Angefangen hat alles mit Fußballsammelbildern. "Das war 1963, da war ich elf, zwölf Jahre alt". Uwe Blaschke zieht an seiner Zigarette und erinnert sich. Im Städtischen Museum Engen hat er in den vergangen Tagen zahlreiche Reliquien der Popgeschichte ausgepackt, geordnet, an Wände drapiert und mit kleinen Informationsschildchen versehen. Uwe Blaschke ist Sammler. Leidenschaftlich. Seit vielen Jahren. Ein Experte, sagen viele, die es wissen müssen; und wer die mehrere Hundert Einzelstücke umfassende Schau in Engen gesehen hat, wird daran keinen Zweifel hegen. Mit Fußballbildchen beschäftigt er sich schon lange nicht mehr, wenngleich auch diese Alben vermutlich noch irgendwo geordnet einen Platz bei Blaschke Zuhause inne haben dürften. Der gelernte Grafiker aus Minden, Jahrgang 1952, ist Beatles-Sammler. Seine Sammlung mit Memorabilia der Pilzköpfe gilt als eine der umfassendsten in Europa. Dabei fand zu Beginn der achtziger Jahre seine "Beatles-Sammlung" noch in einem Schuhkarton Platz. Heute müssen drei überdimensionierte Rollcontainer dafür herhalten. Eine Sucht, die sich auch räumlich Ausdruck gibt. Zur Zeit im Städtischen Museum, Engen. "Dabei habe ich fast 20 Jahre Beatles-Sammel-Pause gemacht, eine Familie gegründet, geheiratet." Zum Beatles-Experten wurde er erst später. "Die sechziger Jahre habe ich zwar erlebt, aber zu Beginn der sechziger Jahre war ich für die Beatles noch zu jung." In den Siebzigern hat Blaschke selbst Musik gemacht. An Virginia, eine der Bands, bei der er am Schlagzeug saß, wird sich außerhalb von Minden vermutlich kaum noch jemand erinnern. Im Vorprogramm von Eloy sind sie mal aufgetreten. Blaschke erzählt das nicht. Bei www.mucker-treff.de, dem "Online-Magazin für Musiker aus OWL & Schaumburg", findet sich ein Eintrag – neben den "Herbies", den "Angels" oder den "Weird Western Wizzards", längst vergessenen lokalen Helden. "Beim Proben haben wir manchmal Beatles-Songs gespielt und bemerkt wie komplex die Stücke der Fab Four sind", sagt der Sammler mit einem Lächeln. Musik und Sammlertum - es ist eine merkwürdige Liaison, die in gewisser Weise aber dem Beginn der Popgeschichte wie wir sie kennen gleichkommt. Die Beatles und ihr Manager Brian Epstein waren Pioniere auf diesem Feld, lange bevor die großen Plattenfirmen in globalen Marketingstrategien dachten. Viele dieser Strategien, die heutzutage ein Großteil des Marktes bestimmen, wurden zum ersten Mal von den Fab Four aus Liverpool und ihrem Manager umgesetzt. Niemand hatte zuvor an nationale Lizenzierungen einzelner Memorabilia gedacht: Kämme, Tassen, Haar-Pomade und selbst Strumpfhosen mit dem Konterfei der englischen Pophelden bildeten und bilden einen riesigen Markt, der neben dem eigentlichen Produkt, der Musik, reißenden Absatz fand. Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit: bei den Beatles wurde er zu einem massenhaft gefertigten Produkt, das die Musik endgültig in der Warenwelt ankommen ließ. Der Mythos, der sich um die Band aus Liverpool spinnt, war die erste Voraussetzung hierfür. Die Nachbeben der Beatlemania sind noch heute zu spüren. Für Uwe Blaschke, den gelernten Grafiker, war von Anfang vor allem die Warenseite und das Design, die Umsetzung diverser grafischer Elemente in den Fanartikeln, von Interesse. "Als ich ernsthaft angefangen haben Dinge von den Beatles zu sammeln, hatte ich eigentlich nur so Standard-Zeug: Bravo-Poster, Sammelbilder, etc." Ein Besuch im Kölner Beatles-Museum von Rainer Moers, selbst ein ausgewiesener Experte in Sachen Beatles (und Autor von "Die Beatles - Geschichte und Chronologie"), brachte die Wende. "Ich habe dort Sachen entdeckt, die etwas in mir ausgelöst haben." Rückblickend betrachtet ist es der Beginn einer Jahrzehnte umfassenden Sammelleidenschaft. Heute umfasst die Sammlung von Uwe Blaschke zwischen 500 und 600 Memorabilia-Teile. Schautafeln, Magazine, Kaugummi-Bildchen, Taschenmesser, Schuhe, Gläser, Haar-Pomade und viele handsignierte Originaldokumente. Es ist eine irrsinnige Ansammlung an höchst unterschiedlichen Fan-Artikeln, die der Glamour der sechziger Jahre eint. "Wichtig war für mich von Anfang an, dass es Originalobjekte aus der Zeit der Beatles sind, keine späteren Editionen." Zehn Jahre Beatles-Merchandising folgten Jahrzehnte der Ausschlachtung, akribisch aufgelistet im "Memorabilia Prize Guide", einem Werk aus dem Jahre 1997, an dem auch Blaschke mitgearbeitet hat. Beatles-Fans finden darin Anhaltspunkte über den Wert einzelner Objekte. Beatles-Memorabilia haben in den vergangenen Jahrzehnten eine exorbitante Wertsteigerung erfahren. Originalunterschriften, handgeschriebene Songtexte und von Lennon oder McCartney gespielte Instrumente erzielen bei Auktionen Preise, die selbst von den betuchtesten Fans kaum noch zu bezahlen sind. Sechsstellige Summen sind keine Seltenheit. Als Blaschke zu Beginn der achtziger Jahre intensiv mit dem Sammeln von Beatles-Objekten begann, war das noch ein wenig anders. "Ich kam in Kontakt mit anderen Sammlern und habe nach vielen Dingen in den USA Ausschau gehalten. "Rockaway Records", ein Platten- und Memorabilialaden am Glendale Boulevard in Los Angeles, gilt bei Sammlern als eine dieser Adressen, wo unauffindbar geglaubte Fanartikel hin und wieder auftauchen. "Daneben habe ich viele Dinge bei Auktionshäusern in England erstanden". Das Geheimnis dabei: "Am Tag nach der Auktion werden die Objekte, die nicht verkauft worden sind, zu einem Bruchteil des Preises angeboten, der im Rahmen der Auktion erzielt worden wäre." Blaschke hat sich auf diesem Wege nach und nach einen nicht unbeträchtlichen Teil seiner Sammlung zusammengekauft. Aber es gab auch spektakulärere Transaktionen. Eine, die in Berichten über Blaschke immer wieder gerne kolportiert wird, fand nachts an einer Tankstelle in Hamburg-Bahrenfeld statt. Zwei Männer trafen sich dort, tauschten einen Umschlag gegen ein ordentliches Bündel Bargeld und gingen anschließend ihrer Wege. Ein Deal der besonderen Art. Blaschke hat damals ein Prunkstück seiner Sammlung erstanden: den ersten Plattenvertrag der Beatles. Sechs maschinenbeschriebene Seiten aus dem Jahre 1961 mit den Unterschriften von Bert Kaempfert und den Beatles. "My Bonnie" wäre ohne dieses Schriftstück nie eingespielt worden. "Das war alles halb so wild", relativiert Blaschke den Hergang der Transaktion. "An der Tankstelle haben wir uns nur getroffen, weil ich mich in Hamburg nicht auskannte und die Tankstelle in Bahrenfeld, die für mich am nächsten gelegene war." Blaschke ist kein Mann der unnötig Mythen schürt. Seinen Ruf als Fachmann für Beatles-Unterschriften hat er sich auf andere Weise erarbeitet. Mittlerweile holen Fans aus aller Welt und diverse Auktionshäuser bei ihm Rat ein, wenn es um die Beurteilung von Beatles-Autogrammen geht. "Jede Unterschrift ist einmalig", weiß Blaschke zu berichten; aber auch: "ein Großteil der Autogramme, die auf dem Markt angeboten werden, sind Fälschungen." Blaschke besonderes Interesse gilt der Frühphase der Beatles, den Jahren ’60 bis ’62, als die Beatles noch nicht den Status inne hatten, den sie danach erreichten. "Fälscher machen nicht das ’62-er Autogramm nach, sondern das von ’64". Was für den Laien nur schwer zu erkennen ist, offenbart sich dem Sammler aus Minden auf den ersten Blick. Viele Zeitgenossen der Hamburger-Phase der Beatles hat er mittlerweile selbst kennen gelernt. Mit der Fotografin Astrid Kirchherr, die nicht unwesentlich am frühen Image der Pilzköpfe beteiligt war, ist er befreundet. Ringo Starr und McCartney hat er schon persönlich getroffen. "Nur kurz und nur zum Smalltalk", wie der Sammler versichert. Träume hat aber auch er noch: "ein Beatles-Museum in Hamburg!". Blaschke ist in Verhandlungen und vielleicht wird es in der deutschen Hansestadt, in der die Geschichte der Beatles ihren Anfang nahm, in naher Zukunft einige der Objekte aus seiner Sammlung dauerhaft zu sehen geben. Abwegig wäre das nicht. Noch aber ist die bislang umfassende Schau seiner Sammlung in Engen zu sehen. Noch einmal zieht er an seiner Zigarette, dann macht er sich auf den Weg. Es soll Rhabarberkuchen und Kaffee in einem altmodischen Café unweit des Museums geben. Blaschke verabschiedet sich mit einem Lächeln und einem kräftigen Händedruck. In einem anderen Leben muss er Türsteher gewesen sein. Seine Gestalt verliert sich auf der Straße. Ein Sammler aus Minden. Heute Abend wird er Beatles-Autogramme begutachten. Einige Fans werden enttäuscht nach Hause gehen: alles Fälschungen!Infos: Die Sonderausstellung "Die Beatles kommen!" im Städtischen Museum Engen und Galerie, Klostergasse 19, ist noch bis zum 24. Juli zu sehen. Öffnungszeiten: Di-Fr 14-17 Uhr; Sa 10-17 Uhr; So 10-20 Uhr. Führungen finden sonntags statt. Führungen für Gruppen nach Voranmeldung unter 07733/502-0;-211. Weitere Informationen zur Uwe Blaschke Collection unter www.BeatlesCollection.de.