Das ist, wie der ganze Film, nicht verwerflich. Aber aufregend ist es auch nicht.